Eine Pflegerin sang für den stummen Geiger – doch der Mann hinter der Tür veränderte ihr Leben

Matthias wusste nicht, woher sie sie kannte.

Vielleicht war es Zufall.

Vielleicht gab es Zufälle nur für Menschen, die sich vor Entscheidungen drückten.

Eine Woche lang erschien er jeden Abend kurz vor neun.

Er ging nicht hinein. Er lehnte an der Wand, die Hände in den Manteltaschen, und hörte zu.

Lena sprach mit Karl über Kleinigkeiten.

Über einen Bewohner, der seine Brille im Kühlschrank versteckt hatte.

Über ihre Nachbarin, die jeden Sonntag den Hausflur putzte und dabei Schlager sang.

Über die Tomatenpflanze auf ihrem Balkon, die seit Monaten keine einzige Tomate trug.

Sie erzählte ihm auch von ihrem Vater.

Nicht alles.

Nur genug, damit ein fremder Mann im Flur verstand, dass sie ebenfalls jemanden verloren hatte, ohne sich richtig verabschieden zu können.

Am achten Abend kam Matthias zu spät.

Als er den Flur betrat, zog Lena gerade Karls Decke bis zu den Schultern.

„Morgen bringe ich Ihnen die zweite Strophe bei“, sagte sie.

Dann drehte sie sich um.

Matthias stand direkt vor der Tür.

Beide erstarrten.

Lena wurde blass.

„Es tut mir leid“, sagte sie sofort. „War ich zu laut? Ich weiß, dass das hier kein Wunschkonzert ist. Ich wollte niemanden stören.“

„Hören Sie nicht auf.“

Sie blinzelte.

„Wie bitte?“

„Mit dem Singen.“

Seine Stimme war leiser, als sie erwartet hatte.

„Mein Vater hört Sie.“

Lena warf einen Blick zum Bett.

„Das wissen wir nicht.“

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Matthias. „Aber ich höre Sie. Und seitdem schaffe ich es wieder, dieses Zimmer zu betreten.“

Er sagte es ohne Pathos.

Gerade deshalb traf es sie.

Lena strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Sie sind Herr Brenner.“

„Matthias.“

„Die anderen reden über Sie.“

„Das überrascht mich nicht.“

„Sie sagen, Sie seien schwierig.“

Zum ersten Mal lächelte er.

„Das überrascht mich noch weniger.“

Lena musste lachen.

Es war nur ein kurzer Laut, aber im kalten Flur klang er fast ungehörig lebendig.

Matthias deutete auf das Foto am Nachttisch.

„Das Lied, das Sie vorgestern gesungen haben. Woher kennen Sie es?“

„Von meinem Vater. Er kannte nur eine Zeile. Den Rest habe ich erfunden.“

Matthias sah sie lange an.

„Meine Mutter hat dieselbe Zeile gesungen.“

„Vielleicht war es früher bekannter.“

„Nein“, sagte er. „Mein Vater hat die Melodie geschrieben.“

Lena schwieg.

Matthias ging zum Nachttisch und nahm das Foto in die Hand.

„Er schrieb sie für meine Mutter. Im Herbst 1989. Sie lebten damals getrennt. Er war auf Konzertreise im Westen, sie saß mit mir in Leipzig fest und wusste nicht, wann wir uns wiedersehen.“

Lena betrachtete Karl.

„Dann geht es im Lied wirklich ums Heimkommen.“

„Ich dachte immer, es sei nur ein Schlaflied.“

Matthias stellte das Foto zurück.

„Nach dem Tod meiner Mutter hat er es nie wieder gespielt.“

Lena bemerkte, wie seine Finger zitterten.

„Vielleicht konnte er es nicht.“

„Oder er wollte nicht.“

„Das ist nicht immer dasselbe.“

Matthias sah sie scharf an.

Niemand sprach in diesem Ton mit ihm. Nicht seine Mitarbeiter, nicht seine Geschäftspartner und schon gar nicht Menschen, deren Monatslohn vermutlich weniger betrug als seine Uhr.

Doch Lena wich seinem Blick nicht aus.

