Ich zeigte ihm, wie er sie an seine Schulter nehmen konnte. Er legte das Spucktuch über seine Jacke und hielt den Kopf so vorsichtig, dass ich ihm den Unterarm ein wenig lockerte.
„Sie dürfen sie an sich lehnen. Sie braucht keinen Abstand zu Ihnen.“
Er zog sie näher. Als sie ein kleines Bäuerchen machte, schloss er kurz die Augen.
Nach Neles Tod hatte es im Krankenhaus Gespräche gegeben. Wer sich um Ida kümmern könne, welche Angehörigen es gebe, wie die nächsten Tage aussehen sollten. Zum Vater des Kindes bestand seit Monaten kein Kontakt; auch das musste geklärt werden.
Hartmut hatte Unterlagen bekommen und Telefonnummern. Mit Unterstützung aus der Klinik war zunächst vereinbart worden, dass Ida bei ihm bleiben konnte. Am Montag sollte besprochen werden, welche Hilfe nötig war und wie es weiterging.
„Eine Frau hat gesagt, es müsse geprüft werden, ob ich das dauerhaft schaffe“, erzählte er. „Und wenn nicht, müsse man eine andere Lösung finden.“
„Was hat sie noch gesagt?“
Er schüttelte den Kopf. „Weiß ich nicht mehr.“
Er hatte nur diesen einen Satz mit nach Hause genommen. Dort lag Neles Strickjacke über einem Küchenstuhl, ihr Handy auf der Fensterbank. Ida begann zu weinen, das Fläschchen war zu warm, dann zu kalt, dann lief Milch über seinen Ärmel.
„Ich habe das Bett angesehen“, sagte er. „Und gedacht: Wenn die am Montag hier stehen, merken die sofort, dass ich nichts kann.“
Also hatte er gepackt. Windeln, Fläschchen, die Unterlagen, eine Decke. Dann hatte er Ida in die Babyschale gesetzt, den Gurt dreimal geprüft und war losgefahren.
„Wohin?“, fragte ich.
„Zu einem alten Kollegen. Bei Göttingen.“ Er sah auf seine Schuhe. „Dann bin ich an der Abfahrt vorbeigefahren.“
„Weiß der Kollege, dass Sie kommen wollten?“
Hartmut schüttelte den Kopf.
Er hatte einfach weiterfahren wollen. Solange er auf die Straße sah, musste er nicht in Neles Zimmer schauen. Solange der Motor lief, gab es etwas, das er beherrschte.
„Ich wollte sie niemandem wegnehmen“, sagte er hastig. „Ich wollte nur ein paar Stunden, in denen keiner sagt, was jetzt alles passiert.“
Ich blickte auf seine Hände. Hände, die vermutlich im Dunkeln einen Spanngurt festziehen und einen Defekt am Motor hören konnten. Jetzt lagen sie hilflos unter einem schlafenden Baby.
„Hat jemand versucht, Sie anzurufen?“
Er zeigte mir sein Handy. Mehrere verpasste Anrufe von seiner Schwester und Nachrichten einer Nachbarin.
„Ich konnte nicht rangehen.“
„Dann fangen wir damit an.“
Er zog das Telefon zurück. „Bitte nicht gleich alle anrufen. Wenn die hören, wie es mir geht, nehmen sie mir Ida doch erst recht.“
Ich hätte ihm gern versprochen, dass niemand das tun würde. Aber das konnte ich nicht wissen. Also ließ ich ihm den Trost, den ich nicht geben konnte, auch nicht als falsche Hoffnung stehen.
„Hartmut, so erschöpft können Sie nicht weiterfahren. Und Ida braucht heute jemanden, der mit Ihnen zusammen auf sie aufpasst.“
Sein Gesicht wurde wieder hart. Einen Moment sah er aus wie der Mann, vor dem ich an der Kasse zurückgewichen war.
