Wir wohnten nur wenige Meter voneinander entfernt.
Und trotzdem waren wir beide einsam gewesen.
In den folgenden Wochen änderte sich vieles.
Nicht von heute auf morgen.
Aber nach und nach.
Ich begann, öfter bei Frau Neumann zu klingeln.
Manchmal brachte ich ein Stück Kuchen mit.
Manchmal fragte ich nur, ob sie etwas aus dem Supermarkt brauchte.
Einmal half ich ihr, eine schwere Kiste aus dem Keller zu holen.
Sie wiederum fragte mich gelegentlich, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte.
Wir redeten über ganz gewöhnliche Dinge.
Über die hohen Lebensmittelpreise, ihre Zimmerpflanzen oder darüber, dass Felix schon wieder Unsinn angestellt hatte.
Und manchmal redeten wir über unsere Verstorbenen.
Ohne uns gegenseitig zu sagen, dass wir stark sein müssten.
Eines Sonntags zeigte sie mir ein altes Foto ihrer Schwester.
Ich zeigte ihr später eines von meiner Mutter.
Wir konnten beide darüber lächeln.
Das hatte ich lange nicht mehr geschafft.
Auch zu Hause veränderte sich mein Alltag.
Ich fing wieder an, regelmäßig zu kochen.
Keine großen Gerichte. Manchmal einfach Kartoffeln mit Quark oder eine Gemüsepfanne.
Aber ich deckte den Tisch, statt das Essen direkt aus dem Topf vor dem Fernseher zu essen.
Ich ging wieder spazieren.
Zuerst nur bis zur nächsten Straßenecke.
Später eine Runde durch den kleinen Park.
Manchmal blieb ich auf einer Bank sitzen und beobachtete die Menschen.
Ich merkte, dass ich nicht mehr ständig das Bedürfnis hatte, mich vor allem zurückzuziehen.
Und dann kam dieser eine Nachmittag.
Felix hatte wieder einmal ein Spielzeug unter den Flurschrank geschoben.
Ich kniete mich hin, angelte die Stoffmaus hervor und blieb plötzlich vor der Schranktür sitzen.
Hinter ihr lag die Strickjacke meiner Mutter.
Zwei Jahre lang hatte ich versucht, nicht daran zu denken.
Jetzt griff ich einfach nach dem Türknauf.
Ich öffnete den Schrank.
Da lag sie.
Dunkelrot, ordentlich zusammengefaltet, genau so, wie ich sie damals hineingelegt hatte.
Ich nahm sie heraus.
Der Stoff fühlte sich weich und ein wenig abgetragen an.
An einem Ärmel hing noch ein kleiner heller Faden.
Meine Mutter hatte früher immer gesagt, sie müsse den endlich abschneiden.
Ich setzte mich auf den Boden und hielt die Jacke auf meinem Schoß.
Natürlich fing ich an zu weinen.
Felix kam sofort angelaufen.
Er schnupperte an der Jacke, stieg auf meine Beine und legte sich mitten darauf.
„Du hast wirklich überhaupt keinen Anstand“, sagte ich unter Tränen.
Er blinzelte.
Dann schnurrte er.
Und plötzlich musste ich lachen.
Ich saß auf dem Flurboden, hatte Tränen im Gesicht und lachte über einen Kater, der es sich auf der Strickjacke meiner verstorbenen Mutter gemütlich gemacht hatte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass beides gleichzeitig möglich war.
Traurig zu sein.
Und trotzdem wieder Freude zu empfinden.
Ich legte die Jacke danach nicht zurück in den Schrank.
Ich hängte sie über die Lehne meines Sessels.
Dort liegt sie manchmal noch heute.
Nicht als Erinnerung daran, was ich verloren habe.
Sondern daran, wie sehr ich geliebt worden bin.
Inzwischen wohnt Felix seit fast einem Jahr bei mir.
Er ist immer noch eine kleine Katastrophe.
Vor wenigen Tagen hat er einen Blumentopf vom Fensterbrett geschoben.
Letzte Woche entdeckte ich ihn im Wäschekorb, wo er offenbar ein neues Zuhause eingerichtet hatte.
Und heute Morgen weckte er mich um halb fünf, weil seine Stoffmaus unter dem Sofa lag.
Ich stand auf, holte sie hervor und warf sie durchs Wohnzimmer.
Felix raste begeistert hinterher.
Früher hätte ich mich darüber geärgert.
Heute musste ich grinsen.
Frau Neumann sagt inzwischen, Felix sei der beste kleine Nachbar, den sie je gehabt habe.
Jeden Mittwoch kommt sie zum Kaffee vorbei.
Meistens bringt sie selbst gebackenen Kuchen mit.
Felix bekommt natürlich nichts davon, aber er sitzt trotzdem jedes Mal erwartungsvoll neben ihrem Stuhl.
Manchmal streichelt sie ihn und sagt:
„Du ahnst gar nicht, was du für uns beide getan hast.“
Und ich glaube, sie hat recht.
Denn ich dachte damals, ich würde mir eine Katze anschaffen, damit meine Wohnung nicht mehr so leer ist.
Ein ruhiges Tier, das neben mir auf dem Sofa liegt.
Jemanden, der nichts verlangt und mich einfach in Ruhe lässt.
Stattdessen bekam ich einen schwarz-weißen Wirbelwind, der meinen Schlaf durcheinanderbringt, meine Gardinen ruiniert und ständig Aufmerksamkeit fordert.
Aber genau dieser Kater brachte mich dazu, wieder aufzustehen.
Er führte mich zu einer Nachbarin, die genauso einsam war wie ich.
Er brachte mich dazu, wieder mit Menschen zu sprechen.
Und irgendwann half er mir sogar, den Schrank zu öffnen, vor dem ich zwei Jahre lang Angst gehabt hatte.
Meine Mutter hätte Felix wahrscheinlich geliebt.
Sie hätte über seine Streiche gelacht und ihm viel zu viele Leckerlis gegeben.
Und bestimmt hätte sie mich jeden Abend angerufen.
„Thomas, wie geht es denn meinem kleinen Felix?“
Ich hätte vermutlich wieder die Augen verdreht.
Aber diesmal hätte ich gelächelt.
Gestern Abend saß ich mit Felix auf dem Sofa.
Er lag auf meiner Brust, seine weißen Pfoten direkt unter meinem Kinn.
Ich streichelte ihn und sagte leise:
„Weißt du, mein Kleiner, ich dachte wirklich, ich hätte einen Fehler gemacht, als ich dich geholt habe.“
Er hob kurz den Kopf.
Dann drückte er seine Nase gegen meine Wange.
Und ich musste wieder weinen.
Nicht so wie damals, als ich mich in meiner eigenen Wohnung verloren fühlte.
Sondern weil ich plötzlich begriff, wie viel sich verändert hatte.
Ich hatte geglaubt, ich brauche ein ruhiges Tier, das meine Einsamkeit mit mir teilt.
Aber Felix hatte etwas ganz anderes vor.
Er ließ einfach nicht zu, dass ich mich weiter vor meinem eigenen Leben versteckte.
Manchmal kommt Hilfe eben nicht als großes Wunder.
Manchmal kommt sie auf vier weißen Pfoten, trägt einen schwarzen Anzug und hängt nachts um drei am Duschvorhang.
Und manchmal ist genau dieses kleine, verrückte Wesen der Grund, warum man morgens wieder gern aufsteht.






