Hazel wandte sich von jeder Familie ab bis eine Frau ihr den Rücken zukehrte

Zwölf Familien gingen an Hazel vorbei, weil sie nur die Wand ansah, dann setzte sich eine Frau hin und drehte ihr selbst den Rücken zu.

Die zwölfte Familie stand vor Zwinger 18 und rief Hazel immer wieder beim Namen.

Doch die Hündin reagierte nicht.

Sie bellte nicht. Sie knurrte nicht. Sie zeigte keine Zähne.

Sie drückte nur ihre Stirn noch näher an die Wand.

Der Vater ging in die Hocke und hielt ein kleines Stück Hühnchen zwischen zwei Fingern. Hinter ihm wartete seine Frau mit ihrer vielleicht achtjährigen Tochter.

„Komm, Hazel. Nur mal schauen.“

Hazel blieb stehen.

Breiter grauer Rücken. Gefaltete Ohren. Den Blick gegen den Beton gerichtet.

Das Mädchen zog an der Hand ihrer Mutter.

„Mag sie uns nicht?“

Ich stand daneben und wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Sie braucht einfach etwas Zeit“, sagte ich.

Sie gaben ihr vier Minuten.

Dann bemerkte das Mädchen zwei Zwinger weiter einen gelben Mischlingsrüden, der sofort ans Gitter kam und mit dem ganzen Körper wedelte.

Zehn Minuten später verließ die Familie das Tierhaus mit ihm.

Hazel hörte ihre Schritte.

Sie drehte sich trotzdem nicht um.

Ich heiße Miriam Keller und arbeitete damals in einem privaten Tierhaus am Rand von Kassel. Ich kümmerte mich dort vor allem um Hunde, die mit Menschen Schwierigkeiten hatten.

Ich kannte ängstliche Hunde.

Ich kannte Hunde, die sich unter Tischen versteckten.

Und ich kannte Hunde, die gelernt hatten, dass Zähne manchmal die einzige Möglichkeit waren, Hände auf Abstand zu halten.

Hazel war anders.

Wenn niemand Fremdes im Gang war, war sie fast ein anderer Hund.

Sie ließ mich ihren Bereich sauber machen, ohne nervös zu werden. Leckerchen nahm sie so vorsichtig aus meiner Hand, dass ich ihre Lippen kaum spürte.

Und sie liebte ein ausgefranstes grünes Seil.

An ruhigen Vormittagen legte sie es vor meine Füße, senkte den Vorderkörper und wartete.

Wenn ich daran zog, schüttelte sie den Kopf, bis ihre Ohren gegen ihre Wangen schlugen.

Manchmal drückte sie ihre schwere Schulter gegen mein Bein und blieb einfach dort stehen.

Ihre bernsteinfarbenen Augen wirkten dann weich.

Fast müde.

Doch sobald fremde Stimmen durch den Flur kamen, ließ Hazel das Seil fallen.

Und wenn jemand vor ihrem Zwinger stehen blieb, ging sie zur Wand.

Die erste Familie nannte sie schüchtern.

Die vierte glaubte, sie hätte Angst vor Männern.

Die siebte brachte ihren eigenen Hund mit, aber Hazel drehte sich nicht einmal lange genug um, um ihn anzusehen.

Irgendwann begannen einige Helfer, Interessenten an Zwinger 18 vorbeizuführen.

Nicht aus Bosheit.

Es war einfach schwer mitanzusehen.

Jedes Mal kam jemand mit freundlicher Stimme.

Jedes Mal verschwand Hazel vor ihren Augen, obwohl sie direkt vor ihnen stand.

Am Abend nach der zwölften Familie nahm ich das Stück Hühnchen, das sie nicht angerührt hatte, mit zu ihr hinein.

„Die waren eigentlich ganz nett“, sagte ich.

Hazel sah kurz über die Schulter.

Dann nahm sie ihr grünes Seil und legte es mir vor die Schuhe.

Keine Minute zuvor hatte sie ausgesehen, als wäre alles Leben aus ihr verschwunden.

Jetzt spielte sie.

Dann fiel irgendwo vorne eine Metalltür ins Schloss.

Hazel erstarrte.

Das Seil fiel aus ihrem Maul.

Sie schaute zum Flur.

Und ging wieder zur Wand.

Diese Szene ließ mich nicht los.

Am selben Abend öffnete ich zu Hause auf meinem Laptop die Aufnahmen unserer Innenkameras.

Ich wollte eigentlich nur sehen, ob Hazel nachts zur Ruhe kam.

Das Bild aus Zwinger 18 war körnig und schwarz-weiß.

Und dort sah ich etwas, das ich nicht erwartet hatte.

Hazel stand mit den Vorderpfoten am Trenngitter und wedelte dem alten Beagle nebenan zu.

Dann nahm sie ihr Seil.

Sie lief damit drei Runden um ihr Bett.

Danach warf sie sich auf den Rücken.

Vier Pfoten in der Luft.

Das Maul offen.

Der Schwanz schlug gegen den Boden.

Ich sah mir die Aufnahme zweimal an.

