Ein Mädchen mit nur fünf Euro stellte einem Fremden eine Frage – danach veränderte sich alles

Manche entstehen, weil ein bestimmter Augenblick es verlangt.

Während Hannelore arbeitete, saßen Emma und Martin am kleinen Tisch am Fenster.

„Warum feiern Sie heute nicht mit Ihrer Familie?“, fragte Emma.

Martin rieb sich über die Hände.

„Meine Eltern sind vor ein paar Jahren gestorben.“

„Beide?“

„Ja.“

„Das ist schlimm.“

„Ja.“

Emma wartete.

Martin schien plötzlich das Bedürfnis zu haben, weiterzureden.

Vielleicht gerade weil ein Kind ihm zuhörte.

„Geschwister habe ich keine. Freunde hatte ich früher viele.“

„Und jetzt?“

„Jetzt…“

Er schaute aus dem Fenster.

„Ich habe viel gearbeitet.“

„Wie meine Mama?“

„Vielleicht ein bisschen zu viel.“

„Meine Mama arbeitet, weil wir Geld brauchen.“

Martin nickte langsam.

„Ich habe irgendwann gearbeitet, obwohl ich längst genug hatte.“

Emma verstand den Satz nicht vollständig.

Aber Hannelore, die in der Backstube mithörte, verstand ihn sehr gut.

Martin leitete ein mittelständisches Unternehmen.

Er erzählte es ohne Stolz.

Jahrelang hatte er morgens als Erster das Büro betreten und abends als Letzter verlassen.

Geburtstage abgesagt.

Einladungen verschoben.

Wochenenden gestrichen.

„Nächstes Mal“, hatte er immer gesagt.

Irgendwann kam kein nächstes Mal mehr.

Seine alten Freunde hatten Familien gegründet.

Andere waren weggezogen.

Seine Mutter hatte ihn früher sonntags angerufen.

„Komm doch wenigstens zum Essen, Martin.“

„Geht nicht, Mama. Zu viel zu tun.“

Als seine Eltern gestorben waren, hatte er bei der Beerdigung Menschen getroffen, die mehr über die letzten Jahre seiner Eltern wussten als er.

Danach arbeitete er noch mehr.

„Und heute“, sagte er leise, „bin ich neununddreißig geworden und habe gemerkt, dass niemand auf mich wartet.“

Emma sah ihn erschrocken an.

„Niemand?“

Martin schüttelte den Kopf.

„Das darf nicht sein.“

„Warum nicht?“

„Weil Geburtstag ist.“

So einfach war das.

Martin musste lachen.

Dann fragte er:

„Und dein Papa?“

Emmas Gesicht veränderte sich.

„Der ist gestorben, als ich klein war.“

Martin wurde sofort ernst.

„Oh.“

„Ich weiß nicht mehr viel.“

Sie zog die Ärmel ihrer Jacke über die Hände.

„Nur, dass er manchmal gesungen hat, wenn ich nicht schlafen konnte.“

„Das ist eine schöne Erinnerung.“

„Mama sagt, er war ein guter Papa.“

Emma sah zur Backstube.

„Seitdem arbeitet Mama ganz viel.“

Tagsüber half Katharina in einer kleinen Kantine.

Abends reinigte sie Büroräume.

Wenn Emma aus der Schule kam, war manchmal eine Nachbarin da. Manchmal Hannelore, wie sich später herausstellen sollte, denn Katharina kaufte seit Jahren gelegentlich Brot in der Konditorei.

„Mama ist oft müde“, sagte Emma.

„Aber sie liest mir trotzdem abends vor.“

Martin schwieg.

„Deshalb braucht sie die Torte“, fügte Emma hinzu.

Hannelore musste sich in der Backstube die Augen abwischen.

Sie schimpfte leise mit sich selbst.

Mit über siebzig wurde man offenbar auch nicht vernünftiger.

Eine halbe Stunde später stellte sie die fertige Torte auf den Tisch.

Schokolade.

Creme.

Kleine Blumen.

Nicht so perfekt wie eine lange geplante Bestellung.

Aber schöner, fand Hannelore.

Weil sie wusste, warum sie gemacht worden war.

Emma stand auf.

„Oh!“

Mehr brachte sie nicht heraus.

Martin lächelte.

Und in diesem Augenblick sah er tatsächlich nicht mehr so müde aus.

Hannelore packte zusätzlich eine Tüte Buttergebäck ein.

„Das sind deine fünf Euro“, sagte sie zu Emma.

„Die Torte haben die Kuchenpartner gemeinsam geregelt.“

Emma strahlte.

Dann sah sie Martin an.

„Kommen Sie morgen zu uns.“

Martin blinzelte.

„Wohin?“

„Zum Geburtstag.“

„Emma…“

„Wir essen die Torte.“

Sie sagte es, als wäre damit jede weitere Diskussion beendet.

„Meine Mama macht nichts Großes. Wahrscheinlich Nudelsalat. Und vielleicht Würstchen. Aber Sie können kommen.“

Martin sah Hannelore an.

Hannelore hob nur die Augenbrauen.

Da musste er selbst entscheiden.

„Ich glaube nicht, dass deine Mama begeistert wäre, wenn plötzlich ein fremder Mann vor ihrer Tür steht.“

Emma dachte kurz nach.

„Dann fragen wir sie.“

Martin nahm eine Visitenkarte heraus.

„Hier steht meine Telefonnummer. Gib sie deiner Mama. Wenn sie mich anruft und sagt, dass es wirklich in Ordnung ist, komme ich.“

Emma steckte die Karte sorgsam ein.

„Gut.“

Dann zeigte sie auf ihn.

„Aber Sie dürfen morgen nicht arbeiten.“

Martin lachte.

„Jawohl.“

Als die beiden die Konditorei verließen, trug Martin die Tortenschachtel.

Hannelore blieb an der Tür stehen und schaute ihnen nach.

Noch wusste keiner von ihnen, wie oft sie später an diesen Nachmittag denken würden.

Katharina öffnete die Wohnungstür und erstarrte.

Ihre Tochter stand vor ihr.

Neben ihr ein fremder Mann.

In seinen Händen eine große Tortenschachtel.

„Emma?“

Sofort zog Katharina ihre Tochter zu sich.

„Was ist passiert?“

Martin hob beruhigend die freie Hand.

„Alles in Ordnung. Wirklich. Wir haben uns in der Konditorei getroffen.“

Dann erklärte er alles.

Die fünf Euro.

Die Torte.

Den Geburtstag.

Die Kuchenpartnerschaft.

Katharinas Blick blieb vorsichtig.

Das gefiel Martin.

Sie war nicht unhöflich.

Aber sie war eine Mutter, die gelernt hatte, aufmerksam zu sein.

„Das ist viel zu teuer“, sagte sie schließlich. „Das können wir nicht annehmen.“

„Mama!“

Emma zog den Fünf-Euro-Schein zwar nicht mehr hervor, aber ihre Empörung klang so, als hätte sie einen Vertrag unterschrieben.

„Ich habe mitbezahlt!“

Martin lächelte.

„Sie hat darauf bestanden.“

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