Sie fragte nicht lange nach.
„Soll ich später noch einmal anrufen?“
„Brauchst du nicht.“
Eine Stunde später klingelte es.
Anja stand vor meiner Tür. Hinter ihr drängten sich fünf Jungen mit einer Auflaufform und einer Tragetasche.
„Wir haben gefragt, ob du allein sein willst“, sagte sie. „Du hast nur gesagt, ich soll nicht anrufen.“
„Das war keine Einladung.“
„Ich weiß. Wenn es dir zu viel ist, gehen wir wieder.“
Piet hielt die Tasche hoch.
„Wir haben schon Teller mit. Joris sagt, du hast bestimmt nicht genug.“
Ich trat zur Seite.
Sie deckten meinen Küchentisch. Enno suchte nach Besteck, Till stellte Wassergläser hin. Joris fragte, ob das Foto auf dem Schrank Hannes zeige.
Ich nahm es herunter.
Auf dem Bild war mein Sohn dreizehn, sommersprossig, mit einer Zahnlücke und viel zu langen Haaren.
„Er sieht nett aus“, sagte Malte.
Nach dem Essen holte ich eine kleine Blechdose aus dem Schlafzimmer. Darin lagen sechs Karten, die ich beim Verkauf nicht gefunden hatte.
Hannes hatte sie im Krankenhaus unter seinem Kissen aufbewahrt. Seine Mutter hatte mir die Dose später gegeben.
„Die dürfen wir nur anschauen“, erklärte ich.
Fünf Jungen wuschen sich die Hände. Ohne Diskussion.
Dann saßen sie um meinen Tisch und ließen mich erzählen. Zum ersten Mal seit seinem Tod konnte ich länger von Hannes sprechen, ohne das Gefühl zu haben, andere damit zu belasten.
Anja räumte später die Teller weg. Ich wollte aufstehen und ihr helfen.
„Bleib sitzen“, sagte sie. „Du bist heute dran mit Sitzen.“
Im Frühjahr suchte sie sich Unterstützung bei einer Trauerbegleiterin. Später bekam auch Malte Hilfe, weil die Bauchschmerzen nicht aufhörten.
Ich fuhr gelegentlich einen der Jungen zum Termin oder wartete mit den anderen auf dem Spielplatz. Es gab Dinge, bei denen ein alter Mechaniker mit einer Thermoskanne allein nicht weiterkam.
Anja stockte ihre Arbeitszeit langsam auf. Nicht plötzlich, und nicht ohne Schwierigkeiten. Aber irgendwann lag auf der Fensterbank wieder ein Buch, das sie für sich selbst ausgeliehen hatte.
Ein Jahr nach unserer Begegnung luden sie mich zum Adventskaffee ein.
Auf meinem Teller lag ein selbst gefalteter Umschlag. Darin steckten fünf Euro und eine Liste mit den Namen aller Jungen.
„Was soll das?“, fragte ich.
Joris wurde rot.
„Unser Geld von damals. Wir wollten dich einladen. Kaffee und Kuchen bezahlen wir.“
Piet beugte sich vor.
„Den Kuchen hat Mama gemacht. Aber den Zucker haben wir gekauft.“
Ich legte den Schein zurück in den Umschlag.
„Dann nehme ich noch ein Stück.“
Danach blieben die Freitage bestehen, auch als das Leben wieder voller wurde.
Joris bekam einen Schulabschluss. Enno verliebte sich und wollte plötzlich freitags lieber irgendwo anders sein. Malte verbrachte Stunden mit mir in der Werkstatt, die ich bei einem alten Kollegen weiter benutzen durfte.
Till stand bei einer Schulaufführung auf der Bühne und suchte vor seinem ersten Satz so lange im Publikum, bis er uns entdeckt hatte. Piet wurde groß genug, um mir nicht mehr jedes Mal beim Begrüßen gegen den Bauch zu laufen.
Anja lernte Jahre später einen Mann kennen, der ruhig war und gut zuhören konnte. Er fragte beim ersten gemeinsamen Essen nach Daniel, weil Till gerade eine Geschichte von ihm angefangen hatte.
