Für ein Wochenende spielte ich ihren Freund – dann blieb plötzlich nur ein einziges Bett übrig

Dann sagte Katrin:

„Weißt du, was das Verrückte ist?“

„Dass wir wegen zweier alter Damen in einem Bett liegen?“

„Nein.“

Sie drehte den Kopf zu mir.

„Dass heute der entspannteste Familientag seit Jahren war.“

Ich musste lachen.

„Bei mir auch.“

Dann wurde sie ernst.

„Warum bist du nach deiner Scheidung eigentlich allein geblieben?“

Ich antwortete automatisch.

„Hat sich nicht ergeben.“

„Das ist keine Antwort.“

Lange hatte mich niemand so direkt gefragt.

Also sagte ich die Wahrheit.

„Weil ich irgendwann keine Lust mehr hatte, jemandem zu beweisen, dass ich liebenswert bin.“

Katrin schwieg.

Die Kissen zwischen uns wirkten plötzlich lächerlich.

Ich erzählte ihr, wie meine Ehe zerbrochen war.

Nicht mit einem großen Knall.

Sondern langsam.

Mit Schweigen.

Mit getrennten Abenden.

Mit Sätzen wie „Ist schon gut“, obwohl überhaupt nichts gut war.

Ich erzählte von dem Tag, an dem meine Frau gegangen war.

Von meiner Scham.

Von meinem Sohn, der damals zwischen uns gestanden hatte.

Von den Jahren danach.

„Das Schlimmste war nicht das Alleinsein“, sagte ich.

„Was dann?“

„Dass irgendwann niemand mehr fragt, wie es einem wirklich geht.“

Katrin drehte sich auf die Seite.

„Ich frage.“

Dieser Satz traf mich unerwartet.

Dann erzählte sie.

Ihre Ehe hatte zwölf Jahre gedauert.

Ihr Mann war kein Monster gewesen.

Sie auch nicht.

Sie hatten einfach irgendwann aufgehört, dieselbe Zukunft zu wollen.

Aber ihre Familie verstand das nie.

Für ihre Mutter war eine geschiedene Tochter etwas, das repariert werden musste.

„Ich habe mir ein Geschäft aufgebaut“, sagte Katrin. „Ich zahle meine Rechnungen. Ich habe Freunde. Ich reise allein. Ich kann einen tropfenden Wasserhahn reparieren.“

„Beeindruckend.“

„Und trotzdem fragt Tante Renate zuerst, ob ich einen Mann habe.“

„Wegen der Schuhe.“

Katrin lachte.

Dann kamen ihr Tränen.

Ganz plötzlich.

Sie wischte sie sofort weg.

„Entschuldigung.“

„Wofür?“

„Keine Ahnung.“

Ich kannte das.

Diese Generation hatte gelernt, sich sogar für Tränen zu entschuldigen.

Meine Mutter hatte früher gesagt:

„Reiß dich zusammen. Es muss ja weitergehen.“

Also ging es weiter.

Jahrzehntelang.

Vielleicht zu lange.

„Du musst dich bei mir nicht zusammenreißen“, sagte ich.

Katrin sah mich an.

Im Zimmer war es dunkel geworden.

Von draußen fiel nur etwas Licht durch die Gardine.

Wir redeten weiter.

Über verpasste Chancen.

Über unsere Eltern.

Über Angst vor Krankheit.

Über das seltsame Gefühl, älter zu werden und gleichzeitig innerlich manchmal noch derselbe Mensch zu sein wie mit 25.

„Man glaubt früher immer, mit fünfzig hätte man alles verstanden“, sagte Katrin.

„Und?“

„Ich verstehe weniger als früher.“

„Das liegt an der Lebenserfahrung.“

Sie lachte leise.

Irgendwann löschten wir das Licht.

Keiner schlief.

Ich hörte ihren Atem.

Dann spürte ich plötzlich ihre Hand an meinem Rücken.

Nur kurz.

Keine Verführung.

Kein Drama.

Eine ruhige Berührung.

Als würde jemand sagen:

Ich bin noch da.

Und zu meiner eigenen Überraschung liefen mir Tränen über das Gesicht.

Leise.

Ich war froh, dass sie nichts sagte.

Denn ich hätte nicht erklären können, warum.

Vielleicht weil ich mich seit Jahren nicht mehr so sicher gefühlt hatte.

Vielleicht weil ein Mensch, den ich kaum kannte, gerade etwas verstanden hatte, was andere in meinem Leben längst nicht mehr bemerkten.

Vielleicht weil Einsamkeit manchmal erst sichtbar wird, wenn sie für einen Moment verschwindet.

Am nächsten Morgen erwähnten wir die Nacht nicht.

Aber etwas war anders.

Beim Frühstück setzte Katrin sich selbstverständlich neben mich.

Nicht für die Familie.

Für mich.

Als mein Vater später einen schlechten Moment hatte, blieb sie bei uns.

Er war blass und musste sich hinsetzen.

Ich geriet sofort in Panik.

Katrin nicht.

Sie holte Wasser.

Öffnete sein Hemd am Kragen.

Rief meinen Bruder.

Blieb ruhig.

Als es meinem Vater wieder besser ging, drückte er ihre Hand.

„Danke, Mädchen.“

Katrin war 53.

Sie strahlte trotzdem.

Am Sonntag fuhren wir zurück.

Vor ihrem Haus stellte ich den Motor ab.

Eigentlich hätte unser Schauspiel dort enden müssen.

„Dann“, sagte ich, „sind wir jetzt offiziell wieder getrennt.“

Katrin blickte aus dem Fenster.

„Schade.“

Nur dieses eine Wort.

Mein Herz schlug plötzlich wie mit zwanzig.

„Wir könnten uns ja noch einmal trennen.“

Sie sah mich an.

„Wie meinst du das?“

„Nach einem Kaffee.“

Sie lächelte.

„Aber diesmal schütte ich ihn nicht über dich.“

Aus dem Kaffee wurde Abendessen.

Aus dem Abendessen wurde ein Kinobesuch.

Aus einem Kinobesuch wurde der nächste Sonntag.

Niemand fragte mehr, ob wir spielten.

Irgendwann wussten wir selbst nicht mehr genau, wann aus dem Spiel Wahrheit geworden war.

Dann wurde mein Vater schwer krank.

Es ging schneller, als ich erwartet hatte.

Krankenhaus.

Untersuchungen.

Warten.

Dieser endlose Krankenhausgeruch aus Desinfektionsmittel, Automatenkaffee und Angst.

Katrin kam.

Nicht einmal.

Immer wieder.

Sie brachte belegte Brote, wenn ich nichts gegessen hatte.

Sie erinnerte mich daran, meinen Sohn anzurufen.

Sie fuhr Hannelore nach Hause.

Sie saß stundenlang neben mir, ohne zwanghaft reden zu müssen.

Eines Abends sagte ich:

„Du musst nicht jedes Mal mitkommen.“

Sie sah mich fast beleidigt an.

„Ich weiß.“

Da verstand ich etwas, das ich früher nie verstanden hatte.

Liebe zeigt sich selten in den großen Momenten, von denen man später Fotos aufstellt.

Sie zeigt sich dienstags um 22.40 Uhr auf einem Plastikstuhl.

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