Ich spürte eine Erleichterung, die ich kaum beschreiben kann.
Wir gingen zu ihr.
Als die Hündin uns sah, hob sie sofort den Kopf.
Diesmal wedelte sie etwas kräftiger.
„Ich glaube, wir sollten ihr einen Namen geben“, sagte Thomas.
Ich sah ihn überrascht an.
Mein Mann war immer derjenige gewesen, der behauptete, ein Hund würde nicht in unser Leben passen.
Zu wenig Platz. Zu viel Arbeit. Zu wenig Zeit.
Und nun stand er da und wollte einer fremden Hündin einen Namen geben.
„Was hältst du von Bella?“, fragte ich.
Er sah die Hündin an.
„Bella passt.“
So wurde aus der namenlosen Mutter im Karton unsere Bella.
Eigentlich wollten wir nach vier Tagen wieder nach Hannover fahren.
Doch wir verlängerten unseren Aufenthalt.
Zuerst um eine Woche.
Dann noch einmal.
Unsere Kollegen übernahmen einige Aufgaben, und wir arbeiteten zwischendurch von unserer Ferienunterkunft aus.
Wir wollten zumindest so lange bleiben, bis klar war, dass die kleine Familie wirklich über den Berg war.
Jeden Tag besuchten wir Bella.
Jeden Tag wurde sie ein bisschen stärker.
Sie fraß wieder regelmäßig. Ihre Augen wurden wacher. Langsam verschwand der eingefallene Ausdruck aus ihrem Gesicht.
Und die Welpen?
Die entwickelten sich zu sechs kleinen Wirbelwinden.
Einer hatte einen weißen Fleck auf der Brust. Ein anderer war besonders dunkel. Zwei sahen sich so ähnlich, dass ich sie anfangs ständig verwechselte.
Sie öffneten nach und nach ihre Augen.
Zuerst krabbelten sie nur.
Dann versuchten sie aufzustehen.
Ihre Beine waren noch so wackelig, dass sie ständig umkippten.
Einmal sah ich zu, wie ein kleiner brauner Rüde über seine eigene Vorderpfote stolperte und direkt auf dem Bauch seiner Mutter landete.
Bella hob nur müde den Kopf, schaute ihn an und leckte ihm über die Nase.
Ich musste lachen.
Zum ersten Mal seit unserem Fund im Wald lachte ich wieder richtig.
Frau Dr. Neumann vermutete, dass die Welpen Mischlinge aus Labrador und einem Hütehund waren.
„Die werden später ordentlich Bewegung brauchen“, sagte sie.
Doch ihre Herkunft interessierte uns kaum.
Für uns waren es einfach sechs kleine Wunder.
Nach einigen Wochen durften Bella und ihre Welpen die Praxis verlassen. Eine erfahrene Pflegestelle in der Nähe nahm sie zunächst auf.
Wir besuchten sie weiterhin regelmäßig und halfen bei der Versorgung.
Bella erkannte uns jedes Mal sofort.
Kaum hörte sie unsere Stimmen, kam sie angelaufen.
Sie drückte ihren Kopf gegen mein Knie und blieb dort stehen, bis ich sie streichelte.
„Die weiß ganz genau, wer du bist“, sagte Thomas eines Tages.
Ich sah auf die Hündin hinunter.
„Und ich weiß mittlerweile auch, wer sie ist.“
Er lächelte.
„Eine ziemlich starke Hundemama.“
„Die stärkste, die ich kenne.“
Als die Welpen alt genug waren, begann die Suche nach passenden Familien.
Die Pflegestelle arbeitete mit einer kleinen örtlichen Tierschutzgruppe zusammen. Gemeinsam achteten wir darauf, dass jeder Welpe ein gutes Zuhause bekam.
Der erste hieß später Oskar.
Er zog zu einem jungen Paar in ein Dorf bei Braunschweig. Die beiden hatten ein Haus mit Garten und freuten sich seit Monaten auf ihren ersten gemeinsamen Hund.
