Matthias räusperte sich.
„Und ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu verstehen, was er mir eigentlich beibringen wollte.“
Er stand auf.
„Also.“
„Was?“
„Wir kaufen jetzt zwei Fahrkarten nach Kiel.“
„Herr Bergmann …“
„Matthias.“
„Matthias. Ich kann das wirklich nicht.“
„Doch.“
„Ich zahle es zurück.“
„Nein.“
„Doch.“
„Dann machen wir einen anderen Vertrag.“
Katharina hob misstrauisch die Augenbrauen.
„Welchen?“
„Wenn Sie irgendwann wieder auf den Beinen sind und jemanden sehen, der genau dort steht, wo Sie heute stehen …“
Er deutete auf sie.
„… dann helfen Sie.“
Katharina schluckte.
„Das ist alles?“
„Das ist alles.“
Sie kaufte er nicht nur zwei Fahrkarten.
Er buchte Plätze in der ersten Klasse.
Als Katharina es sah, blieb sie vor dem Automaten stehen.
„Sind Sie verrückt?“
„Möglich.“
„Die normalen Plätze hätten gereicht.“
„Clara braucht Platz für Hoppel.“
Clara nickte ernst.
„Der braucht viel Platz.“
Katharina presste sich die Hand vor den Mund, damit sie nicht wieder weinte.
Matthias zog zusätzlich 200 Euro Bargeld ab.
Als er es ihr geben wollte, trat sie einen Schritt zurück.
„Nein.“
„Für Essen.“
„Nein.“
„Für ein Taxi bei Ihrer Schwester.“
„Matthias.“
„Für Clara.“
Katharina schloss die Augen.
Das war unfair.
Und beide wussten es.
Schließlich nahm sie das Geld.
Ihre Finger zitterten.
„Ich werde das nie vergessen.“
„Das sollen Sie auch nicht.“
Sie sah erschrocken auf.
Matthias lächelte.
„Sie sollen nur nicht vergessen, es weiterzugeben.“
Eine halbe Stunde später standen sie am Bahnsteig.
Clara hielt Hoppel am Ohr und winkte damit.
Katharina umarmte Matthias.
Zögernd zuerst.
Dann fest.
„Danke.“
„Gern.“
„Nein.“
Sie trat zurück.
„Sie verstehen das nicht.“
„Was?“
„Heute Morgen dachte ich, ich hätte versagt.“
Ihre Stimme bebte.
„Ich dachte, vielleicht hat mein Mann recht. Vielleicht schaffe ich es allein nicht.“
Matthias schwieg.
„Und jetzt sitzen wir gleich in diesem Zug.“
Sie wischte sich über die Augen.
„Manchmal braucht man wohl nur einen einzigen Menschen, der sagt: Geh weiter.“
Matthias nickte.
„Dann gehen Sie weiter.“
Clara zog an seinem Mantel.
„Matthias?“
„Ja?“
„Bist du reich?“
Katharina wurde rot.
„Clara!“
Matthias lachte.
„Ein bisschen.“
Clara dachte nach.
„Dann kannst du viele Käsebrote kaufen.“
„Das stimmt.“
„Und Hoppel sagt Danke.“
Sie hielt ihm den Stoffhasen hin.
Matthias schüttelte dessen Pfote.
„Gern geschehen, Hoppel.“
Der Zug fuhr ein.
Katharina stieg mit Clara ein.
Kurz bevor sich die Türen schlossen, drehte sie sich noch einmal um.
„Und Ihre wichtige Sitzung?“
Matthias sah auf seine Uhr.
„Die habe ich verpasst.“
Katharinas Gesicht entgleiste.
„Wegen uns?“
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Wegen mir.“
Sie verstand nicht.
Noch nicht.
Die Türen schlossen sich.
Matthias blieb stehen, bis der Zug aus dem Bahnhof verschwunden war.
Dann nahm er sein Handy.
27 verpasste Nachrichten.
Sechs Anrufe.
Er rief seinen Assistenten an.
„Herr Bergmann! Wo sind Sie?“
„Berlin.“
„Der Termin in Hamburg beginnt in anderthalb Stunden.“
„Ich weiß.“
„Sollen wir ein Auto organisieren?“
Matthias sah auf die leeren Gleise.
„Nein.“
Stille.
