Ich sah auf die Transportbox.
Barnabas lag zusammengerollt darin.
Sein einziges Auge war halb geöffnet.
„Und der Kater?“, fragte ich.
Frau Neumann lächelte traurig.
„Ihr Vater sagte, er brauche jemanden, der bei ihm bleibt, wenn Sie weg sind.“
Dieser Satz traf mich härter als alles andere.
Papa hatte nicht nur Angst vor dem Sterben.
Er hatte Angst davor, allein zu sterben.
Unser Haus würde leer sein, sobald ich nach Hamburg zog.
Kein gemeinsames Frühstück mehr.
Keine Schritte auf der Treppe.
Niemand, der abends fragte, ob er noch einen Tee möchte.
Also hatte er Barnabas geholt.
Einen alten Kater, den niemand wollte.
Zwei kranke, müde Lebewesen, die sich gegenseitig Gesellschaft leisten konnten.
Und ich hatte einen von ihnen gerade als hässliches Vieh bezeichnet.
Ich setzte mich auf den Boden.
Dann begann ich zu weinen.
Nicht leise.
Ich schluchzte so heftig, dass ich kaum Luft bekam.
Ich dachte daran, wie Papa meine zerbrochene Tasse aufgehoben hatte.
Wie er meinen Blick vermieden hatte.
Wie er mein schlimmstes Wort einfach hingenommen hatte.
Monster.
Ich hatte den Menschen so genannt, der sein ganzes Leben für mich gearbeitet hatte.
Ich fuhr nach Hause.
Auf dem Beifahrersitz stand die Transportbox.
„Wir fahren zu Papa“, sagte ich zu Barnabas.
Der Kater antwortete mit einem leisen Miauen.
Als ich die Haustür öffnete, war es still.
„Papa?“
Keine Antwort.
Mein Herz raste.
Ich lief ins Wohnzimmer.
Er saß in seinem alten Fernsehsessel.
Die Augen geschlossen.
Eine dünne Decke lag über seinen Knien. Auf dem Beistelltisch standen Medikamente und ein Glas Wasser.
Er wirkte plötzlich so klein.
Sein Gesicht war eingefallen.
Bei jedem Atemzug hörte ich ein leises Rasseln.
Ich öffnete die Transportbox.
Barnabas kam langsam heraus.
Er ging direkt zu Papas Sessel, mühte sich auf die Sitzfläche und rollte sich auf seiner Brust zusammen.
Dann begann er zu schnurren.
Laut und rau.
Papa öffnete die Augen.
Als er mich sah, versuchte er sich aufzurichten.
„Laura? Was machst du hier?“
Sein Blick fiel auf den Krankenhausbrief in meiner Hand.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Du solltest das nicht sehen.“
Ich ging zu ihm.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Du musst nach Hamburg.“
„Papa …“
„Du hast so hart dafür gearbeitet.“
Seine Stimme brach.
„Ich wollte nicht, dass du deine besten Jahre damit verbringst, einen kranken alten Mann zu pflegen.“
Ich kniete vor ihm nieder.
„Du bist kein kranker alter Mann. Du bist mein Papa.“
Er schüttelte den Kopf.
„Du weißt nicht, was noch kommt.“
„Dann lernen wir es zusammen.“
Ich umarmte ihn.
Vorsichtig, weil er so zerbrechlich wirkte.
Und zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich meinen Vater weinen.
Nicht laut.
Nur ein leises, erschöpftes Schluchzen.
„Ich wollte, dass du dich an mich erinnerst, wie ich früher war“, flüsterte er.
„Stark.“
Ich drückte ihn fester.
„Für mich bist du immer stark gewesen. Aber du musst nicht mehr so tun.“
Barnabas schnurrte zwischen uns.
Papa legte eine Hand auf meinen Rücken.
Und wir blieben einfach so sitzen.
Am nächsten Morgen rief ich bei der Hochschule an.
Ich erklärte, dass mein Vater schwer krank sei und ich mein Studium gern um ein Jahr verschieben würde.
Die Mitarbeiterin hörte aufmerksam zu.
Nach einigen Gesprächen erhielt ich die Zusage.
Mein Studienplatz konnte verschoben werden.
