Joris sah seine Brüder an.
„Alle bereit?“
Vier Jungen nickten. Dann riss Papier, Stühle scharrten, und Piet hielt schon nach wenigen Sekunden eine Karte hoch, als hätte er etwas gefunden, das seit Wochen vermisst worden war.
Ich sah zu Anja. Sie weinte lautlos und versuchte gleichzeitig zu lächeln.
„Unsere alten Karten sind weg“, sagte Till plötzlich.
Joris trat ihm unter dem Tisch gegen den Schuh.
„Was denn? Stimmt doch.“
Anja nahm eine Serviette und faltete sie zusammen. Dann faltete sie sie noch einmal.
„Ich habe sie weggeworfen“, sagte sie leise.
Niemand sprach weiter. Selbst Piet legte seine neue Karte auf den Tisch.
„Die Mappe lag auf Daniels Stuhl. Er hatte sie am Abend vorher mit den Kindern sortiert. Ich kam aus dem Schlafzimmer und habe …“
Sie brach ab und sah ihre Söhne an.
„Ich habe alles in einen Sack gesteckt. Die Karten, ein paar Zeitschriften, die kaputte Einkaufstasche. Ich wollte diesen Stuhl sehen können, ohne dass alles darauf liegt.“
Joris starrte auf seine Hände.
„Wir haben gedacht, du willst nicht mehr, dass wir Freitag machen.“
„Doch“, sagte sie sofort. „Doch, Joris.“
„Aber du hast gesagt, wir sollen nicht dauernd davon anfangen.“
Anja presste die Serviette zwischen ihren Fingern zusammen.
„Weil ich jedes Mal weinen musste. Das war falsch von mir. Ihr dürft von Papa erzählen. Auch wenn ich dabei weine.“
Ich hätte ihr gern etwas Tröstliches gesagt. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Ich habe Hannes’ Sammlung verkauft.“
Anja blickte auf.
„Für die Beerdigung und den Stein. Ich habe die Kartons einem Mann gegeben, der nicht einmal gefragt hat, wem sie gehört haben.“
„Du brauchtest das Geld“, sagte sie.
„Ja. Und trotzdem fehlt mir jeder verdammte Karton.“
Joris schob mir eine seiner neuen Karten hin.
„Die hast du doppelt?“, fragte ich.
„Nein.“
Ich betrachtete den kleinen grünen Drachen darauf. Dann schob ich sie vorsichtig zurück.
„Behalt die erst mal. Du kannst mir später zeigen, wie man damit spielt.“
Anja fragte, ob ich am Abend zum Essen kommen wolle. Sie sagte es zögernd, mit einem Blick auf die Jungen und dann auf mich.
„Es gibt nur Nudeln mit Tomatensoße.“
„Die mag ich.“
„Und hinterher machen wir die Karten“, sagte Piet.
Ich schrieb meine Telefonnummer auf ihren Kassenzettel. Sie gab mir ihre Adresse, und wir verabredeten uns für halb sechs.
Zum ersten Mal seit drei Monaten musste ich nach Hause, weil ich noch etwas vorhatte.
Die Falks wohnten im zweiten Stock eines älteren Mehrfamilienhauses am Rand von Hagen. Im Treppenhaus standen Kinderfahrräder, vor ihrer Tür fünf Paar Schuhe.
Ich hatte beim Bäcker ein Brot gekauft. Vor der Wohnung kam mir das plötzlich albern vor. Wer bringt Brot zu Nudeln mit?
Anja nahm es mir ab.
„Daniel hat immer die Soße damit aufgetunkt“, sagte sie. „Die Kinder auch.“
In der Küche stand ein ausziehbarer Tisch mit sechs Stühlen. Anja holte einen siebten aus dem Schlafzimmer.
Auf der Fensterbank lag eine Lesebrille neben einem kleinen Stapel Briefe. Darüber hing ein Foto von einem Mann mit schiefem Grinsen und einem Jungen auf jeder Seite.
„Das war im Urlaub“, sagte Malte. „Piet hat fotografiert. Deshalb fehlen unsere Beine.“
Piet lachte. Anja auch.
Während des Essens erzählten sie durcheinander von ihrem Vater. Dass er keinen Nagel gerade einschlagen konnte, obwohl er in einer Fabrik gearbeitet hatte. Dass er beim Vorlesen manchmal selbst eingeschlafen war. Dass er behauptet hatte, angebrannte Pfannkuchen seien besonders knusprig.
