Er erzählte von Annas Lachen. Von ihrer Angewohnheit, beim Kochen alte Schlager zu singen, obwohl sie keinen Ton traf. Von den handgeschriebenen Zetteln, die sie ihm in die Brotdose legte.
Er erzählte, wie sie an Heiligabend immer zu viele Klöße machte, weil sie überzeugt war, dass niemand mit nur zwei Klößen glücklich werden könne.
Claudia hörte zu.
Nicht ungeduldig. Nicht eifersüchtig auf eine Tote, die sie nie kennengelernt hatte.
„Lina wird sie durch Ihre Geschichten kennenlernen“, sagte sie. „Vielleicht nicht so, wie Sie es sich wünschen. Aber sie wird wissen, dass ihre Mutter sie geliebt hat.“
„Manchmal habe ich Angst, dass ich nicht genug bin.“
„Jeder gute Vater hat diese Angst.“
„Und die schlechten?“
„Die sind meistens sehr sicher, alles richtig zu machen.“
Wieder musste Martin lachen.
Sie blieben fast zwei Stunden.
Beim Abschied stand Claudia neben ihrem Wagen und wirkte plötzlich nervös.
„Ich würde Sie gern wiedersehen“, sagte sie.
„Wegen des Projekts?“
„Nein.“
Sie sah zu Lina, die auf einem niedrigen Mäuerchen balancierte.
„Auch nicht, weil ich Ihnen helfen möchte.“
Martin spürte sein Herz schneller schlagen.
„Sondern?“
„Weil ich Sie mag.“
Ihre Direktheit erschreckte ihn.
Claudia war achtundfünfzig. Martin war siebenundvierzig. Elf Jahre lagen zwischen ihnen.
In einem anderen Leben hätte er vielleicht zuerst darüber nachgedacht, was andere Leute sagen würden.
Doch nach Annas Tod hatte er verstanden, wie wenig Zeit man mit den Meinungen anderer verschwenden sollte.
Trotzdem schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin.“
„Das verlange ich nicht.“
„Anna ist noch überall.“
„Sie darf überall sein.“
Claudia trat einen Schritt näher.
„Ich will keinen Platz wegnehmen. Vielleicht kann irgendwann ein neuer Platz entstehen.“
Sie trafen sich wieder.
Zunächst auf einen Kaffee. Dann zu Spaziergängen. Später zu einem Abendessen, während eine Nachbarin auf Lina aufpasste.
Claudia drängte nie.
Wenn Martin plötzlich still wurde, weil ein Lied im Radio ihn an Anna erinnerte, wechselte sie nicht hastig das Thema. Sie wartete einfach.
Als Annas Geburtstag kam, fuhr Claudia mit Martin und Lina zum Friedhof.
Sie blieb am Eingang stehen.
„Das ist eure Zeit“, sagte sie.
Martin legte Blumen auf das Grab. Lina stellte Lotti daneben und erzählte ihrer Mutter von einem Marienkäfer.
Auf dem Rückweg wartete Claudia noch immer am Tor.
Da nahm Martin zum ersten Mal ihre Hand.
Ihre Beziehung wuchs langsam.
Nicht wie ein Feuerwerk.
Eher wie Licht, das morgens durch einen schmalen Spalt im Vorhang fällt und den Raum Stück für Stück zurückerobert.
Doch nicht alle freuten sich darüber.
Claudias erwachsene Tochter Katharina war vierunddreißig, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Beim ersten gemeinsamen Abendessen musterte sie Martin höflich, aber kühl.
„Mama hilft gern Menschen“, sagte sie später, als Claudia in der Küche war. „Manche verwechseln das mit einer Einladung, sich in ihrem Leben einzurichten.“
Martin verstand sofort.
„Sie glauben, ich bin wegen ihres Geldes hier.“
Katharina verschränkte die Arme.
„Ich kenne Sie kaum.“
„Dann sollten Sie mich kennenlernen, bevor Sie urteilen.“
„Meine Mutter hat hart für alles gearbeitet. Sie ist nicht mehr jung.“
Martin spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.