Als Oskar auf dem Arm seines neuen Besitzers davongetragen wurde, wedelte sein kleines Schwänzchen.
Ich musste trotzdem schlucken.
Der zweite Welpe bekam den Namen Flocke.
Eine Familie mit drei Kindern nahm ihn auf. Die Kinder hatten sich vorher ausführlich mit der Hundehaltung beschäftigt und waren bei ihrem ersten Besuch ungewöhnlich ruhig und vorsichtig.
Als Flocke schließlich mit ihnen nach Hause fahren durfte, strahlten alle drei.
Zwei weitere Welpen blieben zusammen.
Ein älteres Ehepaar aus der Nähe von Goslar hatte kurz zuvor seinen langjährigen Hund verloren.
Eigentlich wollten die beiden nur einen Welpen aufnehmen.
Doch die Geschwister lagen bei ihrem Besuch so eng aneinandergekuschelt, dass sie sich nicht entscheiden konnten.
Am Ende nahmen sie beide mit.
Sie nannten sie Lotte und Max.
Der fünfte Welpe zog zu einer alleinlebenden Frau, die überwiegend von zu Hause arbeitete.
Sie gab ihm den Namen Paul.
Nach jedem Abschied war ich traurig.
Ich wusste, dass es den Kleinen gut gehen würde. Trotzdem fehlte jedes Mal etwas, wenn ich wieder in den Raum kam.
Schließlich waren nur noch zwei Hunde übrig.
Bella.
Und ihre kleinste Tochter.
Wir hatten die Kleine Hoffnung genannt.
Sie war die Letzte gewesen, die ihre Augen öffnete. Und sie hatte sich von Anfang an besonders eng an ihre Mutter gekuschelt.
An ihrer Brust hatte sie einen weißen Fleck, und eines ihrer Ohren stand immer ein bisschen schief.
Wenn Bella sich hinlegte, kroch Hoffnung sofort an ihre Seite.
Die beiden waren kaum voneinander zu trennen.
Eines Abends saßen Thomas und ich im Wohnzimmer unseres Ferienhauses.
Wir hatten gerade erfahren, dass auch für Hoffnung eine Familie Interesse angemeldet hatte.
„Wir müssen darüber reden“, sagte ich.
Thomas legte seine Zeitung weg.
„Über Bella?“
Ich nickte.
„Und über Hoffnung.“
Er seufzte.
„Ich weiß.“
„Wir wohnen in einer Dreizimmerwohnung.“
„Ich weiß.“
„Wir sind beide berufstätig.“
„Das weiß ich auch.“
„Und wir wollten eigentlich nie einen Hund.“
Thomas schwieg.
Dann sah er mich an.
„Sabine, darf ich dir etwas sagen?“
„Natürlich.“
„Seit wir Bella gefunden haben, denke ich darüber nach, wie schnell sich alles verändern kann.“
Ich wartete.
„Wir hatten unseren Urlaub geplant. Jeden Ausflug, jedes Restaurant, sogar die Strecke für unsere Wanderung.“
Er lächelte kurz.
„Und dann lag da dieser Karton.“
Ich sah auf meine Hände.
„Ja.“
„Weißt du, was mich daran am meisten beschäftigt?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dass sie uns vertraut hat. Obwohl sie offenbar von Menschen enttäuscht worden war.“
Er sah mich ernst an.
„Ich möchte nicht, dass sie schon wieder irgendwo neu anfangen muss.“
Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden.
„Ich auch nicht.“
Eine Weile saßen wir schweigend da.
Dann fragte Thomas leise: „Was wäre, wenn wir unser Leben ein bisschen ändern?“
„Wie meinst du das?“
„Wir könnten nach einer Wohnung mit Garten suchen. Oder vielleicht nach einem kleinen Haus außerhalb der Stadt.“
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