Ich erzählte von Hannes, der mit neun versucht hatte, sein Fahrrad mit Wandfarbe zu streichen.
„Hat es geklappt?“, fragte Enno.
„Es war hinterher weiß.“
„Und schön?“
„Nein.“
Anja lachte so plötzlich, dass sie die Hand vor den Mund hielt. Dann begann sie zu weinen.
Die Jungen verstummten.
„Es ist gut“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Es ist gerade beides.“
Später lagen die Karten auf dem Tisch. Piet saß neben mir und erklärte mir Regeln, die er selbst noch nicht ganz verstanden hatte.
Ich ließ ihn reden. Anja saß uns gegenüber und trank einen Tee, der längst kalt war.
Als ich meine Jacke anzog, kam Joris in den Flur.
„Nächsten Freitag auch?“
Ich sah zu Anja. Sie nickte.
„Wenn es für alle passt.“
Joris blieb vor mir stehen.
„Aber nur sagen, wenn du wirklich kommst.“
Ich verstand erst da, wie viel in seiner Frage steckte.
„Wenn ich es sage, komme ich. Und wenn einmal etwas dazwischenkommt, rufe ich an.“
Am nächsten Freitag stand ich um halb sechs vor ihrer Tür. In der Woche darauf ebenfalls.
Es wurde keine schöne, gerade Geschichte, in der von da an alles besser ging.
Malte bekam Bauchschmerzen vor der Schule. Till wurde wütend, wenn andere Kinder von ihren Vätern erzählten. Piet fragte noch monatelang, ob Daniel nicht wenigstens zum Geburtstag zurückkommen könne.
Anja arbeitete vormittags in einer kleinen Bäckerei. Nachmittags saß sie über Briefen, telefonierte, suchte Bescheinigungen und versuchte herauszufinden, was sie zuerst erledigen musste.
Manchmal brachte ich Kartoffeln mit oder einen Topf Eintopf. Zweimal behauptete ich, ich hätte versehentlich zu viel gekocht.
Beim dritten Mal stellte sie den Topf auf die Arbeitsplatte.
„Rudi, du musst dir keine Ausrede überlegen. Frag mich einfach.“
Also fragte ich.
Manchmal sagte sie ja. Manchmal sagte sie: „Diese Woche kommen wir zurecht.“ Ich musste lernen, beides anzunehmen.
Ennos Fahrrad reparierten wir gemeinsam im Hof. Joris brachte seine Rechenaufgaben mit an den Küchentisch. Till wollte immer dieselbe Geschichte hören, die mit Hannes und dem weißen Fahrrad.
Neue Karten gab es längst nicht jeden Freitag. Wir sortierten, tauschten, spielten mit alten, zeichneten eigene. Piet malte mir einmal einen Drachen mit Schraubenschlüssel und nannte ihn Werkstattmeister.
Die Karte liegt heute noch in meiner Brieftasche.
Trotzdem machte ich Fehler.
Einmal sagte ich zu Joris, er müsse seiner Mutter jetzt besonders helfen. Er sei schließlich der Älteste.
Er legte seinen Stift hin.
„Das sagen alle.“
Ich merkte, dass etwas nicht stimmte.
„Was sagen alle?“
„Dass ich jetzt aufpassen muss. Auf Mama. Auf die Kleinen. Dass Papa das gewollt hätte.“
Er war elf. Seine Füße reichten auf dem Küchenstuhl noch nicht richtig auf den Boden.
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Das hätte ich nicht sagen sollen.“
Er schaute mich misstrauisch an.
„Du darfst deiner Mutter helfen. Aber du musst deinen Vater nicht ersetzen.“
Joris nickte kaum merklich. Eine Woche später ging er freitags erst einmal zu einem Freund und kam zum Essen nach Hause.
Ich freute mich darüber mehr, als er wissen konnte.
Im Februar brach bei mir ein Tag weg, auf den ich mich wochenlang vorbereitet hatte. Hannes hätte Geburtstag gehabt.
Ich war morgens am Grab gewesen. Danach saß ich bis zum Nachmittag in meiner Küche, die Jacke noch an, den Autoschlüssel vor mir auf dem Tisch.
Um vier rief ich Anja an.
„Heute schaffe ich es nicht.“
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