Ein kleines Mädchen stoppte einen Geschäftsmann am Bahnhof – ihre fünf Worte veränderten plötzlich alles

Sie sah auf ihre Hände.

„Irgendwann hatte ich keinen eigenen Cent mehr.“

Matthias wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

Katharina fuhr fort.

„Vor vier Monaten bin ich gegangen.“

„Wohin?“

„Erst zu einer Bekannten. Dann in eine geschützte Unterkunft.“

Sie strich über den Rand der Suppenschüssel.

„Ich habe nachts Büros gereinigt. Tagsüber Bewerbungen geschrieben.“

Matthias nickte.

„Und Kiel?“

Katharina sah ihn an.

„Dort lebt meine Schwester.“

Jetzt kamen wieder Tränen.

„Sie ist die Einzige aus meiner Familie, die noch mit mir spricht.“

„Warum sollten die anderen nicht mit Ihnen sprechen?“

„Weil ich jahrelang jeden weggestoßen habe.“

„Oder weil Ihr Mann dafür gesorgt hat.“

Katharina schwieg.

„Meine Schwester hat mir trotzdem verziehen.“

Sie wischte sich über die Augen.

„Sie hat ein kleines Gästezimmer. Nicht viel. Aber genug für Clara und mich.“

„Und die Arbeit?“

„Ich habe eine Stelle.“

Jetzt lächelte sie wirklich.

Nur kurz.

„Buchhaltung bei einem mittelständischen Betrieb. Teilzeit zuerst. Wenn alles klappt, später mehr.“

„Wann beginnen Sie?“

„Montag.“

Matthias nickte.

„Dann ist doch alles geregelt.“

Katharina lachte wieder bitter.

„Das dachte ich auch.“

Sie sah zu Clara.

Das Mädchen war völlig damit beschäftigt, Hoppel winzige Brotkrümel anzubieten.

„Heute Morgen stand mein Mann plötzlich vor der Unterkunft.“

Matthias richtete sich auf.

„Woher wusste er, dass Sie dort sind?“

„Keine Ahnung.“

Ihre Finger verkrampften sich.

„Er wollte, dass ich zurückkomme. Hat gesagt, ich würde die Familie zerstören.“

Sie atmete schwer aus.

„Dann hat er mitten auf der Straße geschrien. Clara hat angefangen zu weinen. Jemand hat Hilfe gerufen.“

„Ist etwas passiert?“

„Nein. Man hat ihn weggeschickt.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Aber wir haben unseren Zug verpasst.“

„Und die neuen Fahrkarten können Sie sich nicht leisten.“

Katharina nickte.

„Ich habe noch 63 Euro.“

Sie sagte es, als würde sie ein Geständnis ablegen.

„Das reicht für Essen bis zum Monatsende und vielleicht für einen Teil der Fahrt.“

„Und wenn Sie heute nicht nach Kiel kommen?“

„Dann weiß ich es nicht.“

Ihre Stimme brach.

„Genau deshalb war ich auf der Toilette.“

Jetzt kamen die Tränen.

„Ich wollte nicht, dass Clara mich sieht.“

Sie presste die Hand vor den Mund.

„Ich war so nah dran.“

Matthias schwieg.

„Vier Monate“, sagte Katharina. „Vier Monate jeden Cent gespart. Nachts Toiletten geschrubbt. Tagsüber Bewerbungen. Keine neuen Schuhe. Keine neue Jacke für mich.“

Sie zeigte auf Claras Mantel.

„Für sie habe ich gebraucht gekauft.“

Dann schüttelte sie verzweifelt den Kopf.

„Und jetzt scheitert alles an zwei Zugfahrkarten.“

Matthias spürte, wie in ihm etwas hochstieg.

Wut.

Nicht auf sie.

Auf die Absurdität.

Er dachte an die Rechnung für das Geschäftsessen der vergangenen Woche.

740 Euro.

Sieben Menschen, drei Flaschen Wein, viel Gerede.

Niemand erinnerte sich heute noch daran.

Für Katharina konnten hundert Euro darüber entscheiden, ob ein neues Leben begann oder nicht.

Matthias zog sein Handy heraus.

Katharina hob sofort die Hand.

„Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Sie wollen die Tickets kaufen.“

„Richtig.“

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Warum?“

„Weil ich keine Almosen will.“

„Dann nennen wir es nicht so.“

„Wie denn sonst?“

Matthias überlegte.

