Ich wollte nein sagen.
Wirklich.
Doch in ihrem Gesicht lag diese Müdigkeit, die ich kannte.
Nicht die Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag.
Die andere.
Die entsteht, wenn man jahrelang erklären muss, warum das eigene Leben trotzdem ein richtiges Leben ist.
Ich setzte mich.
„Nur das Wochenende.“
Katrin nickte.
„Nur das Wochenende.“
Damit begann unsere Probezeit.
Wir trafen uns zweimal nach Feierabend.
Nicht romantisch.
Zumindest behaupteten wir das.
Wir lernten Daten.
Mein Lieblingsessen.
Ihre erste Wohnung.
Der Name meines Sohnes.
Ihre Lieblingsmusik.
Wo wir uns angeblich kennengelernt hatten.
„Nicht im Café“, sagte Katrin.
„Warum nicht?“
„Weil meine Mutter dann erzählt, dass sie uns verkuppelt hat.“
„Hat sie doch.“
„Aber das darf sie niemals zugeben.“
Wir entschieden uns für einen Buchladen.
Langweilig genug, um glaubwürdig zu sein.
„Wie lange sind wir zusammen?“, fragte ich.
„Vier Monate.“
„Warum vier?“
„Drei klingt frisch. Sechs klingt zu ernst.“
„Du hast darüber nachgedacht.“
„Leider ja.“
Es war das erste Mal, dass wir uns duzten.
Keiner von uns kommentierte es.
Beim nächsten Treffen brachte sie mir einen Kaffee mit.
„Ohne ihn über mich zu schütten?“
„Ich entwickle mich.“
Sie wusste inzwischen, dass ich nachts schlecht schlief, wenn mich etwas beschäftigte.
Ich wusste, dass sie jeden Sonntag ihre Mutter anrief, obwohl die beiden sich nach spätestens zwanzig Minuten stritten.
Sie wusste, dass mein Sohn und ich uns liebten, aber beide zu stolz waren, es vernünftig zu zeigen.
Ich wusste, dass Katrin ihre Scheidung bis heute als persönliches Versagen empfand, obwohl ihr Verstand längst wusste, dass sie keins gewesen war.
Je mehr wir erfanden, desto mehr Wahrheit erzählten wir einander.
Das hätte mich warnen müssen.
Tat es aber nicht.
Am Freitag fuhren wir gemeinsam in den Harz.
Der Landgasthof lag etwas außerhalb eines kleinen Ortes.
Fachwerk.
Geranienkästen.
Eine Terrasse.
Ein großer Saal, in dem später gefeiert werden sollte.
Schon auf dem Parkplatz hörte ich Stimmen.
„Bereit?“, fragte Katrin.
„Nein.“
„Gut. Ich auch nicht.“
Dann nahm sie meinen Arm.
Nur fürs Theater.
Das redete ich mir jedenfalls ein.
Die ersten zwei Stunden liefen erschreckend gut.
Meine Cousine Anke sah uns und rief: „Thomas! Endlich!“
Ich lächelte so angestrengt, dass mir die Wangen wehtaten.
Katrin spielte ihre Rolle perfekt.
Sie war freundlich, aber nicht übertrieben.
Sie kannte die Namen.
Sie berührte manchmal meinen Arm.
Ich holte ihr Kaffee.
Nach einer Stunde fragte niemand mehr, warum ich allein sei.
Katrins Tante wiederum musterte mich von oben bis unten und sagte:
„Na, wenigstens einer mit ordentlichen Schuhen.“
Ich wusste nicht, ob das ein Kompliment war.
Katrin flüsterte: „Bei Tante Renate ist das praktisch ein Heiratsantrag.“
Dann sah ich meinen Vater.
Er saß etwas abseits am Fenster.
Dünner als noch zwei Wochen zuvor.
Sein Hemd hing locker an seinen Schultern.
Ich ging zu ihm.
„Na, Papa.“
Er blickte an mir vorbei zu Katrin.
Dann wieder zu mir.
„Hast du also doch noch Vernunft angenommen.“
„Schön, dich auch zu sehen.“
Katrin setzte sich neben ihn.
Innerhalb von zehn Minuten brachte sie ihn zum Erzählen.
Über seine Lehrzeit.
Über Motorräder aus den Sechzigern.
Über die erste Wohnung meiner Eltern mit Kohleofen.
Ich hatte viele dieser Geschichten hundertmal gehört.
Aber Katrin hörte zu, als wären sie neu.
Mein Vater bemerkte das.
Als wir später aufstanden, hielt er mich kurz am Handgelenk fest.
„Die ist gut.“
Nur drei Wörter.
Von meinem Vater war das beinahe eine Liebeserklärung.
Am Nachmittag geschah das Zimmerchaos.
Eine Reservierung war falsch eingetragen worden.
Ein Teil der Verwandtschaft war früher gekommen.
Zwei Zimmer mussten wegen eines Wasserschadens gesperrt werden.
Menschen liefen mit Koffern über den Flur.
Namen wurden auf Zettel geschrieben.
Irgendwann kam die Wirtin zu uns.
„Für Sie beide bleibt Zimmer zwölf.“
Katrin lächelte.
„Gut.“
„Es gibt nur ein Doppelbett.“
Das Lächeln verschwand.
Wir boten an, dass einer von uns auf einem Sofa schlief.
Kein Sofa frei.
Ich wollte ins Auto.
Hannelore hörte davon und erklärte laut vor sechs Verwandten:
„Nun stellt euch nicht so an. Ihr seid doch ein Paar.“
Katrin trat mir auf den Fuß.
Damit ich schwieg.
Also standen wir eine Stunde später in Zimmer zwölf.
Ein Bett.
Zwei Nachttische.
Eine Kommode.
Ein Fenster mit Blick auf eine Wiese.
„Links oder rechts?“, fragte ich.
„Was?“
„Bettseite.“
Sie lachte nervös.
„Das ist völlig absurd.“
„Wir können eine Grenze aus Kissen bauen.“
„Thomas, wir sind 53 und 56. Keine Klassenfahrt.“
„Stimmt.“
Schweigen.
„Trotzdem nehme ich links.“
Am Abend wurde gefeiert.
Es gab Braten, Salate, Musik und die Art von Gesprächen, bei denen irgendwann jemand Geschichten erzählt, die seit 1987 bei jedem Treffen wiederholt werden.
Mein Vater hielt nicht lange durch.
Gegen neun brachte ich ihn nach oben.
Katrin kam mit.
Sie half ihm beim Hinsetzen.
Holte Wasser.
Legte seine Medikamente neben das Bett.
Mein Vater sah sie an.
„Pass gut auf ihn auf.“
Ich verdrehte die Augen.
„Papa.“
Doch Katrin antwortete nicht scherzhaft.
Sie sagte nur: „Mach ich.“
Auf dem Flur konnte ich plötzlich nichts sagen.
Denn obwohl alles erfunden war, hatte sich ihre Antwort nicht erfunden angehört.
Später lagen wir in unserem Zimmer.
Natürlich angezogen.
Zwischen uns tatsächlich zwei Kissen.
Eine Weile starrten wir an die Decke.
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