Ich zog meine Prothese an, schnallte sie sorgfältig fest und machte mich mit Kalle auf den Weg.
Manche Tage waren schwer.
Die Haut an meinem Beinstumpf war empfindlich. Manchmal schmerzte jeder Schritt.
An anderen Tagen war es meine Angst, die mich beinahe im Wohnwagen festhielt.
Trotzdem gingen wir.
Vier Straßen bis zu Paulas Pflegefamilie.
Dort wartete sie meistens schon am Fenster.
Sobald Kalle die Haustür erreichte, begann ihr Gesicht zu strahlen.
Sie nahm sein Geschirr in die Hand.
Und wir gingen gemeinsam zum Kindergarten.
Am Anfang brauchte Paula für die kurze Strecke fast eine halbe Stunde.
Jedes vorbeifahrende Auto ließ sie zusammenzucken.
Wenn fremde Männer in ihre Nähe kamen, blieb sie stehen.
Dann setzte Kalle sich neben sie.
Er wartete.
Er zog niemals an der Leine.
Manchmal dauerte es mehrere Minuten, bis Paula weitergehen konnte.
Ich wartete ebenfalls.
Niemand musste sie drängen.
Nach einigen Monaten schaffte sie den Weg ohne Tränen.
Mit sechs Jahren kam sie in die Grundschule.
Und Kalle und ich begleiteten sie weiterhin.
Die Leute in unserer Gegend gewöhnten sich irgendwann an unseren ungewöhnlichen Anblick.
Ein hinkender Mann mit Prothese.
Ein großer, vernarbter Hund.
Und ein kleines Mädchen, das stolz sein Geschirr hielt.
Ein älterer Bäcker stellte uns manchmal morgens drei kleine Brötchen bereit.
„Eins für dich, eins für Paula und eins für den Chef“, sagte er und zeigte auf Kalle.
Die ersten Male versteckte Paula sich hinter meinem Bein.
Später bedankte sie sich selbst.
Manchmal erzählte sie dem Bäcker sogar, was sie in der Schule gelernt hatte.
Ich konnte kaum glauben, wie sehr sie sich verändert hatte.
Aus dem ängstlichen Kind unter dem Lieferwagen wurde langsam ein fröhliches Mädchen.
Sie lachte wieder.
Sie stellte Fragen.
Sie begann, anderen Menschen zu vertrauen.
Ihre Pflegeeltern arbeiteten beide im Schichtdienst in einem metallverarbeitenden Betrieb.
Deshalb holte ich Paula häufig nachmittags ab.
Wir machten gemeinsam Hausaufgaben.
Beim Lesen saß Kalle meistens zwischen uns.
„Du musst deutlich sprechen“, erklärte ich ihr. „Sonst versteht Kalle die Geschichte nicht.“
Paula kicherte.
Dann las sie ein bisschen lauter.
Wenn sie ein schwieriges Wort geschafft hatte, bekam Kalle ein Leckerli.
Manchmal sah sie mich ganz ernst an.
„Florian?“
„Ja, Kleine?“
„Warum hast du nur ein richtiges Bein?“
Ich erklärte es ihr so einfach, wie ich konnte.
Sie dachte lange darüber nach.
Dann sagte sie:
„Kalle hat Narben. Du hast Narben. Aber ihr seid trotzdem lieb.“
Ich musste mich abwenden.
Denn ich wollte nicht, dass sie sah, wie mir die Tränen kamen.
Drei Jahre lang ging das so.
Drei Jahre voller kleiner Fortschritte.
Dann kam der Tag, an dem Frau Hartmann wieder vor meiner Tür stand.
Diesmal lächelte sie nicht.
Paulas Pflegeeltern mussten aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland ziehen. Aus persönlichen Gründen konnten sie das Pflegeverhältnis nicht fortsetzen.
Das Jugendamt suchte nach einer neuen Unterbringung.
Vorübergehend sollte Paula in eine betreute Wohngruppe kommen.
Als man ihr davon erzählte, verstummte sie.
Einfach so.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Sie wollte nicht mehr zur Schule.
Sie ließ ihr Abendessen stehen.