„Ich auch nicht.“
„Sie haben ein kleines Kind, unregelmäßiges Einkommen und waren in einer schwierigen Lage, als Sie sich kennengelernt haben.“
Jedes Wort war sachlich.
Gerade deshalb tat es weh.
„Ihre Mutter hat mir eine berufliche Möglichkeit vermittelt“, sagte Martin. „Den Auftrag erfülle ich selbst.“
„Natürlich.“
In diesem einen Wort lag so viel Misstrauen, dass Martin am liebsten gegangen wäre.
Doch Lina spielte im Wohnzimmer mit Katharinas Kindern. Claudia brachte einen Topf auf den Tisch und lächelte ahnungslos.
Martin schwieg.
Wochenlang erzählte er Claudia nichts von dem Gespräch.
Er wollte keinen Streit zwischen Mutter und Tochter verursachen. Außerdem verstand er Katharinas Angst.
Claudia besaß viel. Martin hatte fast alles verloren.
Von außen sah es tatsächlich verdächtig aus.
Dann erfuhr Katharina, dass ihre Mutter Martin einen Schlüssel zu ihrem Haus gegeben hatte.
Der Streit brach an einem Sonntagnachmittag aus.
„Das geht zu schnell!“, rief Katharina.
„Wir sind seit fast einem Jahr zusammen“, erwiderte Claudia.
„Er hat Schulden.“
„Er hatte Schulden.“
„Und ein Kind, für das du am Ende verantwortlich sein wirst.“
Lina saß im Nebenzimmer und baute einen Turm. Martin hörte jedes Wort.
Er stand auf, zog Lina die Jacke an und nahm Lotti vom Sofa.
„Wir gehen.“
Claudia folgte ihm in den Flur.
„Bitte bleib.“
„Nein.“
„Katharina meint es nicht so.“
„Doch“, sagte Martin. „Genau so meint sie es.“
Seine Stimme blieb ruhig, obwohl in ihm alles bebte.
„Und vielleicht hat sie recht. Vielleicht wird jeder immer glauben, ich hätte mich an dich gehängt, weil du mir im Supermarkt Windeln gekauft hast.“
„Mir ist egal, was jeder glaubt.“
„Mir nicht.“
Claudia sah ihn an, als hätte er sie geschlagen.
Martin ging.
Drei Tage lang meldete er sich nicht.
Er arbeitete, brachte Lina zur Tagespflege und versuchte, sich einzureden, dass eine Trennung vernünftig wäre.
Claudia verdiente jemanden, der ihr auf Augenhöhe begegnete.
Nicht einen Mann, dessen tiefster Moment der Anfang ihrer Beziehung gewesen war.
Am vierten Abend klingelte es.
Katharina stand vor der Tür.
Martin ließ sie nur widerwillig herein.
Sie setzte sich an den Küchentisch. Vor ihr lagen Linas Wachsmalstifte und eine ungeöffnete Mahnung, die Martin längst bezahlt hatte, aber noch nicht wegwerfen konnte.
„Meine Mutter redet nicht mit mir“, sagte Katharina.
„Das tut mir leid.“
„Nein, tut es nicht.“
„Im Moment nicht besonders.“
Katharina nickte.
„Ich habe mich danebenbenommen.“
Martin sagte nichts.
„Als mein Vater ging, war ich vier. Meine Mutter hat jahrelang um alles gekämpft. Später, als ihre Firma erfolgreich wurde, kamen plötzlich Menschen, die vorher nie da gewesen waren.“
Sie drehte einen roten Wachsmalstift zwischen den Fingern.
„Ein Cousin wollte Geld. Eine alte Freundin brauchte eine Beteiligung. Ein Mann versprach ihr Liebe und versuchte gleichzeitig, sie zu einer Bürgschaft zu überreden.“
„Und deshalb bin ich automatisch der Nächste?“
„Nein.“
Katharina sah ihn an.
„Aber ich hatte Angst, dass du es sein könntest.“
Martin atmete langsam aus.
„Ich brauche ihr Geld nicht.“
„Das weiß ich jetzt.“
Sie hatte mit dem Leiter des Wohnungsprojekts gesprochen. Nicht um Martin zu überprüfen, behauptete sie, sondern weil die Firma für eine ihrer Kundinnen arbeitete.
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