Hazel wandte sich von jeder Familie ab bis eine Frau ihr den Rücken zukehrte

In ihrer Bewerbung stand nur:

„Ich weiß, wie es ist, sich absichtlich schwer auswählbar zu machen. Ich möchte beim ersten Treffen nichts von Hazel. Ich würde mich nur gern in ihre Nähe setzen.“

Ich las den Satz zweimal.

Dann rief ich sie an.

Katharina kam in einer alten Jeansjacke und mit kurzen braunen Haaren.

Keine Leckerchentasche.

Kein Spielzeug.

Keine hohe Stimme.

Als Hazel ihre Schritte hörte, ging sie sofort zur Wand.

Katharina blieb stehen.

„Das ist sie?“

„Ja.“

Sie sah Hazels Rücken an.

Dann setzte sie sich im angeschlossenen Begegnungsraum auf den Boden.

Und drehte Hazel den Rücken zu.

Die beiden saßen in verschiedene Richtungen.

Minutenlang geschah nichts.

Ich wartete draußen.

Dann sagte Katharina leise:

„Das hab ich früher auch gemacht.“

Hazels linkes Ohr bewegte sich.

Katharina sprach weiter zur Wand.

„Wenn Leute mich kennenlernen wollten, habe ich manchmal extra nicht geredet.“

Sie erzählte nicht alles.

Nur genug.

Katharina war als Kind mehrere Jahre in verschiedenen Pflegefamilien gewesen.

Zweimal hatte es Gespräche über eine dauerhafte Aufnahme gegeben.

Zweimal war daraus nichts geworden.

Mit fünfzehn begann sie, ihre Sachen kaum noch auszupacken.

„Wenn alles in Taschen bleibt“, sagte sie, „geht das Weggehen schneller.“

Hazel blieb an der Wand.

Katharina drehte sich nicht um.

„Du musst mich nicht anschauen“, sagte sie. „Und du musst mir auch nicht zeigen, dass du dankbar bist.“

Eine Stunde verging.

Katharinas Beine wurden steif.

Sie wechselte vorsichtig die Position.

Hazel legte sich hin.

Zwischen ihnen lagen fast drei Meter.

Nach ungefähr einer Stunde und fünfundvierzig Minuten stand Hazel auf.

Ein Schritt.

Pause.

Noch ein Schritt.

Katharina bewegte sich nicht.

Hazel kam näher.

Sie schnupperte am Saum der Jeansjacke.

Dann berührte ihre Nase ganz kurz Katharinas Rücken.

Genau zwischen den Schulterblättern.

Katharina schloss die Augen.

Sie drehte sich nicht um.

„Hallo“, flüsterte sie.

Hazel schnupperte noch einmal.

Dann setzte sie sich hinter Katharina.

Zwanzig Minuten lang blieben sie Rücken an Rücken.

Zum ersten Mal hatte Hazel einen Besucher selbst ausgesucht.

Katharina nahm sie trotzdem nicht sofort mit.

Am nächsten Tag kam sie wieder.

Wieder saß sie mit dem Rücken zu Hazel.

Dieses Mal brauchte Hazel vierzig Minuten.

Beim dritten Besuch legte sie sich an Katharinas Rücken.

Beim vierten legte Katharina eine Hand neben sich auf den Boden.

Hazel schnupperte daran.

Mehr nicht.

Beim sechsten Besuch legte Hazel ihr Kinn in Katharinas offene Handfläche.

Katharina weinte.

Aber sie schloss die Hand nicht.

Zwei Wochen nach dem ersten Treffen war alles vorbereitet.

Nur Hazel noch nicht.

Im Eingangsbereich blieb sie stehen.

Draußen wartete Katharinas Auto.

Hazel zog rückwärts.

Ich dachte, Katharina würde sie locken.

Stattdessen setzte sie sich draußen auf den Gehweg.

Mit dem Rücken zu Hazel.

Zwölf Minuten später ging Hazel durch die Tür.

Sie trat hinter Katharina.

Und drückte ihre Nase zwischen ihre Schulterblätter.

Dann lief sie neben ihr zum Auto.

Katharina öffnete die hintere Tür und setzte sich hinein.

Sie zog nicht an der Leine.

Hazel stieg selbst ein.

„Ich kann ihr nicht versprechen, dass sie nie wieder Angst haben wird“, sagte Katharina.

„Das kann niemand.“

Sie sah zu Hazel.

„Aber sie kommt nicht zurück, nur weil sie mich nicht schnell genug liebt.“

In der ersten Nacht im neuen Haus schlief Hazel mit dem Gesicht zur Wand.

Katharina ließ sie.

In der ersten Woche fraß Hazel meistens erst, wenn Katharina die Küche verlassen hatte.

Sie trug das grüne Seil von Zimmer zu Zimmer, ließ es aber fallen, sobald Katharina sie länger ansah.

Wenn es klingelte, ging Hazel in eine Ecke.

Katharina setzte sich in die Nähe.

Mit dem Rücken zu ihr.

Sechs Wochen später kam Katharina nach Hause und fand eine beschädigte Tür im Hauswirtschaftsraum.

Holzsplitter lagen auf dem Boden.

Hazel stand in der Ecke.

