Eine alte Frau grub nachts ein Grab – dann hörten wir Hilferufe aus ihrem Keller

„Darf ich?“

Die Frau nickte.

Lange sagte niemand etwas.

Dann begann Ruth: „Wenn ich nur früher …“

„Ich weiß nicht, was Sie hätten merken können.“

Die Frau setzte sich nun doch.

„Ich war zuerst so wütend auf Sie. Ich konnte gar nicht anders.“

Ruth nickte.

„Das verstehe ich.“

„Aber ich möchte nicht, dass jeder nur über ihn spricht.“

Sie tippte auf das Foto.

„Sie hat gelebt. Sie hatte immer kalte Hände. Sie hat beim Kochen gesungen, obwohl sie keinen Ton getroffen hat.“

Ruth weinte leise.

Die Frau erzählte fast eine Stunde von ihrer Schwester.

Als sie ging, ließ sie einen Abzug des Fotos da.

Ruth stellte ihn auf ihre Kommode.

Später kamen weitere Bilder hinzu.


Anna zog wieder zu ihrer Mutter. Sie ging zu ihren Terminen, versuchte zu schlafen und musste manchmal auf halbem Weg zum Supermarkt umkehren.

Es gab keine schnelle Rückkehr in ihr altes Leben.

Einmal traf ich sie vor einer Arztpraxis. Sie saß auf einer niedrigen Mauer und sah auf ihre Schuhe.

„Schlechter Tag?“, fragte ich.

„Ich habe die Tür nicht aufbekommen.“

Ich sah zum Eingang.

„Die ist elektrisch.“

„Ich weiß.“

Also setzte ich mich neben sie.

Nach einer Weile sagte sie: „Sie müssen nicht warten.“

„Ich habe Zeit.“

Das stimmte. Früher hatte mir dieser Satz Angst gemacht.

Wir saßen zwölf Minuten dort. Dann stand Anna auf und ging hinein.

Ruth und sie telefonierten regelmäßig. Manchmal redeten sie über das Geschehene. Oft über belanglose Dinge.

Über Ruths neue Brille.

Über eine Nachbarin, die ihre Wäsche grundsätzlich bei Regen aufhing.

Über die Frage, warum Kartoffeln früher angeblich besser geschmeckt hatten.

Anna sagte einmal zu mir: „Bei ihr muss ich nicht dauernd erklären, warum ich heute wieder nicht so weit bin.“

Ruth wiederum begann, für diese Gespräche zu leben.

Sie kaufte eine kleine Küchenwaage, weil Anna backen wollte und ständig nach Grammangaben fragte.

Zum Geburtstag bekam sie einen Kuchen, der in der Mitte eingesunken war.

Ruth aß zwei Stücke.


Das Haus wurde verkauft.

Ruth behielt ihre Nähmaschine, den Küchentisch und eine Kiste mit Bildern. Auf manchen war Daniel als Kind zu sehen.

Sie fragte mich, ob es falsch sei, sie aufzuheben.

„Ich kann dir das nicht beantworten“, sagte ich.

Sie strich über den Deckel.

„Ich kann nicht so tun, als hätte es den kleinen Jungen nie gegeben.“

Die Kiste kam in ihren Schrank. Daneben standen die Fotos der jungen Frauen.

Mit einem Teil des Verkaufserlöses half Ruth, einen kleinen Hilfsfonds aufzubauen. Keine große Stiftung mit ihrem Namen über der Tür.

Es gab ein Büro in zwei gemieteten Räumen. Fachleute kümmerten sich um Beratung und Begleitung. Der Fonds bezahlte Dinge, die sonst liegen blieben: Fahrten, eine sichere Übergangsunterkunft, gelegentlich die erste Miete nach einem Umzug.

Wir vier richteten die Räume her.

Gerd baute eine Rampe. Holger machte die kleine Küche brauchbar. Rudi fuhr Möbel.

Ich schraubte ein Regal an die Wand.

„Gerade?“, fragte ich.

Ruth betrachtete es.

„Links zwei Millimeter hoch.“

Sie hatte wieder angefangen, genau hinzusehen.

Anna half zunächst wenige Stunden in der Woche im Büro. Später holte sie einen Abschluss nach und begann ein Studium im sozialen Bereich.

Ruth übernahm keine schwierigen Beratungsgespräche. Sie kochte Kaffee, sortierte Belege und nähte einen Vorhang für das Zimmer, in dem Menschen manchmal lange schweigend saßen.

„Hier soll keiner das Gefühl haben, er muss sich beeilen“, sagte sie.


Sieben Jahre nach jener Nacht war Ruth achtundachtzig.

Ich war vierundsiebzig und brauchte morgens länger, bis meine Hände beweglich wurden. Gerd schimpfte auf seine Knie. Holger fuhr nicht mehr gern im Dunkeln. Rudi behauptete weiterhin, ihm fehle gar nichts.