Nachts hatte sie wieder Albträume.
Als ich sie besuchte, saß sie zusammengerollt auf dem Sofa.
Kalle legte seinen Kopf in ihren Schoß.
Erst dann blickte sie auf.
„Florian?“
„Ja?“
Ihre Unterlippe zitterte.
„Muss ich wieder weg?“
Ich wusste keine Antwort.
Dann fragte sie etwas, das ich niemals vergessen werde.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Ich setzte mich neben sie.
„Nein, Paula. Du hast überhaupt nichts falsch gemacht.“
„Warum darf ich dann nicht bleiben?“
In diesem Moment wusste ich, dass ich handeln musste.
Am nächsten Morgen vereinbarte ich einen Termin bei einer Rechtsanwältin für Familienrecht.
„Ich möchte Paula dauerhaft bei mir aufnehmen“, sagte ich.
Die Anwältin, Frau Seidel, sah mich aufmerksam an.
„Sie wissen, dass das ein schwieriger Weg werden kann?“
Ich nickte.
„Ich möchte es trotzdem versuchen.“
Wir beantragten, dass ich als Pflegeperson geprüft werde.
Auch eine spätere Adoption wollten wir prüfen lassen.
Ich glaubte, dass die vergangenen drei Jahre zeigen würden, wie eng Paula und ich verbunden waren.
Doch die ersten Gespräche verliefen ernüchternd.
Man fragte nach meinem Einkommen.
Nach meinem Wohnwagen.
Nach meiner psychischen Erkrankung.
Nach meinen körperlichen Einschränkungen.
Und natürlich nach Kalle.
„Ein Hund dieser Größe kann für ein Kind ein Risiko darstellen“, sagte eine Mitarbeiterin.
„Er begleitet Paula seit drei Jahren“, erwiderte ich.
„Trotzdem müssen wir die Sicherheit des Kindes prüfen.“
Ich verstand das.
Wirklich.
Ein Kind braucht ein stabiles Zuhause, und die Behörden haben die Pflicht, genau hinzusehen.
Aber es tat weh, immer wieder erklären zu müssen, dass eine Behinderung nicht bedeutet, dass man niemanden lieben oder versorgen kann.
Ich absolvierte Gespräche, ließ meine Wohnsituation überprüfen und legte ärztliche Stellungnahmen vor.
Kalle wurde von einer Fachperson begutachtet.
Er bestand die Verhaltensprüfung ohne Probleme.
Trotzdem blieben Zweifel.
Meine kleine Unterkunft galt als ungeeignet für eine dauerhafte Aufnahme.
Also suchte ich eine Wohnung.
Ich sparte an allem, was ging.
Schließlich fand ich ein kleines Reihenhaus zur Miete.
Zwei Zimmer, eine schmale Küche und ein Garten mit einem alten Apfelbaum.
Als Paula das Haus zum ersten Mal sah, fragte sie:
„Darf Kalle hier wohnen?“
„Natürlich.“
„Und ich?“
Ich schluckte.
„Das hoffe ich sehr.“
Monate später saßen wir vor dem Familiengericht.
Es ging um die Voraussetzungen einer dauerhaften Aufnahme und darum, welche Lösung für Paula am besten wäre.
Ich trug mein einziges gutes Hemd.
Meine Hände waren feucht.
Kalle durfte mit besonderer Genehmigung in einem Nebenraum warten, weil seine beruhigende Wirkung auf Paula dokumentiert worden war.
Paula saß neben ihrer Verfahrensbeiständin.
Sie hielt eine kleine Zeichnung in der Hand.
Eine Vertreterin des Jugendamts schilderte ihre Bedenken.
Meine gesundheitliche Situation müsse berücksichtigt werden.
Auch mein Einkommen und das fehlende familiäre Unterstützungsnetz seien wichtige Fragen.
Die Richterin hörte aufmerksam zu.
Dann wandte sie sich an mich.
„Herr Richter, warum sind Sie überzeugt, dass Sie Paula ein dauerhaft sicheres Zuhause bieten können?“
Ich hatte mir vorher viele Antworten zurechtgelegt.
Doch plötzlich waren sie alle verschwunden.
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