Ich nahm ihm Ida ab.
„Sie müssen sie nicht im Schlaf festhalten.“
„Wenn sie aufwacht …“
„Dann bin ich hier.“
Ich machte ihm zwei belegte Brote. Das erste aß er, als hätte er seit Tagen nichts bekommen. Beim zweiten fragte er, was er mir dafür schulde.
„Später“, sagte ich. „Jetzt essen Sie.“
Während Ida schlief, schrieb ich ihm auf einen Kassenzettel, was wir in dieser Nacht gemacht hatten: Uhrzeiten, Trinkmenge, frische Windel. Daneben legte ich einen neuen Zettel mit den Telefonnummern, die er brauchen würde.
„Schreiben Sie dazu, wo bei der Windel hinten ist“, sagte er.
Ich sah auf. Er meinte es ernst, also schrieb ich es dazu.
Beim nächsten Wickeln ließ ich ihn machen. Ich stand neben ihm, aber meine Hände blieben bei mir. Er brauchte lange, legte eine Lasche zweimal neu an und fragte dreimal, ob die Windel zu eng sei.
Dann war sie zu.
Er sah mich an, beinahe misstrauisch.
„Das war’s?“
„Das war’s.“
Er legte Ida den Strampler wieder an. Einen Fuß bekam er erst ins falsche Bein, doch diesmal geriet er nicht in Panik. Er zog den Stoff zurück und versuchte es noch einmal.
Kurz vor sieben kam Renate. Sie war eine schmale Frau mit einer großen Tasche, aus der ein Nachthemd und eine Packung Knäckebrot ragten. Offenbar hatte sie genauso überstürzt gepackt wie ihr Bruder.
Sie nahm ihn in die Arme, ohne vorher etwas zu sagen.
Hartmut stand steif da. Dann legte er den Kopf auf ihre Schulter.
„Meine Nele“, brachte er heraus.
„Ich weiß“, sagte Renate. „Ich weiß doch.“
Ihr Sohn fuhr den Kombi nach Hause. Renate setzte sich zu Ida auf die Rückbank, Hartmut auf den Beifahrersitz. Bevor er einstieg, kam er noch einmal zu mir zurück.
„Sie wissen gar nichts über mich“, sagte er. „Und setzen sich einfach zu mir auf den Boden.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Sie haben um Hilfe gebeten.“
Er nahm meine Nummer, als wäre sie etwas Zerbrechliches. Dann gingen sie, und ich stand vor der Tankstelle, bis ihr Wagen hinter der Kurve verschwunden war.
Zu Hause konnte ich nicht sofort schlafen. Ich dachte an Neles Wäsche auf der Leine und an den rosa Zettel in der Tasche. Gegen Mittag schrieb ich Hartmut eine Nachricht: Gut angekommen?
Die Antwort kam eine Stunde später.
Ja. Ida schläft. Renate auch. Danke.
Die folgenden Wochen waren anstrengender, als ich anfangs begriffen hatte. Es gab Termine, Gespräche und Unterlagen. Hartmuts Wohnung wurde angeschaut, seine Möglichkeiten wurden besprochen, und es musste verlässlich geklärt werden, wer einspringen konnte.
Verena unterstützte ihn dabei. Für die Versorgung des Babys kamen erfahrene Fachkräfte hinzu, und Renate blieb zunächst mehrere Tage. Die Nachbarin, deren Anrufe er ignoriert hatte, brachte Essen und übernahm später regelmäßig einen Nachmittag.
Hartmut berichtete mir das alles am Telefon, meistens knapp.
„Heute hat sie beim Umziehen nicht geweint.“
Oder: „Wir waren beim Kinderarzt. Ich hatte zwölf Fragen auf dem Zettel. Jetzt habe ich vier neue.“
Einmal rief er an und sagte lange gar nichts.
„Ist etwas passiert?“
„Ich habe ihre Sachen gewaschen.“
Ich wusste sofort, wen er meinte. Nicht Ida.
„Neles Sachen?“
„Nur die aus dem Wäschekorb. Die Jacke am Stuhl nicht.“
Ich saß in meiner Küche und hörte ihm zu. Irgendwann erzählte er, wie Nele als Kind auf dem Beifahrersitz gesessen und alle Ortsnamen auf den Schildern falsch vorgelesen hatte, mit voller Absicht, damit er lachen musste.
Über seine Tochter sprach er später öfter so. Nicht nur über die letzten Jahre und die Angst. Auch über ihre schiefen Pfannkuchen und darüber, dass sie jedes Geburtstagsgeschenk zu früh verraten hatte.
Drei Monate nach unserer ersten Begegnung rief er an, während ich gerade Kartoffeln schälte.
„Marlies? Die Entscheidung ist da. Ida kann bei mir bleiben.“
Ich legte das Messer hin.
„Dauerhaft?“
„Ja. Es gibt noch genug zu regeln. Aber ja.“
Er weinte wieder, und diesmal lachte er dazwischen. Ich setzte mich auf den Küchenstuhl und ließ meine Kartoffeln liegen.
