Eine ausgehungerte Hündin lag mit sechs neugeborenen Welpen in einem Karton mitten im Wald, und was sie trotz ihrer letzten Kräfte tat, werde ich niemals vergessen.
„Fahr schneller, Thomas! Bitte! Ich glaube, sie schafft es nicht mehr!“
Meine Stimme überschlug sich, während ich auf der Rückbank unseres Autos saß. Auf meinen Knien stand ein alter, durchweichter Pappkarton. Darin lagen sieben Hunde. Sechs winzige Welpen und ihre Mutter.
Die Hündin bewegte sich kaum noch.
Ich legte vorsichtig zwei Finger an ihre Brust. Für einen schrecklichen Moment spürte ich nichts. Dann hob sich ihr Brustkorb ganz schwach.
„Sie atmet noch“, flüsterte ich. „Thomas, sie atmet noch.“
Mein Mann sagte kein Wort. Er umklammerte das Lenkrad und fuhr so schnell, wie es auf der schmalen Landstraße möglich war.
Keine halbe Stunde zuvor hatten wir eigentlich nur einen Spaziergang machen wollen.
Wir waren für ein paar freie Tage in den Harz gefahren. Ein kleines Ferienhaus am Waldrand, weit weg von unserer Wohnung in Hannover. Wir wollten endlich einmal abschalten.
Doch dann hatte Thomas zwischen zwei umgestürzten Baumstämmen etwas entdeckt.
Einen Karton.
Zuerst dachten wir, jemand hätte dort Müll abgeladen. Aber als wir näher kamen, hörten wir ein leises Fiepen.
Ich werde dieses Geräusch nie vergessen.
Thomas hob vorsichtig eine aufgeweichte Lasche an.
Und da sahen wir sie.
Eine braune, völlig abgemagerte Hündin lag zusammengerollt in dem Karton. Ihre Rippen standen deutlich hervor. Das Fell war schmutzig und verklebt.
Unter ihrem Körper bewegten sich sechs winzige Welpen.
Sie waren kaum größer als meine Hand.
Die Mutter hatte sich so um ihre Kleinen gelegt, dass sie möglichst viel von ihrer Wärme abbekamen.
Als ich mich hinkniete, öffnete sie langsam die Augen.
Ich hatte erwartet, dass sie knurren würde. Schließlich waren wir Fremde, die sich ihren Babys näherten.
Doch sie tat etwas anderes.
Sie hob den Kopf ein kleines Stück und leckte meine ausgestreckte Hand.
Dann fiel ihr Kopf wieder auf den Kartonboden.
„Thomas“, sagte ich damals. „Wir müssen sie sofort hier rausholen.“
Er zog seine Jacke aus und legte sie über den Karton. Gemeinsam trugen wir die kleine Familie zum Auto.
Und nun saßen wir hier.
Sieben Leben, die vielleicht nur noch Minuten hatten.
Als wir endlich die Tierarztpraxis am Ortsrand erreichten, riss Thomas die Autotür auf.
„Wir brauchen Hilfe!“, rief er.
Eine Tiermedizinische Fachangestellte kam sofort aus dem Behandlungszimmer.
„Was ist passiert?“
„Wir haben sie im Wald gefunden. Eine Mutter mit sechs Welpen. Sie reagiert kaum noch.“
Die junge Frau nahm uns den Karton ab und rief nach der Tierärztin.
Frau Dr. Neumann, eine ruhige Frau Mitte fünfzig, untersuchte zuerst die Mutterhündin.
Sie prüfte ihre Schleimhäute, hörte ihr Herz ab und tastete vorsichtig ihren Bauch.
Dann betrachtete sie die sechs Welpen.
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Wie lange waren die Tiere dort draußen?“
„Das wissen wir nicht“, antwortete Thomas. „Wir haben den Karton zufällig entdeckt.“
Die Tierärztin nickte langsam.