Wir besuchten Ruth jede Woche.

Eines Nachmittags stellte sie nur drei Tassen auf den Tisch und blieb dann vor dem Schrank stehen.

„Vier“, sagte sie leise. „Natürlich vier.“

Wir taten, als hätten wir nichts bemerkt.

Später bat sie mich, noch zu bleiben.

„Ich bin krank, Ernst.“

Sie erzählte von den Untersuchungen. Von der Bauchspeicheldrüse. Davon, dass die Ärzte nicht mehr von Heilung sprachen.

Ich sah auf die Tischkante.

„Weiß Anna es?“

„Seit gestern.“

Ruth faltete ihre Hände.

„Ich habe ihr gesagt, sie soll jetzt nicht wieder anfangen, jeden Tag nach mir zu sehen.“

„Wird sie trotzdem.“

„Ja.“

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag lächelte sie.

Dann fragte sie: „Glaubst du, ich habe zu spät hingehört?“

Ich kannte diese Frage. Sie hatte sie über Jahre immer wieder gestellt.

„Ich weiß nicht, was du früher hättest erkennen können.“

Sie nickte, ohne mich anzusehen.

„Aber ich weiß, dass du an dem Abend die Treppe runtergegangen bist.“

Ruth rieb mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal froh darüber bin, einen Menschen nicht mehr hören zu müssen.“

Ich blieb, bis Anna kam.


Ruth starb im Frühjahr.

In ihren letzten Wochen saß fast immer jemand bei ihr. Manchmal wurde gesprochen, manchmal lief leise das Radio.

Anna las ihr aus einem alten Gartenbuch vor, obwohl Ruth längst keinen Garten mehr hatte.

„Die Tomaten erst nach den kalten Nächten raus“, murmelte sie einmal.

„Ich weiß“, sagte Anna.

„Du machst es trotzdem zu früh.“

Anna lachte. Ruth auch.

Bei der Beerdigung saßen wir vier hinter Annas Mutter. Auch Angehörige der fünf jungen Frauen waren gekommen.

Anna sprach nur wenige Minuten.

„Ruth hat mir das Leben gerettet“, sagte sie. „Danach hat sie nie verlangt, dass ich wieder fröhlich werde, damit es ihr besser geht.“

Sie musste eine Pause machen.

„Sie hat mich angerufen, wenn sie Hilfe mit ihrem Fernseher brauchte. Sie hat mich gefragt, ob eine Bluse zu eng saß. Sie hat mir zugetraut, wieder ein Mensch zu sein, der auch für andere etwas tun kann.“

Anna legte ein Maßband auf den Sarg.

Ruth hatte es immer in der Schublade ihres Küchentisches aufbewahrt.


Im ehemaligen Obstgarten hinter dem Haus stehen heute sechs junge Bäume. Die neuen Eigentümer hatten zugestimmt, einen kleinen Teil des Grundstücks dafür abzugeben.

Fünf Bäume tragen die Namen der Frauen, die nicht zurückkamen.

Der sechste wurde gemeinsam mit Anna gepflanzt.

Daneben steht eine Bank, die Gerd gebaut hat. Auf einem kleinen Schild steht Ruths Name, darunter ein Satz:

„Sie hörte hin und ging nachsehen.“

Ich sitze manchmal dort.

Nicht, weil ich für alles eine Antwort gefunden hätte. Sondern weil ich inzwischen gelernt habe, dass man auch ohne fertige Antworten bei jemandem bleiben kann.

Anna heiratet nächsten Monat.

Die Einladung brachte sie selbst vorbei. Auf der Rückseite hatte sie vermerkt, dass wir einen Tisch gemeinsam bekämen.

„Dann kann Rudi wieder behaupten, er hätte nichts mit dem Nachtisch zu tun gehabt“, sagte sie.

Gerd fragte, ob wir Anzüge tragen müssten.

„Saubere Hemden reichen.“

Sie blieb noch einen Moment in meiner Tür stehen.

„Weißt du noch, was du im Keller gesagt hast?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dass ich bestimmen darf, ob du näher kommst.“

Ihre Augen wurden feucht, aber sie lächelte.

„Das hatte mich schon lange niemand mehr gefragt.“

Als sie gegangen war, nahm ich meinen dunklen Anzug aus dem Schrank. Den hatte ich seit der Beerdigung meiner Frau kaum getragen.

Er saß an den Schultern noch gut. Nur der Ärmel war ein Stück zu lang.

Einen Augenblick lang dachte ich, damit müsste ich zu Ruth.

Dann sah ich auf die Einladung.

Ich rief Anna an.

„Du“, sagte ich, „kannst du eigentlich mit einer Nähmaschine umgehen?“

„Nicht besonders.“

„Dann müssen wir es zusammen versuchen.“

Am anderen Ende war es kurz still.

„Bring den Anzug am Sonntag mit“, sagte sie. „Mama macht Kaffee.“

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