Zwei Wochen später besuchten sie mich. Hartmut trug dieselbe Jacke, nur hing jetzt ein kleiner Stoffhase aus der Tasche. Ida saß in ihrer Schale und betrachtete mich mit einem Ernst, den ich von ihrem Großvater kannte.
Er brachte Kuchen vom Bäcker und einen Umschlag für Verena mit.
„Die Rechnung ist längst besprochen“, sagte ich.
„Das ist ein Brief.“
Ich fragte nicht, was darin stand. Meine Tochter bewahrt ihn bis heute auf.
Bei Kaffee zeigte Hartmut mir Bilder von einer kleinen Wickelecke, von Ida auf einer Krabbeldecke und von einem Treffen mit anderen Großeltern, die ihre Enkel versorgten.
„Da ist ein Mann, der ist noch drei Jahre älter als ich“, sagte er. „Der hat Zwillinge.“
Er schüttelte den Kopf, voller Respekt.
Sein Rücken machte ihm weiterhin Probleme. Renate schimpfte, wenn er zu lange mit Ida auf dem Arm stand. Er hatte gelernt, sich hinzusetzen, bevor der Schmerz schlimm wurde, und Hilfe anzunehmen, bevor gar nichts mehr ging.
„Manchmal denke ich immer noch, Nele kommt gleich zur Tür rein“, sagte er.
Ida lag auf meinem Schoß und griff nach meiner Brille. Ich hielt ihre kleine Hand fest.
„Was erzählen Sie ihr später von ihrer Mutter?“
Er blickte lange auf das Kind.
„Dass sie sie geliebt hat. Und dass sie krank war.“ Dann strich er Ida über die Haare. „Und dass sie viel mehr war als das, was am Ende passiert ist.“
Ich nickte. Mehr musste er dazu an diesem Nachmittag nicht sagen.
Als er ging, blieb er im Flur stehen.
„Sie müssen nicht auf jede Nachricht antworten“, sagte er. „Ich weiß, Sie haben Ihre eigenen Kinder.“
Ich sah ihn an. „Hartmut, meine Kinder erklären mir inzwischen am Telefon, wie ich meinen Fernseher bedienen soll. Ich freue mich auch mal über andere Fragen.“
Er grinste. Danach schrieb er häufiger.
Wir wurden keine Familie über Nacht. Wir wurden Menschen, die sich meldeten und dann tatsächlich kamen. Verena half weiter, wo sie konnte. Ich fuhr alle paar Wochen hin, und Hartmut stand irgendwann bei mir vor der Tür, weil mein Küchenhahn tropfte.
„So geht das nicht“, sagte er und kniete sich mit einem Werkzeugkoffer vor meinen Spülenschrank.
Ich stellte ihm eine Tasse Kaffee hin. Es gefiel ihm, wieder einmal derjenige zu sein, der wusste, was zu tun war.
An Idas erstem Geburtstag saßen wir in seinem kleinen Garten. Renate hatte Kartoffelsalat gemacht, die Nachbarin brachte Muffins, und Verena kam mit einem Bilderbuch. Es waren keine zwanzig Gäste, aber für Hartmut mussten wir Stühle aus der Küche holen.
Neben der Terrassentür stand ein gerahmtes Foto von Nele. Darauf lachte sie mit Ida im Arm, die Augen halb geschlossen. Hartmut hatte es selbst ausgesucht.
Als wir sangen, sah er kurz zu dem Bild. Renate legte ihm die Hand auf den Unterarm, und er sang weiter.
Später saß ich mit Ida auf der Decke. Sie zog sich an meinen Knien hoch, ließ los und plumpste auf den Po. Hartmut beugte sich schon vor, hielt dann aber inne, als sie einfach weiterlachte.
„Die hält mehr aus, als ich denke“, sagte er.
„Ja.“
Er setzte sich langsam neben uns ins Gras. Seine Knie knackten noch genauso wie damals auf dem Toilettenboden.
„Ich dachte in der Nacht, wenn jemand sieht, dass ich weine, ist alles vorbei.“
Ich strich Ida den verrutschten Socken zurecht.
„Ich weiß.“
Eine Weile sahen wir ihr dabei zu, wie sie ein Stück Geschenkpapier untersuchte. Aus der Küche hörten wir Renate nach einer Kuchengabel fragen.
Dann kletterte Ida auf seinen Schoß. Sie zog an seinem Hemd, bis er sich zu ihr hinunterbeugte, und legte die offene Hand gegen seinen Bart.
Hartmut schloss die Augen und hielt ganz still.
Als sie kurz darauf die Nase verzog, roch ich schon, was passiert war. Ich wollte aufstehen, doch er hob die Hand.
„Bleib sitzen, Marlies.“
Er nahm Ida hoch und griff nach der Wickeltasche.
„Das kann ich jetzt.“