Danach mochte ich ihn.
Als sie heirateten, blieb Daniels Foto auf der Fensterbank. Ich saß beim Essen neben Piet, der mich inzwischen manchmal Opa Rudi nannte.
Ich hatte ihn nie darum gebeten. Beim ersten Mal hatte ich mich nur gebückt, angeblich, weil mein Schnürsenkel offen war.
Vor einigen Wochen kam Joris in die Werkstatt. Acht Jahre waren seit dem Nachmittag im Schreibwarenladen vergangen.
Er studierte inzwischen und hatte nebenbei eine Stelle in einem Lager angenommen. Ich war siebzig und brauchte für manche Schraube länger als früher, obwohl ich das selbstverständlich nicht zugab.
Joris stellte einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand auf meine Werkbank.
„Für dich.“
„Du hast keinen Geburtstag vergessen. Ich habe erst im Mai.“
„Weiß ich.“
Unter dem Papier kam ein schlichter Bilderrahmen zum Vorschein. Darin steckte die grüne Drachenkarte, die er mir damals im Laden hatte geben wollen.
Ich erkannte sie sofort.
„Die hast du noch?“
„Natürlich.“
Unten im Rahmen lag ein kleiner Zettel. Darauf stand: Für Rudi. Freitag, halb sechs.
Ich fuhr mit dem Daumen über die Holzkante.
„Die gehört doch in deine Sammlung.“
„Das tut sie auch.“
Er setzte sich auf den Hocker neben der Werkbank.
„Ich habe sie damals behalten, weil du gesagt hast, ich soll dir später zeigen, wie man damit spielt. Da dachte ich, du kommst vielleicht wirklich wieder.“
Mir wurde eng im Hals.
„War doch versprochen.“
Joris nickte.
„Ja. Du hast es versprochen.“
Eine Weile hörte man nur das leise Summen der alten Lampe über uns. Dann zog ich die Schublade auf, in der meine Taschentücher lagen.
Joris sah weg und gab mir Zeit.
Später hängten wir den Rahmen neben das Foto von Hannes. Daneben hängt ein Bild der fünf Brüder, das Anja in ihrer Küche aufgenommen hat. Auf dem Foto beugt sich Piet so weit über den Tisch, dass man von Till fast nichts erkennen kann.
„Soll ich ihn ein Stück höher machen?“, fragte Joris.
„Nein. So sehe ich ihn vom Hocker aus.“
Er stellte den Hammer zurück und sah auf die Uhr.
„Wir müssen los. Mama hat gesagt, diesmal sollen wir pünktlich sein.“
Bei den Falks roch es nach Tomatensoße. Enno stand am Herd, Malte suchte die Salatschüssel, und Till rief aus dem Wohnzimmer, jemand solle Piet sagen, dass er nicht sämtliche Karten schon vorher sortieren dürfe.
Anja kam aus der Küche und nahm mir die Jacke ab.
„Joris hat es dir gegeben?“
Ich nickte.
Sie sah mich einen Moment an, dann drückte sie kurz meinen Arm.
Auf dem Tisch stand ein Korb mit aufgeschnittenem Brot. Neben meinem Teller lag Piets alter Werkstattmeister, diesmal als sorgfältig gezeichnete neue Ausgabe.
„Du musst deine kaputte Karte austauschen“, erklärte er.
Ich zog die Brieftasche heraus und zeigte ihm das abgegriffene Stück Papier hinter der durchsichtigen Hülle.
„Die bleibt drin.“
Er grinste und rückte seinen Stuhl zur Seite, damit ich mich setzen konnte.
Als alle saßen, legte Joris eine Packung Sammelkarten mitten auf den Tisch. Eine einzige, für uns alle.
Er sah zu seiner Mutter, dann zu seinen Brüdern und schließlich zu mir.
„Alle bereit?“
Ich rückte meine Lesebrille zurecht.
„Jetzt ja.“






