Für Felix gab es nur einen Menschen, der auf seinem Lieblingssessel saß und offensichtlich zu wenig spielte.
Und diesen Menschen wollte er ständig auf Trab bringen.
Wenn ich traurig war, sprang er auf meine Brust.
Wenn ich lange aus dem Fenster schaute, setzte er sich neben mich.
Manchmal drückte er seinen kleinen Kopf so fest gegen meine Hand, dass ich gar nicht anders konnte, als ihn zu streicheln.
Dabei schnurrte er so laut wie ein alter Motor.
Ich fing an, mit ihm zu reden.
Er war schließlich der Einzige, der mir aufmerksam zuhörte.
Zumindest solange ich nicht vergaß, seinen Futternapf zu füllen.
Dann passierte eines Morgens etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Ich hatte gerade meine Einkäufe vor der Wohnungstür abgestellt.
Als ich mich bückte, um die zweite Tasche hereinzuholen, schoss Felix plötzlich zwischen meinen Beinen hindurch.
„Felix!“
Er rannte den Hausflur entlang.
Ich ließ die Tasche fallen.
Zwei Äpfel rollten über den Boden.
„Bleib stehen, du kleines Biest!“
Natürlich blieb er nicht stehen.
Ich rannte hinterher, in Hausschuhen, einer davon halb vom Fuß gerutscht.
Mein Herz klopfte wie verrückt.
Ich hatte schreckliche Angst, dass Felix das Treppenhaus hinunterlaufen und durch die Haustür verschwinden könnte.
Doch er lief nicht zur Treppe.
Er blieb am anderen Ende des Flurs stehen.
Direkt vor der Wohnungstür von Frau Neumann.
Frau Neumann war 74 und wohnte seit Jahren auf derselben Etage.
Wir kannten uns kaum.
Manchmal begegneten wir uns beim Briefkasten.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen.“
Das war meistens schon unser ganzes Gespräch.
Ich wusste, dass sie allein lebte. Ab und zu hatte ich ihre Schwester zu Besuch kommen sehen, eine freundliche ältere Dame mit kurzen grauen Haaren.
Felix setzte sich vor Frau Neumanns Wohnungstür.
Er bewegte sich keinen Zentimeter.
„Na komm“, flüsterte ich und ging langsam auf ihn zu.
Da hörte ich etwas.
Jemand weinte.
Nicht leise.
Es war dieses tiefe, verzweifelte Weinen, bei dem man kaum Luft bekommt.
Ich blieb stehen.
Das Geräusch kam eindeutig aus Frau Neumanns Wohnung.
Felix sah mich an.
Dann miaute er.
Ich weiß nicht, warum ich in diesem Moment nicht einfach meinen Kater nahm und zurückging.
Normalerweise hätte ich genau das getan.
Ich mische mich nicht gern in fremde Angelegenheiten ein.
Aber diesmal hob ich die Hand und klingelte.
Es dauerte ziemlich lange.
Dann hörte ich langsame Schritte.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Frau Neumann stand vor mir.
Ihr graues Haar war zerzaust. Sie trug einen alten Morgenmantel und hatte ein zerknittertes Taschentuch in der Hand.
Ihre Augen waren rot.
„Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich. „Mein Kater ist ausgebüxt. Er sitzt hier vor Ihrer Tür.“
Sie schaute hinunter.
Felix miaute freundlich.
Frau Neumann versuchte zu lächeln.
Doch stattdessen begann sie wieder zu weinen.
„Ach, Herr Meyer“, brachte sie hervor. „Meine Schwester ist gestern Abend gestorben.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Ihre Schwester.
Die Frau, die ich manchmal mit einer Einkaufstasche im Flur gesehen hatte.
„Das tut mir sehr leid“, sagte ich schließlich.
Frau Neumann nickte.
Dann begann sie zu erzählen.
Ihre Schwester war ihr letzter enger Familienkontakt gewesen. Die beiden hatten beinahe jeden Tag telefoniert.
Am Morgen hatte Frau Neumann versucht, sich einen Kaffee zu kochen.
Dabei war ihr eine Tasse aus der Hand gefallen.
Sie war auf dem Küchenboden zerbrochen.
Und plötzlich konnte sie einfach nicht mehr aufhören zu weinen.
„Ich habe bestimmt eine Stunde davor gesessen“, sagte sie. „Ich konnte mich nicht einmal bücken.“
Sie schämte sich offensichtlich dafür.
Ich wusste nur zu gut, wie sich das anfühlte.
In diesem Moment drängte Felix sich an meinem Bein vorbei.
„Felix, nein!“
Doch mein Kater spazierte einfach in die fremde Wohnung.
Ich wollte ihn gerade zurückholen, als etwas Unglaubliches passierte.
Felix sprang nicht auf die Möbel.
Er untersuchte keine Regale.
Er raste auch nicht wie üblich durch die Zimmer.
Stattdessen ging er zu Frau Neumann, die sich erschöpft auf einen Küchenstuhl gesetzt hatte.
Er sprang vorsichtig auf ihren Schoß.
Dann legte er sich hin.
Ganz ruhig.
Frau Neumann schaute ihn überrascht an.
„Ach, du kleiner Kerl“, flüsterte sie.
Felix begann zu schnurren.
Sie legte zögernd eine Hand auf seinen Rücken.
Und dann weinte sie wieder.
Aber diesmal hielt sie meinen wilden kleinen Kater fest, als wäre er etwas unglaublich Kostbares.
Ich stand daneben und spürte einen Kloß im Hals.
Der Kater, der nachts meine Gardinen herunterriss, saß völlig still auf dem Schoß einer fremden Frau.
Als würde er verstehen, dass sie gerade nichts anderes brauchte.
„Darf ich Ihnen mit der Küche helfen?“, fragte ich.
Frau Neumann nickte.
Also holte ich einen Besen und kehrte die Scherben zusammen.
Ich wischte den Boden.
Dann setzte ich frischen Kaffee auf.
Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank.
„Meine Schwester hat immer aus der blauen getrunken“, sagte sie leise.
Sie hielt die Tasse einen Moment in der Hand.
Dann stellte sie sie vor mich.
Wir saßen fast zwei Stunden am Küchentisch.
Frau Neumann erzählte mir von ihrer Schwester, von gemeinsamen Ausflügen und den Sonntagen, an denen sie zusammen Kuchen gebacken hatten.
Ich hörte zu.
Irgendwann erzählte ich von meiner Mutter.
Von ihren ständigen Anrufen.
Von ihren Fragen, ob ich genug Gemüse gegessen hatte.
Und von der roten Strickjacke, die noch immer unberührt in meinem Flurschrank lag.
Frau Neumann hörte aufmerksam zu.
„Man glaubt immer, man müsste irgendwann damit fertig sein“, sagte sie.
Ich nickte.
„Ja. Genau das.“
Felix lag die ganze Zeit zwischen uns auf dem freien Küchenstuhl.
Er hatte sich zusammengerollt und schlief.
Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, war er beinahe zwei Stunden lang vollkommen friedlich.
Als ich schließlich aufstand, sagte Frau Neumann etwas, das mir im Gedächtnis geblieben ist.
„Gut, dass Ihr Kater heute bei mir geklingelt hat.“
Ich musste lachen.
„Eigentlich war ich das.“
Sie lächelte.
„Aber ohne ihn wären Sie nicht gekommen.“
Damit hatte sie recht.
Vor diesem Morgen war ich jahrelang an ihrer Tür vorbeigelaufen, ohne auch nur einmal zu fragen, wie es ihr ging.
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