Die Polizei führte ihre Ermittlungen unabhängig davon weiter.
Lara wurde behutsam befragt und dabei begleitet. Nicht alles musste sie an einem einzigen Tag erzählen.
Ihre Mutter wurde gefunden. Sie lebte, brauchte Behandlung und konnte sich vorerst nicht um die Kinder kümmern.
Als Lara das hörte, weinte sie zuerst vor Erleichterung. Danach wollte sie tagelang nicht über ihre Mutter sprechen.
Niemand drängte sie dazu.
Auch die Männer, die ihre Not ausgenutzt hatten, wurden zum Gegenstand der Ermittlungen. Was daraus später wurde, war Laras Angelegenheit und gehörte nicht an unseren Kaffeetisch.
Hartmut fragte nur einmal, ob sie Angst vor einem Termin habe.
Sie nickte.
„Soll ich mitfahren?“
„Dürfen Sie da überhaupt rein?“
„Vielleicht nicht. Dann warte ich draußen.“
Er wartete draußen.
Bis zum Einzug vergingen Monate.
Es gab zunächst Besuche im Haus, dann gemeinsame Nachmittage, später Übernachtungen. Miriam und Jan übernahmen zunehmend Verantwortung, mit Unterstützung und festen Ansprechpartnern.
Hartmut lernte, Termine in einen Kalender einzutragen, statt sich alles auf die Rückseite alter Rechnungen zu schreiben.
Wir bauten keine Luxuszimmer.
Wir strichen Wände, befestigten Regale und brachten eine Lampe an, die Ole vom Bett aus erreichen konnte. Lara suchte zum ersten Mal selbst eine Bettdecke aus.
Vor dem Einzug stand sie lange vor ihrem Zimmer.
„Was ist, wenn ich was kaputt mache?“
Miriam sah sich um.
„Dann schauen wir, ob wir es reparieren können.“
„Und wenn nicht?“
„Dann ist etwas kaputt.“
Lara wartete auf den Rest des Satzes. Es kam keiner.
Die Jungen wollten trotz der vorhandenen Zimmer zunächst zusammen schlafen. Also wurden die Betten entsprechend gestellt.
Hartmut hatte vorgeschlagen, jedem sofort sein eigenes Reich zu geben. Diesmal ließ er sich erklären, warum Platz nicht immer das war, was einem Kind fehlte.
Am ersten Abend deckte er den Tisch für sieben.
Renates großer Topf stand in der Mitte. Kartoffelsuppe, weil er die konnte, ohne dauernd ins Kochbuch zu schauen.
Jannis aß langsam. Dann fragte er:
„Müssen wir morgen wieder zurück?“
Miriam stellte ihren Löffel ab.
„Morgen früh frühstücken wir hier. Danach bringen wir euch zur Schule und in den Kindergarten.“
„Und danach?“
„Holen wir euch ab.“
Jannis sah zu Hartmut.
„Alle?“
„Alle“, sagte Hartmut.
Der Junge nickte, als hätte er einen komplizierten Vertrag geprüft.
Ein Zuhause machte nicht plötzlich alles leicht.
Lara schlief schlecht. Ben bekam Bauchweh, wenn sich Pläne änderten. Ole weinte manchmal, sobald eine Tür zufiel.
Jannis versteckte Essen.
Als Hartmut eines Tages mehrere Brote hinter einer Schublade fand, wollte er zuerst schimpfen. Miriam legte ihm eine Hand auf den Arm.
Danach stellten sie einen Korb in die Küche, den die Kinder jederzeit erreichen durften. Abends sah Jannis hinein, morgens wieder.
Irgendwann hörte er auf, nachzuzählen.
Lara bot ständig ihre Hilfe an.
Sie räumte auf, bevor jemand aufgestanden war. Überprüfte die Taschen ihrer Brüder. Stand neben Miriam, wenn diese Wäsche sortierte.
„Du darfst auch einfach sitzen“, sagte Miriam.
Lara schüttelte den Kopf.
„Ich muss doch irgendwas machen.“
Es dauerte lange, bis sie eine Einladung zum Ausruhen nicht mehr als Prüfung verstand.
Hartmut machte dabei ebenfalls Fehler.
Einmal sagte er zu Ben, nun sei aber Schluss mit dem Weinen. Der Junge wurde sofort still und blieb es den ganzen Nachmittag.
Am Abend klopfte Hartmut an seine Zimmertür.
„Das vorhin war falsch von mir“, sagte er. „Du darfst traurig sein. Ich muss noch lernen, das besser auszuhalten.“
Ben zog ihn am Ärmel zum Bett.
Mehr wurde daraus an diesem Abend nicht.
