Katharina sah ihre Tochter an.
Dann die Torte.
Ihre Augen wurden feucht.
„Du hast wirklich dafür gespart?“
Emma nickte.
„Drei Monate.“
Katharina presste die Lippen zusammen.
Manche Menschen weinen laut.
Andere haben sich so lange daran gewöhnt, stark zu sein, dass selbst ihre Tränen leise werden.
Katharina gehörte zur zweiten Sorte.
Martin reichte ihr die Visitenkarte.
„Emma hat mich außerdem eingeladen.“
Katharina schaute ihn überrascht an.
„Natürlich müssen Sie nicht kommen“, fügte er schnell hinzu. „Ich wollte nur, dass Sie wissen, dass ich Ihre Tochter nicht angesprochen habe. Ehrlich gesagt war es eher umgekehrt.“
Katharina musste lachen.
„Das glaube ich sofort.“
Martin ging.
Am selben Abend klingelte sein Telefon.
Er saß allein in seiner Wohnung.
Vor ihm stand eine Flasche Mineralwasser und ein fertig gekauftes Abendessen, das er noch nicht angerührt hatte.
„Hier ist Katharina.“
Martin richtete sich auf.
„Guten Abend.“
„Emma hat seit Stunden von ihrem Kuchenpartner erzählt.“
Im Hintergrund hörte er Emma rufen:
„Sag ihm, er muss kommen!“
Katharina lachte.
„Also… wenn Sie morgen wirklich nichts Besseres vorhaben…“
Martin sah durch seine große, stille Wohnung.
„Nein“, sagte er.
„Ich habe nichts Besseres vor.“
Am nächsten Abend klingelte er bei ihnen.
Mit einem Blumenstrauß für Katharina.
Einem kleinen Geschenk für Emma.
Und einer Packung Vanilleeis.
Die Wohnung war klein.
Die Möbel zusammengewürfelt.
Auf dem Küchentisch lag eine Wachstuchdecke mit winzigen Rissen an den Ecken.
An der Wand hing eine Geburtstagsgirlande, die Emma selbst aus Papier ausgeschnitten hatte.
Nichts passte zusammen.
Und doch fühlte Martin sich dort nach fünf Minuten wohler als in seiner eigenen perfekt eingerichteten Wohnung.
Sie aßen Nudelsalat.
Es gab Würstchen.
Emma erzählte viel zu lange von der Schule.
Katharina entschuldigte sich zweimal dafür, dass es „nichts Besonderes“ sei.
Martin widersprach jedes Mal.
Dann stellten sie die Schokoladentorte auf den Tisch.
Drei Menschen sangen ein Geburtstagslied.
Eigentlich für Katharina.
Ein bisschen auch für Martin.
Als er später nach Hause fuhr, merkte er an einer roten Ampel, dass er lächelte.
Ohne Grund.
Oder vielleicht zum ersten Mal seit Langem aus dem richtigen Grund.
Eine Woche später kam er wieder.
Nur zum Kaffee.
Dann zum Abendessen.
Dann wieder.
Aus einem Besuch wurden viele.
Martin half Emma bei einem Modell für die Schule und klebte sich dabei mehr Pappe an die Finger als auf das Modell.
Katharina lachte so sehr, dass sie sich setzen musste.
Als ihr altes Auto einige Monate später nicht mehr ansprang, brachte Martin es nicht einfach heimlich in eine Werkstatt.
Er fragte zuerst.
Das war Katharina wichtig.
Sie wollte keine Wohltätigkeit.
Sie wollte nicht das Gefühl haben, jemandes Projekt zu sein.
Martin verstand das.
Er begann auch, sein eigenes Leben zu verändern.
An einem Freitag verließ er sein Büro um halb sechs.
Seine Mitarbeiter sahen ihn an, als hätte er gerade angekündigt, für immer auszuwandern.
Die Firma bestand am Montag noch.
Also tat er es wieder.
Er rief einen alten Freund an.
„Lebst du noch?“, fragte der am Telefon.
Martin sagte:
„Knapp.“
Sie trafen sich.
Später kontaktierte er weitere Menschen, denen er jahrelang mit „Keine Zeit“ geantwortet hatte.
Nicht alle kamen zurück.
Das musste er akzeptieren.
Aber manche schon.
Katharina hatte unterdessen einen alten Wunsch.
Bevor ihr Mann krank geworden war, hatte sie eine Ausbildung im Pflegebereich begonnen.
Nach seinem Tod hatte sie alles aufgegeben.
Miete.
Kind.
Arbeit.
Für Träume war kein Platz gewesen.
Martin wollte helfen.
Katharina sagte zunächst Nein.
Dann redeten sie lange.
Nicht über Geld.
Über Stolz.
Über Abhängigkeit.
Über die Angst, jemandem etwas zu schulden.
Schließlich fand Martin einen Weg, der sich für sie richtig anfühlte.
Sein Unternehmen unterstützte künftig ein allgemeines Weiterbildungsprogramm für Menschen, die nach familiären Schicksalsschlägen beruflich neu anfangen wollten.
Katharina bewarb sich regulär.
Sie wurde aufgenommen.
Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie die nächtliche Reinigungsarbeit reduzieren.
Ein Jahr nach jenem Nachmittag in der Konditorei lud Martin sie zum Essen ein.
Ohne Emma.
Katharina bemerkte es sofort.
„Das ist diesmal kein Familienabend, oder?“
Martin wurde rot.
Mit fast vierzig.
Geschäftsführer.
Gewohnt, vor hundert Menschen zu sprechen.
Und plötzlich brachte ihn eine Frau mit müden Augen und einem schiefen Lächeln aus dem Konzept.
„Nein.“
Katharina sah auf ihr Glas.
„Gut.“
„Gut?“
„Gut.“
Sie waren seit Monaten Freunde.
Mehr war nie ausgesprochen worden.
Martin hatte bewusst gewartet.
Er wollte niemals, dass Katharina glaubte, sie müsse Gefühle erwidern, weil er geholfen hatte.
An diesem Abend sagte er ihr genau das.
„Wenn du Nein sagst, ändert sich nichts. Ich werde Emma nicht plötzlich aus meinem Leben streichen. Ich werde dir nichts vorwerfen. Ich will nur nicht länger so tun, als wärst du mir egal.“
Katharina sah ihn lange an.
„Du bist mir auch nicht egal.“
Zwei Menschen, die beide gelernt hatten, ohne Hilfe weiterzugehen, erlaubten sich langsam, nebeneinanderzugehen.
Sie heirateten nicht sofort.
Sie ließen sich Zeit.
Sehr viel Zeit.
Hannelore kommentierte das regelmäßig.
„Früher haben wir nicht drei Jahre gebraucht, um zu merken, was vor unserer Nase liegt.“
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