Damals war Friedrich auf dem Sprung gewesen.
Er musste zu einem Abendessen.
Es ging um einen Kredit, eine Übernahme oder irgendeinen Streit, der ihm damals lebenswichtig erschienen war.
Heute wusste er nicht mehr, welcher Termin es gewesen war.
Er wusste nur noch, dass Marianne an diesem Abend allein weitergeplant hatte.
Jetzt sah Friedrich die schmalen Wege zwischen den Beeten.
Den kleinen, leicht schiefen Buchsbaum, den sie unbedingt behalten wollte.
Die steinerne Bank unter der Linde.
Den Brunnen, der seit Jahren abgeschaltet war, weil das Plätschern ihn bei Telefonaten störte.
Die alten Terrakottatöpfe, die sie von einer Reise mitgebracht hatten, lange bevor das Unternehmen groß geworden war.
Bevor Fahrer vor der Tür warteten.
Bevor Assistentinnen jede Stunde seines Tages schützten.
Bevor Marianne beim Abendessen aufgehört hatte zu fragen, wann er nach Hause käme.
Friedrich ging nicht zum Wagen.
Er setzte sich auf den Rand des Pflanzkübels.
Emil sah zu ihm auf.
„Erzähl mir von diesem Garten.“
Der Junge blinzelte.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
„Sie haben doch einen Flug.“
Friedrich blickte zu Martin.
„Rufen Sie Frau Reuter an. Sie soll mich auf morgen früh umbuchen.“
Martin brauchte einen Moment.
„Herr Ahlers, der Termin—“
„Findet statt.“
„Der letzte sinnvolle Flug geht in knapp—“
„Morgen früh.“
Martin kannte Friedrich seit elf Jahren.
Er hatte ihn mit Fieber reisen sehen, nach einer Operation, während eines Schneesturms und an dem Tag, an dem Friedrichs Bruder beerdigt wurde.
Freiwillig hatte Friedrich noch nie einen Flug verpasst.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Martin vorsichtig.
Friedrich sah zum Torpfosten.
„Zum ersten Mal seit Langem möglicherweise schon.“
Martin entfernte sich mit dem Telefon.
Emil setzte sich neben Friedrich.
Seine Beine reichten nicht bis zum Boden.
„Die Geranien hier sind zu früh gepflanzt worden“, sagte er.
Friedrich sah auf die roten Blüten.
„Sie sehen gesund aus.“
„Opa sagt, Pflanzen können gesund aussehen und trotzdem am falschen Platz stehen.“
Friedrich warf ihm einen Seitenblick zu.
„Hat dein Großvater dir aufgetragen, mir heute Lebensweisheiten zu erteilen?“
Emil schüttelte den Kopf.
„Er weiß gar nicht, dass wir hier sitzen.“
„Das beruhigt mich nicht.“
„Die hinteren Geranien bekommen zu wenig Sonne. Deswegen blühen sie später.“
Friedrich betrachtete die Pflanzen genauer.
Tatsächlich waren die hinteren kleiner.
„Und woher weißt du so etwas?“
„Opa zeigt es mir.“
„Interessiert dich Gartenarbeit?“
„Manchmal.“
„Was interessiert dich sonst?“
Emil zuckte mit den Schultern.
„Vögel. Alte Landkarten. Züge. Dinge, die irgendwohin unterwegs sind.“
„Kinder in deinem Alter interessieren sich doch normalerweise für Computerspiele.“
„Ich auch.“
„Ach.“
„Aber Computerspiele sind nicht jeden Sonntag um dieselbe Zeit da.“
Friedrich musste lächeln.
Es war kein großes Lächeln.
Nur eine kurze Bewegung, die sich in seinem Gesicht fremd anfühlte.
Emil bemerkte es trotzdem.
„Opa sagt, Sie haben früher öfter gelacht.“
Friedrichs Mund wurde wieder schmal.
„Dein Großvater weiß erstaunlich viel über mich.“
„Er arbeitet hier.“
„Das heißt nicht, dass er mich kennt.“
Emil dachte darüber nach.
„Vielleicht kennen Menschen auch die Stellen, an denen jemand nie stehen bleibt.“
Friedrich antwortete nicht.
Emil erzählte weiter.
Von den Rosen, die Marianne ausgesucht hatte.
Von einer alten Birne am Rand des Grundstücks, die innen hohl war, aber noch immer Früchte trug.
Von den Maulwürfen, die Georg nicht vertrieb, obwohl Friedrichs Hausverwaltung mehrfach eine Firma beauftragen wollte.
Von einem Fuchs, der im Winter nachts über die Wiese lief.
Von den Schneeglöckchen, die jedes Jahr zuerst neben der steinernen Bank erschienen.
„Warum dort?“, fragte Friedrich.
„Weil die Erde sich unter dem Stein schneller erwärmt.“
„Aha.“
„Opa sagt, Ihre Frau hat da immer gesessen.“
Friedrichs Finger schlossen sich um den Rand des Kübels.
„Du hast meine Frau nicht gekannt.“
„Nein.“
„Dann solltest du nicht über sie sprechen, als hättest du sie gekannt.“
Emil wurde still.
Sofort bereute Friedrich seinen Ton.
Nicht weil er laut gewesen war.
Er wurde fast nie laut.