Kopf unten.

Körper klein gemacht.

Katharina erkannte sofort, worauf sie wartete.

Leine.

Auto.

Tierhaus.

Sie sah sich die Tür an.

Dann sagte sie:

„Na gut. Besonders schön war sie sowieso nicht.“

Sie räumte die Splitter weg.

Hazel blieb.

In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal direkt neben Katharinas Bett.

Nach drei Monaten begrüßte Hazel sie mit dem grünen Seil an der Haustür.

Nach vier Monaten blieb sie stehen, wenn eine Nachbarin kam.

Nach fünf Monaten schlief sie mitten im Wohnzimmer auf dem Rücken.

Sechs Monate nach der Vermittlung besuchte ich die beiden.

Als ich klingelte, erschien Hazel hinter der Scheibe.

Ich sah, wie sie kurz Richtung Flur schaute.

Dorthin, wo die nächste Wand war.

Dann sah sie Katharina an.

Katharina sagte nichts.

Hazel drehte sich wieder zu mir.

Sie holte ihr grünes Seil.

Und blieb mit dem Gesicht nach vorn stehen.

Ein Jahr später kamen Katharina und Hazel manchmal samstags zu uns.

Nicht zu großen Veranstaltungen.

Das wäre zu viel gewesen.

Sie gingen in den stillen Bereich zu den Hunden, die sich unter ihren Betten versteckten oder Besucher anbellten.

Katharina setzte sich vor die Zwinger.

Mit dem Rücken zum Gitter.

Hazel legte sich neben sie.

Sie erwarteten nichts.

Sie warteten einfach.

Ein alter Jagdhund kam beim dritten Besuch näher.

Ein junger Schäferhund-Mischling hörte irgendwann auf zu bellen.

Und ein ängstlicher kräftiger Rüde namens Bruno, der seit Wochen unter seinem erhöhten Bett lag, kroch beim sechsten Besuch weit genug hervor, um Hazel am Gitter zu beschnuppern.

Katharina lächelte.

Sie ging nicht näher.

Hazel wusste inzwischen genauso gut wie sie:

Man zieht niemanden aus seinem Versteck.

Man wartet, bis er selbst herauskommen kann.

Zwei Jahre nach Hazels Vermittlung trafen wir im Tierhaus zufällig die Familie wieder, die damals als zwölfte vor ihrem Zwinger gestanden hatte.

Das Mädchen erkannte Hazel.

„Das ist doch die Hündin, die uns nicht ansehen wollte.“

Hazel stand neben Katharina.

Die Mutter fragte, ob die Tochter sie streicheln dürfe.

Katharina sah nicht zur Familie.

Sie sah zu Hazel.

Hazel ging einen Schritt zurück.

Katharina wartete.

Nach einer Minute ging Hazel zu der geöffneten Hand des Mädchens und schnupperte daran.

Das Mädchen versuchte nicht, sie anzufassen.

„Ist okay“, sagte sie nur.

Hazel blieb stehen.

An diesem Nachmittag nahm die Familie Bruno mit nach Hause.

Genau den Hund, der Wochen zuvor zum ersten Mal wegen Hazel unter seinem Bett hervorgekommen war.

Heute ist Hazel neun.

Um ihre Schnauze wird das Fell langsam weiß.

Das grüne Seil wurde längst zweimal ersetzt. Das alte liegt trotzdem noch in einer Kiste bei Katharinas Büchern.

Manchmal geht Hazel noch immer zu einer Wand.

Bei lauten Geräuschen.

Oder wenn Katharina eine Reisetasche hervorholt.

Die alte Erinnerung ist nicht verschwunden.

Katharina sagt dann nie:

„Du müsstest es doch inzwischen wissen.“

Sie setzt sich hin.

Dreht Hazel den Rücken zu.

Und wartet.

Irgendwann kommt eine kalte Nase.

Ganz vorsichtig.

Zwischen ihre Schulterblätter.

Jedes Jahr schickt Katharina mir am Jahrestag der Vermittlung ein Foto.

Auf dem ersten schlief Hazel neben der Schlafzimmertür.

Auf dem zweiten lag sie ausgestreckt auf dem Sofa.

Auf dem dritten sah sie direkt in die Kamera, das grüne Seil im Maul.

Das letzte Foto zeigte Katharina auf dem Boden vor einer leeren Wand.

Hazel stand hinter ihr.

Ihr Kopf lag auf Katharinas Schulter.

Beide blickten zur offenen Haustür.

Darunter hatte Katharina nur einen Satz geschrieben:

„Heute braucht sie die Wand nicht.“

Ich stellte das Bild neben einen alten Ausdruck aus Zwinger 18.

Auf dem ersten Foto spielte Hazel nachts, weil sie glaubte, dass niemand hinsah.

Auf dem zweiten stand sie mitten im Tageslicht neben dem Menschen, der sie vielleicht gerade deshalb verstanden hatte, weil er nicht verlangt hatte, sofort ihr Gesicht zu sehen.

Zwölf Familien gingen weiter.

Eine Frau setzte sich hin.

Eine Frau drehte sich weg.

Eine Frau blieb.

Und irgendwann drehte Hazel sich wieder um.

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