Lara hatte bis zum Abend gewartet. Danach bis zum nächsten Morgen.
„Ich hab irgendwann nicht mehr nach der Uhr geguckt“, sagte sie.
Die Monate davor waren schon kein richtiges Zuhause mehr gewesen. Wechselnde Zimmer, Bekannte der Mutter, Streit, wieder Taschen packen.
Die Mutter war krank und abhängig. Manchmal hatte sie Hilfe angenommen, manchmal war sie verschwunden, bevor jemand sie erreichen konnte.
Laras Vater war früh gestorben. Zu den Vätern ihrer Brüder gab es keinen verlässlichen Kontakt.
Schon lange hatte Lara Brote geschmiert, Wäsche gesucht und aufgeschrieben, wann Ole schlafen musste. Irgendwann hatte niemand mehr bemerkt, dass ein Kind den Alltag von vier Kindern zusammenhielt.
Der Wagen war nach dem Verschwinden der Mutter nicht mehr bewegt worden. Lara konnte nicht fahren.
Sie waren dort geblieben, bis ein Bekannter der Mutter aufgetaucht war. Er hatte den Kombi ein paar Orte weitergebracht, etwas Geld genommen und versprochen, sich wieder zu melden.
Danach hatte Lara angefangen, Fremde um Essen zu bitten.
Sie hatte Pfand gesammelt. Vor einem Supermarkt nach Arbeit gefragt. Bei einer Bäckerei kurz vor Ladenschluss gewartet.
„Einmal hat eine Frau gesagt, ich soll meine Eltern schicken.“
Lara betrachtete ihre Hände.
„Ich hab gesagt, das mache ich.“
Warum sie nicht zur Polizei gegangen war, fragte Hartmut erst, als die Jungen schliefen.
Lara zog die Decke höher.
„Wir waren schon mal untergebracht. Nicht zusammen. Ich durfte Jannis fast zwei Wochen nicht sehen, weil alles erst geklärt werden musste.“
„War jemand schlecht zu euch?“, fragte Frau Lenz.
„Ich weiß nicht, ob die Leute schlecht waren“, sagte Lara. „Aber Ole war noch ganz klein. Als wir ihn wiedergesehen haben, hat er nach einer anderen Frau gerufen.“
Sie biss sich auf die Lippe.
„Jannis dachte, wir holen ihn nie wieder ab. Danach hat er nachts vor meiner Tür geschlafen.“
Aus dieser Erfahrung war eine Gewissheit geworden, gegen die kein vernünftiger Satz ankam: Wer Hilfe holte, verlor seine Geschwister.
Frau Lenz widersprach ihr nicht sofort.
„Das hätte man euch besser erklären und begleiten müssen“, sagte sie. „Und jetzt müssen wir dafür sorgen, dass ihr versteht, was passiert.“
Später erzählte Lara von den Männern auf den Parkplätzen.
Sie benutzte kaum Worte dafür. Es reichte trotzdem.
Erwachsene hatten ihre Not erkannt und ausgenutzt. Einer hatte ihr eingeredet, so könne sie schneller an Geld kommen.
Hartmut stand auf und ging ans Fenster. Seine verkrümmte Hand lag flach auf der Fensterbank.
Als er sich wieder setzte, sprach er genauso ruhig wie vorher.
„Was Erwachsene dir angetan haben, ist nicht deine Schuld.“
Lara schüttelte den Kopf.
„Ich bin doch hingegangen.“
„Weil du Angst um drei kleine Kinder hattest“, sagte Frau Lenz. „Du warst fünfzehn. Die Erwachsenen hatten die Verantwortung.“
Lara hörte zu, als wäre dieser Gedanke in einer Sprache ausgesprochen worden, die sie noch nicht richtig verstand.
Am Morgen mussten wir nach Hause fahren, uns waschen und ein paar Stunden schlafen. Hartmut wollte bleiben.
Frau Lenz erklärte ihm freundlich, dass jetzt Fachleute bei den Kindern waren und er ebenfalls Ruhe brauchte.
„Sie können später wiederkommen, wenn Lara das möchte.“
Lara hob sofort den Kopf.
„Er soll wiederkommen.“
Hartmut zog sein Handy hervor und zeigte ihr ein Foto seiner Enkelin.
„Die ist ein Jahr älter als du. Hat mir neulich erklärt, dass man Nachrichten auch ohne Anruf schicken kann.“
Er schrieb seine Nummer auf einen Zettel. Darunter setzte er in seiner kantigen Werkstattschrift: Hartmut. Ich komme um drei.
Lara faltete den Zettel zweimal.
Um zwanzig vor drei stand er wieder im Krankenhaus.
Eine gemeinsame Unterbringung für vier Geschwister zu finden, war schwierig.
Frau Lenz telefonierte, ihre Kolleginnen telefonierten, Plätze wurden geprüft und wieder verworfen. Hartmut saß daneben und merkte zum ersten Mal, wie wenig sich manches beschleunigen ließ.
„Ich habe ein Haus“, sagte er schließlich.
Frau Lenz sah ihn an.
„Vier Zimmer oben. Garten. Die Schule ist zehn Minuten entfernt.“
„Das ist ein ernstes Angebot?“
„Sonst würde ich es nicht machen.“
Seine Frau Renate war zwei Jahre zuvor gestorben. Seitdem hatte er im Erdgeschoss gelebt, obwohl das Haus für eine Familie gebaut worden war.
Oben standen noch die Möbel seiner Kinder. Er ging nur hinauf, wenn er die Fenster öffnete.