„Vorschuss aufs Leben.“

Katharina starrte ihn an.

Dann musste sie trotz der Tränen lachen.

„Das ist der dümmste Ausdruck, den ich je gehört habe.“

„Gut. Dann funktioniert er.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie kennen mich überhaupt nicht.“

„Stimmt.“

„Ich könnte Sie anlügen.“

„Könnten Sie.“

„Vielleicht stimmt kein Wort.“

Matthias lehnte sich zurück.

„Wissen Sie, was ich beruflich mache?“

„Nein.“

„Ich führe eine Firma.“

Katharina sah auf seinen Mantel.

„Das überrascht mich jetzt nicht.“

„Seit fast zwanzig Jahren stelle ich Menschen ein. Verhandle Verträge. Sitze in Gesprächen, in denen jeder versucht, besser auszusehen, als er ist.“

Er zeigte mit dem Kinn auf Clara.

„Ihre Tochter hat mich gefunden, weil sie Angst um Sie hatte.“

Katharina senkte den Blick.

„Sie hatten Hunger und haben trotzdem niemanden angebettelt.“

Er deutete auf ihre Suppe.

„Sie schieben seit zwanzig Minuten Essen herum, weil Sie wahrscheinlich überlegen, ob ich es mir irgendwann zurückholen will.“

Katharina wurde rot.

„Sie haben mehr Angst davor, abhängig zu sein, als davor, heute Nacht nicht zu wissen, wo Sie schlafen.“

Matthias beugte sich etwas vor.

„Das reicht mir.“

Katharina sagte lange nichts.

Dann flüsterte sie:

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum helfen Sie uns?“

Matthias wollte zuerst eine einfache Antwort geben.

Weil ich es kann.

Weil es nur Geld ist.

Weil Clara mich angesprochen hat.

Doch keine davon fühlte sich vollständig an.

Er sah durch die große Fensterscheibe auf die vorbeieilenden Menschen.

Männer mit Rollkoffern.

Frauen mit Einkaufstaschen.

Ein älteres Ehepaar, das sich am Arm hielt.

Ein Vater, der seinem Sohn die Mütze richtete.

Plötzlich dachte Matthias an Lena.

Seine eigene Tochter.

Sechzehn Jahre alt.

In drei Monaten siebzehn.

Er wusste nicht einmal genau, welche Musik sie im Moment hörte.

Er wusste, dass sie Kunst mochte.

Oder hatte sie damit aufgehört?

Er wusste, dass sie früher immer Pfannkuchen mit Apfelmus bestellt hatte.

Aber wann hatte er zuletzt mit ihr gegessen?

Weihnachten?

Nein.

Da hatte er wegen eines Geschäftsproblems zwei Stunden telefoniert.

Vielleicht im Sommer.

Matthias schluckte.

„Weil ich einmal geglaubt habe, Arbeit sei das Wichtigste im Leben.“

Katharina wartete.

„Meine Frau hat mich vor vier Jahren verlassen.“

„Das tut mir leid.“

„Mir damals nicht.“

Er lächelte traurig.

„Ich war überzeugt, sie würde übertreiben.“

„Und heute?“

„Heute weiß ich, dass sie sehr lange nicht übertrieben hat.“

Er sah wieder hinaus.

„Ich war nie da.“

„Sie hatten viel zu tun.“

„Das habe ich mir auch immer gesagt.“

Er rieb sich über das Kinn.

„Mein Vater hat früher in einer Werkstatt gearbeitet. Vierzig Jahre lang. Er kam jeden Abend ungefähr um halb sechs nach Hause.“

Matthias lächelte.

„Egal, wie müde er war. Um sechs wurde gegessen.“

„Klingt altmodisch.“

„War es auch.“

„Aber schön.“

„Ja.“

Matthias nickte.

„Damals fand ich sein Leben klein.“

Er sah auf seine teure Uhr.

„Heute wäre ich manchmal froh, wenn ich etwas von diesem kleinen Leben zurückbekäme.“

Katharina sagte nichts.

„Mein Vater hatte nie viel Geld“, fuhr Matthias fort. „Aber wenn ein Nachbar Schwierigkeiten hatte, stand er mit Werkzeug vor der Tür.“

Er lächelte.

„Er sagte immer: Wenn du zwei Hände hast und jemand anders braucht eine davon, dann überleg nicht so lange.“

Katharina sah ihn an.

„Ihr Vater klingt nach einem guten Mann.“

„Das war er.“

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