„Sie verteidigen ihn, obwohl Sie ihn nicht kennen.“

„Nein. Ich verteidige nur die Möglichkeit, dass ein Mensch mehr als einen Grund für sein Schweigen haben kann.“

Matthias atmete langsam aus.

„Können Sie mir das Lied beibringen?“

Lena glaubte, sich verhört zu haben.

„Sie wollen singen?“

„Einmal.“

„Für Ihren Vater?“

Er nickte.

„Bevor es zu spät ist.“

Sie musterte ihn.

Der teure Mantel. Die steife Haltung. Die Augen eines Jungen, der jahrzehntelang darauf gewartet hatte, endlich gefragt zu werden, ob er etwas gegessen hatte.

„Gut“, sagte sie. „Aber ich warne Sie. Ich bin streng.“

„Das liegt offenbar in der Familie.“

Ihre erste Probe fand im Aufenthaltsraum statt.

Das Klavier in der Ecke war verstimmt, die Heizung klopfte, und auf dem Tisch stand eine Schale mit vertrockneten Mandarinen.

Matthias sang so falsch, dass Lena mitten in der zweiten Zeile abbrach.

„Was?“, fragte er.

„Nichts.“

„Sie lachen.“

„Nur innerlich.“

„Ihre Schultern bewegen sich.“

„Dann ist mein Inneres offenbar schlecht isoliert.“

Er schüttelte den Kopf und begann erneut.

Beim dritten Versuch traf er zumindest den Anfang.

Beim fünften blieb er im Takt.

Nach einer Stunde war seine Stimme noch immer rau und unsicher, aber nicht mehr völlig verloren.

„Sie singen aus dem Hals“, sagte Lena.

„Wo soll ich sonst singen? Aus dem Knie?“

„Aus der Brust.“

Sie legte ihm zwei Finger unter das Schlüsselbein.

Matthias verstummte.

Auch Lena zog die Hand schnell zurück.

Für einen Moment war da etwas zwischen ihnen, das nichts mit Musik zu tun hatte.

Beide taten so, als hätten sie es nicht bemerkt.

Die Proben wurden zu einem festen Ritual.

Dienstags und donnerstags wartete Matthias nach ihrem Dienst im Aufenthaltsraum. Manchmal brachte er belegte Brote mit. Einmal Kartoffelsuppe in einem alten Emailletopf.

„Sie kochen?“, fragte Lena misstrauisch.

„Ich kann lesen.“

„Ein Rezept ist keine Garantie.“

„Probieren Sie.“

Sie probierte.

Die Suppe war zu salzig, die Kartoffeln halb zerfallen und die Möhren noch hart.

Lena aß zwei Teller.

Nicht, weil es gut schmeckte.

Sondern weil seit dem Tod ihres Vaters niemand mehr für sie gekocht hatte.

Während der Proben erzählte Matthias von seiner Kindheit.

Von Sonntagen, an denen sein Vater sechs Stunden übte und das ganze Haus nach Kolophonium und starkem Kaffee roch.

Von Eva, die Gardinen nähte, obwohl sie nie gerade wurden.

Von der ersten Wohnung nach der Wiedervereinigung, in der die Heizung ständig ausfiel und alle drei im Wohnzimmer unter Decken schliefen.

„Das war wahrscheinlich die glücklichste Zeit“, sagte er.

„Warum wahrscheinlich?“

Matthias dachte nach.

„Weil man Glück oft erst erkennt, wenn man später genug Geld hat, um alles zu kaufen, was damals fehlte.“

Lena erzählte ihm von Erik.

Er war ihr Manager gewesen, später ihr Lebensgefährte. Älter, charmant und voller Pläne.

Er versprach Aufnahmen, größere Auftritte und ein gemeinsames Leben.

Stattdessen verschwand er mit ihren Ersparnissen, einigen Verträgen und der Gitarre ihres Vaters.

Lena meldete ihn nicht sofort.

Sie schämte sich zu sehr.

Als sie es endlich tat, war er längst verschwunden.

„Danach konnte ich nicht mehr auftreten“, sagte sie. „Auf der Bühne fühlte sich jeder Blick wie eine Frage an. Wie konntest du so dumm sein?“

„Das fragt niemand.“

„Ich habe es gefragt.“

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