„Hartmut“, sagte ich später auf dem Parkplatz. „Der Kleinste ist drei.“
„Ich habe ihn gesehen, Rainer.“
„Du kannst das nicht allein.“
Er lehnte am Transporter und rieb sich über das Gesicht.
„Weiß ich.“
Das war das Neue an ihm.
Früher hätte er behauptet, er käme zurecht. Nach Renates Tod hatte er selbst dann keine Hilfe gewollt, als er wegen seiner Hüfte kaum die Treppe schaffte.
Jetzt rief er seine Tochter an.
Miriam war neununddreißig, arbeitete als Sozialpädagogin und lebte mit ihrem Mann Jan in einer Mietwohnung am anderen Ende der Stadt.
Sie hörte lange zu.
„Papa, du kannst nicht vier Kinder aufnehmen, weil dir heute Nacht das Herz gebrochen ist.“
Hartmut blickte durch die Scheibe zum Krankenhaus.
„Dann hilf mir, etwas zu finden, das auch morgen noch trägt.“
Miriam kam noch am selben Tag.
Für die ersten Wochen wurde tatsächlich eine Einrichtung gefunden, in der alle vier gemeinsam bleiben konnten. Nicht direkt um die Ecke, aber erreichbar.
Lara bekam ein eigenes Bett im Zimmer neben ihren Brüdern. Die Türen durften nachts offen bleiben.
Hartmut fuhr an den vereinbarten Besuchstagen hin. Ich begleitete ihn oft.
Manchmal nahm Lara ihn kaum wahr. Manchmal saß sie eine Stunde neben ihm und fragte fünfmal, wann er wiederkäme.
Er antwortete jedes Mal.
Ben wollte Bücher. Jannis wollte wissen, wie ein Motor funktionierte. Ole wollte meistens nur auf Hartmuts Schuhen stehen und sich an seiner Jacke festhalten.
Von uns anderen bekam jeder allmählich eine Aufgabe.
Dieter reparierte die kleinen Fahrräder der Einrichtung, nachdem er gefragt hatte. Uwe brachte einen gebrauchten, geprüften Kindersitz mit, der dort gebraucht wurde.
Ich lernte, dass man einem siebenjährigen Jungen nichts aus der Hand nahm, nur weil er es unnötig festhielt.
Auch kein trockenes Brötchen.
Währenddessen wurde Hartmuts Angebot geprüft. Gespräche, Unterlagen, Hausbesuche.
Sein Alter wurde besprochen, seine Gesundheit, seine Trauer. Wer einspringen würde, wenn er krank wäre. Wie viel Nähe die Kinder suchten und wie viel Unterstützung sie darüber hinaus brauchten.
Er ärgerte sich manchmal über die Fragen.
„Die wollen wissen, ob ich noch Treppen steigen kann.“
„Können musst du es ja“, sagte Miriam.
Er brummte. Dann ging er zum Arzt.
Aus seinem ersten Entschluss wurde langsam ein gemeinsamer Plan.
Miriam und Jan hatten schon länger über Pflegekinder nachgedacht und sich damit beschäftigt. Jetzt mussten sie gründlich prüfen, ob sie gerade diesen vier Kindern gerecht werden konnten.
Sie sagten nicht nach einem Abendessen zu.
Sie lernten Lara und die Jungen kennen. Sprachen mit den Fachkräften. Stritten miteinander über Arbeitszeiten, Platz und die Frage, wie ihr eigenes Leben aussehen würde.
Schließlich beschlossen sie, in Hartmuts Haus zu ziehen und sich als Pflegefamilie prüfen zu lassen. Hartmut sollte dort wohnen bleiben und verlässlich zum Alltag gehören.
Das Haus allein machte sie nicht geeignet. Ihre guten Absichten ebenfalls nicht.
Aber es entstand etwas, das geprüft, begleitet und im Alltag getragen werden konnte.
Es ging nicht ohne Rückschläge.
Eines Tages hörte Lara einen Teil eines Gesprächs über mögliche Alternativen. Jemand sagte, für die jüngeren Jungen ließe sich vielleicht schneller ein Platz finden.
Als Hartmut am Nachmittag kam, standen vier gepackte Taschen neben der Tür.
Jannis trug seine Jacke. Ben hielt Oles Schuhe.
Lara sah Hartmut mit einem Blick an, den ich bis heute nicht vergessen habe.
„Sie haben gesagt, wir bleiben zusammen.“
Hartmut sah zu Frau Lenz. Dann wieder zu Lara.
„Ich habe gesagt, dass ich mich dafür einsetze.“
„Ist doch dasselbe!“
„Für dich war es das“, sagte er leise.
Sie schlug mit der flachen Hand gegen den Türrahmen.
„Sie haben keine Ahnung! Sie fahren abends nach Hause. Und wir bleiben hier und warten, wer morgen weg ist!“
Hartmut ließ sie ausreden. Danach setzte er sich auf den Boden neben die Taschen.
Mit sechsundsechzig und einer schlechten Hüfte war das kein eleganter Vorgang.
„Dann klären wir jetzt, was gesagt wurde“, antwortete er. „Und danach besprechen wir, was ihr braucht. Ich fahre vorher nicht.“
Frau Lenz holte die zuständige Kollegin dazu. Das Gespräch dauerte lange.
Die Kinder waren müde, die Erwachsenen auch. Es gab keine perfekte Formulierung, die alles wiedergutmachte.
Aber Lara packte die Taschen wieder aus.
Später sagte sie zu mir: „Er hat nicht behauptet, ich hätte falsch zugehört.“
Ich glaube, an diesem Nachmittag begann sie ihm wirklich zu vertrauen.
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