„Ich habe mein Leben lang auf mich selbst aufgepasst.“
„Das glaube ich Ihnen.“ Ich zeigte auf das Kind an seiner Brust. „Jetzt sind Sie zu zweit.“
Er wollte etwas erwidern. Stattdessen sah er zu Ida hinunter und begann wieder zu weinen, diesmal lautlos.
Ich wartete, bis er sich die Augen abgewischt hatte.
„Meine Tochter Verena ist Anwältin“, sagte ich. „Sie arbeitet mit Familien. Wenn Sie möchten, rufen wir sie an. Sie kann Ihnen erklären, was sie aus den Unterlagen überhaupt herauslesen kann.“
Er blickte zur Uhr. „Jetzt?“
„Sie wird schimpfen. Aber sie geht ran.“
Beim zweiten Versuch meldete Verena sich mit einer Stimme, die mir sofort ein schlechtes Gewissen machte.
„Mama? Ist was passiert?“
Ich ging ein paar Schritte zur Tür und erklärte ihr die Lage. Dann gab ich Hartmut das Telefon, und er begann seinen Bericht mit einer Entschuldigung.
Verena ließ ihn ausreden. Er nannte ihr die Namen auf den Unterlagen, las ein paar Sätze vor und antwortete auf ihre Fragen. Nach einer Weile stellte er das Telefon auf laut, weil er sich nicht alles merken konnte.
„Herr Seidel“, sagte sie, „ich kann Ihnen heute Nacht nicht versprechen, wie die nächsten Wochen ausgehen. Aber Sie müssen aus Angst nicht allein entscheiden.“
Hartmut starrte auf den Tisch.
„Ist es denn schon gegen mich, dass ich Hilfe brauche?“
„Sie haben gerade ein Kind verloren. Und Sie versorgen zum ersten Mal ein Baby. Wir müssen klären, welche Unterstützung für Ida und für Sie da sein kann.“
„Und wenn es nicht reicht?“
Verena ließ sich Zeit mit der Antwort.
„Dann schauen wir ehrlich hin. Aber zuerst sorgen wir dafür, dass Sie beide sicher nach Hause kommen und heute jemand bei Ihnen bleibt.“
Er rieb sich über den Bart. „Ich habe noch nie jemanden gebraucht, um nach Hause zu kommen.“
„Dann ist heute das erste Mal“, sagte meine Tochter.
Er nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte.
Gemeinsam suchten wir die Nummer der Ansprechpartnerin heraus, die ihm das Krankenhaus aufgeschrieben hatte. Für dringende Fragen war eine weitere Nummer angegeben. Während Verena mit ihm die nächsten Schritte ordnete, rief ich auf seinen Wunsch seine Schwester an.
Sie meldete sich sofort.
„Ist Hartmut bei Ihnen?“
„Ja“, sagte ich. „Und Ida auch. Sie schläft gerade.“
Am anderen Ende hörte ich ein scharfes Einatmen. Dann sagte die Frau: „Ich habe ihm doch gesagt, dass ich komme.“
Als ich ihm das Telefon gab, wirkte er plötzlich kleiner.
„Du musst nicht alles stehen und liegen lassen, Renate.“
Ihre Antwort war so laut, dass ich sie auch ohne Lautsprecher verstand.
„Hartmut, hör endlich auf, mir zu erzählen, was ich muss.“
Er presste die Lippen zusammen. Dann sagte er: „Ich weiß nicht, wie man sie badet.“
„Das habe ich mir gedacht.“
Zum ersten Mal in dieser Nacht musste er lachen. Es war nur ein kurzer, rauer Laut, aber ich war froh darüber.
Renates Sohn würde sie bringen. Bis sie ankamen, blieb Hartmut bei mir im Aufenthaltsraum. Die zuständige Bereitschaft war informiert, und Verena hatte angekündigt, am Montag mit ihm weiterzusehen.
Als alles besprochen war, schien die Erschöpfung ihn auf einmal einzuholen. Sein Kopf sank nach vorn, und er schreckte sofort wieder hoch.
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