„Die Kleinen sind ungefähr eine Woche alt. Die Mutter ist stark ausgetrocknet und völlig entkräftet.“
Sie strich vorsichtig über den dünnen Rücken der Hündin.
„Sie hat offenbar ihre letzten Reserven dafür gebraucht, ihre Jungen zu versorgen.“
Ich schluckte.
„Werden sie überleben?“
Frau Dr. Neumann sah mich an.
„Wir werden alles versuchen. Aber ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen.“
Dann sagte sie einen Satz, der mir bis heute im Kopf geblieben ist.
„Wären Sie erst morgen gekommen, hätten wir wahrscheinlich nichts mehr für sie tun können.“
Ich musste mich setzen.
Morgen.
Ein einziger Tag.
Was wäre gewesen, wenn wir eine andere Wanderstrecke gewählt hätten? Wenn Thomas den Karton nicht gesehen hätte?
Ich wollte mir die Antwort nicht vorstellen.
Die Mitarbeiter brachten die Hündin in den Behandlungsraum. Sie bekam Flüssigkeit über eine Infusion. Die Welpen wurden vorsichtig aufgewärmt und untersucht.
Thomas und ich saßen im Wartezimmer.
An den Wänden hingen Bilder von Hunden und Katzen, die dort behandelt worden waren.
Ich starrte auf diese Fotos und dachte immer wieder dasselbe.
Bitte lass auch diese sieben irgendwann so aussehen.
Thomas hielt meine Hand.
Normalerweise redet er viel, wenn er nervös ist. Diesmal schwieg er.
Nach ungefähr drei Stunden kam Frau Dr. Neumann zurück.
Sie sah erschöpft aus.
Aber sie lächelte.
„Ich glaube, wir können vorsichtig aufatmen.“
Ich sprang auf.
„Was bedeutet das?“
„Alle sieben sind im Moment stabil. Die Welpen haben sich aufgewärmt, und ihre Mutter spricht auf die Behandlung an.“
Mir liefen sofort die Tränen.
„Alle sieben?“
„Ja. Alle sieben.“
Thomas nahm mich in den Arm. Ich spürte, dass auch er mit den Tränen kämpfte.
Als wir die kleine Familie sehen durften, lag die Mutter auf einer weichen Decke.
Ihre Augen waren geöffnet.
Neben ihr schliefen die sechs Welpen, dicht aneinandergekuschelt.
Ich ging langsam in die Hocke.
„Na, meine Große“, flüsterte ich. „Du hast es geschafft.“
Da geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Die Hündin hob ihren Kopf.
Und ihre Schwanzspitze bewegte sich.
Nur ein paar Zentimeter.
Aber für mich war es das schönste Schwanzwedeln der Welt.
„Sie scheint Sie wiederzuerkennen“, sagte die Tierärztin.
Ich legte meine Hand vorsichtig neben ihren Kopf.
Sie leckte meine Finger.
Wieder dieser kleine, schwache Versuch, Kontakt aufzunehmen.
Ich begann erneut zu weinen.
An diesem Abend fuhren wir schweigend in unser Ferienhaus zurück.
Unseren geplanten Ausflug für den nächsten Tag sagten wir ab.
Wir konnten an nichts anderes mehr denken.
Auf der Terrasse saßen wir lange nebeneinander.
Irgendwann fragte ich: „Wie kann jemand eine Mutter mit sechs Babys einfach im Wald zurücklassen?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht, Sabine.“
Mehr sagte er nicht.
Es gab auch nichts, was die Sache hätte erklären können.
Am nächsten Morgen standen wir direkt nach Öffnung der Praxis wieder vor der Tür.
Frau Dr. Neumann empfing uns mit einem Lächeln.
„Ihre kleine Kämpferin hat heute Nacht etwas gefressen.“
„Wirklich?“
„Eine ganze kleine Portion. Und sie hat sich anschließend wieder um ihre Welpen gekümmert.“
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