„Nein?“
„Verschieben Sie die Sitzung.“
„Aber die Geschäftsleitung—“
„Die wird es überleben.“
Sein Assistent schwieg.
„Ist etwas passiert?“
Matthias lächelte.
„Ja.“
„Etwas Schlimmes?“
„Nein.“
Er atmete tief ein.
„Vielleicht etwas ziemlich Gutes.“
Nach dem Gespräch öffnete Matthias seine Kontakte.
Lena.
Seine Tochter.
Er starrte lange auf den Namen.
Dann drückte er auf Anrufen.
Es klingelte viermal.
„Hallo?“
Ihre Stimme klang vorsichtig.
„Lena.“
„Papa?“
Die Überraschung traf ihn.
Seine eigene Tochter klang überrascht, wenn ihr Vater anrief.
Allein das hätte ihm wehtun müssen.
„Ist alles okay?“
„Ja.“
„Brauchst du was?“
Matthias schloss die Augen.
„Nein.“
„Warum rufst du dann an?“
Da war keine Bosheit.
Nur Gewohnheit.
„Ich wollte dich fragen, ob du nächstes Wochenende Zeit hast.“
Pause.
„Wofür?“
„Für mich.“
Noch längere Pause.
„Wie meinst du das?“
„Wir könnten etwas machen.“
„Du musst doch bestimmt arbeiten.“
„Nein.“
„Papa.“
„Diesmal nicht.“
Er hörte ihr Atmen.
„Was ist passiert?“
Matthias lächelte traurig.
„Ich glaube, ich bin heute aus Versehen an der richtigen Stelle falsch abgebogen.“
„Das klingt sehr seltsam.“
„Ist es auch.“
„Und was willst du machen?“
„Du entscheidest.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Auch wenn es dich langweilt?“
„Sogar dann.“
Lena lachte leise.
Dieses Lachen hatte er vermisst, ohne es zu merken.
„Es gibt eine Ausstellung, die ich sehen wollte.“
„Dann gehen wir hin.“
„Du hasst Ausstellungen.“
„Dann lerne ich eben, sie weniger zu hassen.“
Wieder dieses Lachen.
„Okay.“
Matthias schluckte.
„Lena?“
„Ja?“
„Es tut mir leid, dass ich so oft keine Zeit hatte.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Das war jetzt plötzlich sehr ernst.“
„Ich weiß.“
„Ist wirklich alles okay?“
„Jetzt vielleicht zum ersten Mal seit Langem.“
Sechs Monate später saß Matthias in seinem Büro, als seine Assistentin anrief.
„Herr Bergmann? Hier ist eine Katharina Weber mit ihrer Tochter. Sie sagt, Sie würden sich vielleicht erinnern.“
Matthias stand sofort auf.
„Schicken Sie beide rein.“
Die Tür öffnete sich.
Für einen Moment erkannte er Katharina kaum wieder.
Nicht wegen ihrer Kleidung.
Sie trug eine schlichte Stoffhose und eine dunkelblaue Bluse.
Nichts Besonderes.
Aber sie stand anders.
Gerade.
Ruhig.
Hinter ihr kam Clara herein.
Hoppel war noch immer dabei.
Allerdings trug der Stoffhase jetzt einen winzigen selbstgestrickten Schal.
„Schau“, rief Clara. „Hoppel hat Winter!“
Matthias lachte.
„Das sehe ich.“
Katharina legte einen Umschlag auf seinen Tisch.
„Bevor Sie etwas sagen: Erst aufmachen.“
Matthias tat es.
Darin lagen 200 Euro.
Er sah sie an.
„Wir hatten eine Abmachung.“
„Ich weiß.“
„Sie sollten das Geld weitergeben.“
Katharina lächelte.
„Habe ich.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Letzten Monat stand am Bahnhof eine ältere Frau vor dem Fahrkartenautomaten.“
Katharina setzte sich.
„Vielleicht Ende sechzig. Sie wollte zu ihrem Bruder ins Krankenhaus fahren.“
„Und?“
„Ihre Bankkarte funktionierte nicht.“
Matthias begann zu lächeln.
„Sie hat bestimmt fünfmal versucht, das Geld zusammenzuzählen.“
Katharina nickte.
„Ich habe ihre Fahrkarte gekauft.“
„Sehr gut.“
„Und einen Kaffee.“
„Noch besser.“
„Und dann war sie beleidigt.“
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