Heute sind seit jener Nacht drei Jahre vergangen.
Hartmut ist neunundsechzig. Er trägt immer noch dieselbe Arbeitsjacke, obwohl Miriam behauptet, sie könne längst von allein im Flur stehen.
Die Kinder nennen ihn Opa Hartmut.
Nicht, weil wir das vorgeschlagen hätten. Ole fing irgendwann damit an, und die anderen übernahmen es.
Jannis ist zehn und zerlegt inzwischen Dinge, die vorher funktioniert haben. Hartmut besteht darauf, dass zum Lernen auch das Zusammenbauen gehört.
Ben ist acht. Er liest Ole abends Geschichten vor und verbessert uns, wenn wir beim Vorlesen ein Wort auslassen.
Ole ist sechs und fragt Besuch schon an der Haustür, ob er zum Abendessen bleibt.
Lara hat ihren Schulabschluss geschafft und bereitet sich auf einen Beruf im sozialen Bereich vor. Sie möchte später mit Jugendlichen arbeiten, aber sie weiß inzwischen, dass sie dafür mehr braucht als ihre eigene Geschichte.
Sie bekommt weiterhin Unterstützung. Manchmal geht es ihr gut, manchmal ist ein einzelner Geruch oder ein bestimmter Parkplatz zu viel.
Dann sagt sie es.
Auch das hat sie lernen müssen.
Vor einigen Wochen sprach sie bei einer kleinen Veranstaltung für Menschen, die sich als Pflegefamilie interessierten. Miriam hatte sie begleitet, Hartmut saß neben mir in der zweiten Reihe.
Lara hielt einen Zettel in der Hand, sah aber kaum darauf.
„Früher dachte ich, Hilfe bedeutet, dass jemand kommt und mir alles wegnimmt“, sagte sie. „Meine Brüder. Meine Entscheidungen. Das bisschen, das ich noch zusammenhalten konnte.“
Sie machte eine Pause.
„Dann hat ein Mann an einer Raststätte erst mal gefragt, ob ich ihm zeigen will, wo meine Brüder sind. Und er hat gehört, als ich gesagt habe, dass die anderen zurückbleiben sollen.“
Hartmut sah auf seine Hände.
„Er konnte nicht alles versprechen“, sagte Lara. „Das hat mich damals wütend gemacht. Aber wenn er gesagt hat, er kommt um drei, dann war er um drei da.“
Nachher ging sie zu ihm und legte den Kopf kurz an seine Schulter.
Hartmut räusperte sich.
„Hast gut gesprochen.“
„War ja auch viel Stoff.“
„Ja“, sagte er. „Das war es.“
Letzten Sonntag saßen wir wieder bei ihm am Küchentisch.
Ben wollte wissen, warum Hartmut damals überhaupt ausgestiegen war. Er erinnerte sich kaum an den Parkplatz, aber er stellte inzwischen Fragen.
Hartmut strich sich mit dem Daumen über seine krummen Finger.
„Weil deine Schwester Hilfe brauchte.“
„Aber du kanntest sie doch gar nicht.“
„Stimmt.“
Ben dachte darüber nach.
„Und dann hast du sie kennengelernt.“
„Genau“, sagte Hartmut.
Lara stand am Spülbecken. Sie drehte sich nicht um, aber ich sah, wie sie lächelte.
Später half ich Hartmut, die zusätzlichen Stühle zurückzustellen. Auf der Kommode lag noch immer das Foto seiner Enkelin.
Daneben standen inzwischen vier weitere Bilder.
Ich fragte ihn, ob ihm das Haus manchmal zu laut sei.
Aus dem oberen Stockwerk hörten wir Ole rufen, weil Jannis angeblich etwas genommen hatte. Miriam rief zurück, sie sollten beide zu ihr kommen.
Hartmut wartete, bis es wieder etwas ruhiger wurde.
„Manchmal“, sagte er.
Dann nahm er zwei kleine Becher aus dem Regal und stellte sie für den nächsten Morgen auf den Tisch.
Lara kam mit ihrer Jacke aus dem Flur. Sie wollte noch eine Freundin besuchen.
„Ich hab einen Schlüssel“, sagte sie, als Hartmut aufstehen wollte.
„Weiß ich.“
Sie blieb einen Moment in der Küchentür stehen.
„Du musst nicht auf mich warten.“
Hartmut sah zur Uhr.
„Mach ich wahrscheinlich trotzdem. Alter Mann. Schlechter Schlaf.“
Lara ging zu ihm zurück und küsste ihn auf die Wange.
Dann schloss sie die Haustür hinter sich.
Sie ließ ihre Tasche an der Garderobe hängen.