Aber Kälte konnte härter sein als Lautstärke.
„Entschuldige“, sagte er nach einigen Sekunden.
Emil blickte auf seine Schuhe.
„Schon gut.“
„Nein. Nicht schon gut.“
Friedrich atmete tief ein.
„Es ist nur… Menschen erzählen gern von ihr. Sie sagen, wie freundlich sie war, wie geduldig, wie warmherzig. Danach sehen sie mich an, als warteten sie darauf, dass ich etwas Passendes empfinde.“
„Empfinden Sie nichts?“
Die Frage war direkt.
Fast brutal.
Friedrich hätte jeden Erwachsenen dafür zurechtgewiesen.
Bei Emil spürte er nur Müdigkeit.
„Zu viel“, sagte er.
Der Junge hob den Kopf.
„Dann ist es doch da.“
Friedrich sah zu der steinernen Bank unter der Linde.
„Das ist das Problem.“
In diesem Moment kam Georg über den Kiesweg.
Er war sechsundsechzig, schmal, mit wettergegerbtem Gesicht und Händen, deren Nägel selbst am Sonntag dunkle Ränder hatten.
Als er Friedrich und Emil zusammen am Pflanzkübel sitzen sah, blieb er abrupt stehen.
„Emil“, sagte er. „Was machst du da?“
„Wir reden über den Garten.“
Georgs Blick wanderte zu Friedrich.
„Herr Ahlers, ich hoffe, er hat Sie nicht aufgehalten.“
„Er hat mich hinter diesem Kübel versteckt.“
Georg schloss kurz die Augen.
„Emil.“
„Wegen der Singdrossel.“
„Das macht es nicht besser.“
Friedrich hob die Hand.
„Setzen Sie sich.“
Georg blieb stehen.
„Herr Ahlers, ich—“
„Bitte.“
Es war vielleicht das erste Mal in zwölf Jahren, dass Friedrich das Wort bitte zu ihm sagte.
Georg nahm langsam auf der anderen Seite Platz.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Drei Menschen saßen an einer Auffahrt, die groß genug war, damit Lieferwagen wenden konnten.
Der Sicherheitschef telefonierte neben der Limousine.
Die Kirchenglocken waren verstummt.
Über den Beeten lag das goldene Licht des späten Abends.
„Emil behauptet, Sie kennen jeden Vogel in diesem Garten“, sagte Friedrich.
Georg lächelte vorsichtig.
„Nicht jeden.“
„Und jede Pflanze.“
„Auch nicht jede.“
„Er sagt, Sie bemerken alles.“
Georg sah seinen Enkel an.
„Emil übertreibt.“
„Nein“, widersprach der Junge.
Friedrich deutete auf die hinteren Geranien.
„Die bekommen zu wenig Sonne.“
Georgs Lächeln wurde breiter.
„Das stimmt.“
„Warum stehen sie dann dort?“
„Weil Frau Ahlers dort immer rote Geranien haben wollte.“
Friedrich schluckte.
„Auch wenn sie schlecht wachsen?“
„Sie sagte, ein Garten müsse nicht überall vernünftig sein.“
Er hörte Mariannes Stimme so klar, als stünde sie hinter ihm.
Ein Garten müsse nicht überall vernünftig sein.
Sie hatte diesen Satz oft gesagt.
Wenn Friedrich auf symmetrische Wege bestand.
Wenn er vorschlug, einen alten Baum zu fällen.
Wenn er fragte, warum zwischen den gepflegten Rosen plötzlich wilde Kornblumen wachsen sollten.
„Sie erinnern sich daran?“, fragte er.
„Natürlich.“
„Nach all den Jahren?“
Georg sah auf seine Hände.
„Man vergisst nicht alles, nur weil jemand nicht mehr da ist.“
Friedrich wandte den Blick ab.
Vor sieben Jahren hatte er Georg am Tag nach Mariannes Beerdigung angewiesen, alle verwelkten Blumen aus dem Haus zu entfernen.
Nicht später.
Sofort.
Er konnte den Geruch nicht ertragen.
Danach hatte er nie mit Georg über sie gesprochen.
„Warum haben Sie den Garten nicht verändert?“, fragte Friedrich.
„Sie hätten es gekonnt.“
„Sie haben nie darum gebeten.“
„Ich hätte vermutlich nichts bemerkt.“
Georg antwortete nicht.
Das Schweigen war Antwort genug.
Friedrich blickte über das Grundstück.
„Zwölf Jahre“, sagte er.
„Ja.“
„Und wir haben nie ein richtiges Gespräch geführt.“
„Wir haben oft gesprochen.“
„Über Rechnungen. Termine. Bäume, die geschnitten werden mussten.“
„Das stimmt.“
„Ich kenne nicht einmal den Namen Ihrer Tochter.“
Georg sah ihn an.
„Katrin.“
„Katrin“, wiederholte Friedrich.
Der Name fühlte sich an wie ein Geständnis.
„Und Emils Vater?“
Der Junge schaute sofort zu seinem Großvater.
Georg zögerte.
„Lebt nicht mehr bei ihnen.“
„Opa.“
„Es ist kein Geheimnis.“
Friedrich bemerkte die Spannung.
„Ich wollte nicht neugierig sein.“
„Doch“, sagte Emil. „Heute schon.“
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