Am nächsten Morgen ging ich weiter zurück.

Es war jede Nacht ähnlich.

Wenn niemand mehr Besucher hereinführte, spielte Hazel. Sie begrüßte andere Hunde. Sie schlief mitten im Raum und manchmal sogar auf dem Rücken.

Aber sobald morgens die ersten fremden Schritte kamen, ging sie wieder zur Wand.

Hazel hatte die Freude nicht verloren.

Sie versteckte sie.

Und plötzlich fragte ich mich: Warum?

Ich holte ihre alten Unterlagen.

Drei Einträge fielen mir auf.

Vermittelt. Nach elf Tagen zurückgebracht.

Vermittelt. Nach knapp drei Monaten zurückgebracht.

Vermittelt. Nach siebzehn Tagen zurückgebracht.

Daneben lagen ältere Verhaltensnotizen.

Freundlich am Gitter.

Zurückhaltend bei Besuchern.

Dreht sich bei Interessenten weg.

Steht mit dem Gesicht zur Wand.

Ich legte die Blätter nebeneinander.

Da verstand ich es.

Hazel drehte sich nicht weg, weil sie kein Zuhause wollte.

Sie drehte sich weg, weil sie gelernt hatte, was nach dem Aussuchen kommen konnte.

Erst die freundliche Stimme.

Dann die Leine.

Dann das Auto.

Ein fremdes Haus.

Und irgendwann wieder dieselbe Tür des Tierhauses.

Beim ersten Mal war Hazel elf Tage weg gewesen.

Das Paar hatte ein Haus mit Garten und wollte einen ruhigen Hund.

Hazel verbrachte die ersten Tage unter dem Esstisch.

Wenn Besuch kam, versteckte sie sich.

Auf dem Rückgabebogen stand, sie würde „keine richtige Bindung aufbauen“.

Die zweite Familie behielt sie fast drei Monate.

Am Anfang bekamen wir Fotos.

Hazel auf einer Decke neben einer Jugendlichen.

Hazel mit einem Ball zwischen den Pfoten.

Hazel schlafend an einer Terrassentür.

Dann änderten sich die Wohnverhältnisse der Familie, und Hazel konnte nicht bleiben.

Sie brachten sie an einem Montagmorgen zurück.

Mit einem Sack Futter.

Zwei Spielsachen.

Und einer Decke, die noch nach dem Zuhause roch, an das sie sich gerade gewöhnt hatte.

Hazel wollte nicht durch unsere Tür.

Die Kollegen saßen fast vierzig Minuten draußen mit ihr.

Die dritte Vermittlung dauerte siebzehn Tage.

Ein junges Paar nahm Hazel zu sich.

In der ersten Woche folgte sie der Frau überallhin.

Dann gab es eine größere Geburtstagsfeier.

Hazel versteckte sich in einem Zimmer.

Jemand öffnete die Tür.

Sie lief in den Garten und kratzte panisch am geschlossenen Holztor.

Danach brachte man sie zurück.

Der Mann blieb draußen.

Er reichte die Leine durch die Tür und sagte, er müsse zur Arbeit.

Hazel stand lange am Eingang und sah zum Parkplatz.

Vier Monate später sah sie schon keine Interessenten mehr an.

Unsere Leiterin Anja setzte sich neben mich, als ich ihr die Unterlagen zeigte.

„Sie macht sich selbst unvermittelbar“, sagte sie.

Ich nickte.

Das Wort klang hart.

Aber es traf den Kern.

Wenn niemand Hazels Gesicht sah, würde sich vielleicht niemand in sie verlieben.

Wenn niemand sie auswählte, konnte niemand sie wieder zurückbringen.

Allein zu bleiben tat weh.

Aber offenbar weniger als noch einmal zurückzukommen.

Wir änderten unsere Besuche.

Keine ausgestreckten Hände mehr.

Kein ständiges Rufen ihres Namens.

Interessenten sollten sich seitlich hinsetzen und sie ignorieren.

Hazel blieb trotzdem an der Wand.

Nach einigen Wochen schrieb ich einen Beitrag über sie.

Nicht darüber, dass sie „gebrochen“ sei.

Das war sie nicht.

Ich schrieb:

„Hazel spielt nachts, wenn niemand sie auswählt. Tagsüber sieht sie die Wand an. Drei Zuhause haben ihr beigebracht, dass eine freundliche Stimme manchmal der Anfang eines Abschieds sein kann.“

Wir zeigten zwei Bilder.

Auf einem stand Hazel mit dem Gesicht zur Wand.

Auf dem anderen trug sie nachts ihr grünes Seil durchs Gehege.

Viele Menschen meldeten sich.

Manche schrieben, sie wollten Hazel zeigen, „wie echte Liebe aussieht“.

Das machte mich nervös.

Hazel brauchte niemanden, der sie rettete, damit er sich selbst gut fühlte.

Sie brauchte jemanden, der damit leben konnte, vielleicht lange nicht geliebt zu werden.

Dann kam die Nachricht von Katharina Brandt.

Sie war 35 und arbeitete in der Bibliothek einer Berufsschule.

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