Auch die bereits geleisteten Vorauszahlungen blieben nach schriftlicher Vereinbarung meiner späteren Ausbildung zugeordnet.
Als ich Papa davon erzählte, wurde er wütend.
„Laura, das wollte ich nicht!“
„Ich weiß.“
„Du musst dein Leben leben!“
„Das tue ich doch.“
Ich setzte mich neben ihn.
„Aber ich entscheide selbst, wann ich gehe.“
Er sah mich lange an.
Dann nickte er.
Die nächsten acht Monate waren die schwersten meines Lebens.
Und zugleich die kostbarsten.
Ich lernte, wie seine Medikamente vorbereitet wurden. Wie ich ihm beim Umgang mit seinem Sauerstoffgerät helfen konnte. Wann wir die Pflegefachkraft rufen mussten.
Eine ambulante Pflegekraft kam regelmäßig zu uns.
Barnabas bekam seine Behandlung nach Anleitung der Tierärztin.
Manchmal hatte ich Angst, etwas falsch zu machen.
Manchmal war ich erschöpft.
Und manchmal weinte ich nachts heimlich im Badezimmer.
Aber morgens saßen wir wieder gemeinsam am Küchentisch.
Papa mit seinem Tee.
Ich mit meinem Skizzenbuch.
Barnabas auf seiner warmen Decke.
Wir erzählten uns Geschichten über Mama.
Papa berichtete von ihrem ersten Treffen auf einem Dorffest.
Davon, wie sie einmal Salz statt Zucker in den Kuchen gegeben hatte.
Und wie sie trotzdem darauf bestanden hatte, dass er ausgezeichnet schmeckte.
Wir lachten so sehr, dass Papa husten musste.
Später malte ich ihn im Sessel, mit Barnabas auf dem Schoß.
Er sah sich die Zeichnung lange an.
„Du hast mich viel zu alt gemacht.“
„Du bist auch alt, Papa.“
„Frech wie deine Mutter.“
Kurz nach Weihnachten starb Barnabas.
Ganz friedlich.
Er lag auf seiner beheizbaren Decke, die Papa für ihn gekauft hatte.
Am Abend hatte er noch ein wenig Hühnchen gefressen.
Am Morgen atmete er nicht mehr.
Papa hielt seinen kleinen Körper lange im Arm.
Ich setzte mich neben ihn.
„Er hatte es schön bei uns“, sagte ich.
Papa nickte.
„Weißt du, Laura, vielleicht ist er nur vorausgegangen.“
„Wohin?“
Papa lächelte schwach.
„Um schon mal einen guten Platz für mich zu suchen.“
Ich fing an zu weinen.
Er nahm meine Hand.
„Nicht traurig sein. Der kleine Kerl musste wenigstens nicht allein gehen.“
Wir begruben Barnabas unter dem alten Apfelbaum.
Sein Messingglöckchen behielt ich.
Es war klein, etwas angelaufen und hatte einen kaum hörbaren Klang.
Ich legte es in meine Schreibtischschublade.
Papa erlebte noch den Januar.
Er wurde immer schwächer.
An manchen Tagen konnte er kaum sprechen.
Aber wenn ich seine Hand hielt, drückte er meine Finger.
An einem Dienstagmorgen im Februar saß ich an seinem Bett.
Draußen fuhr ein Müllwagen durch unsere Straße.
Irgendwo bellte ein Hund.
Papa öffnete noch einmal die Augen.
„Laura?“
„Ich bin hier.“
„Versprich mir etwas.“
„Alles.“
Er holte mühsam Luft.
„Geh nach Hamburg. Mal deine Bilder. Sei glücklich.“
Ich nickte.
„Das verspreche ich.“
Ein ganz kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
Dann schloss er die Augen.
Seine Atmung wurde langsamer.
Ich hielt seine Hand.
Bis sie still wurde.
Im September stand ich vor der Kunsthochschule in Hamburg.
Um mich herum liefen junge Menschen mit großen Taschen, Zeichenmappen und Kaffeebechern.
Sie lachten, telefonierten und suchten ihre Seminarräume.
Ich war allein gekommen.
Und doch fühlte ich mich nicht ganz allein.
Ich trug Papas altes kariertes Flanellhemd.
Es war mir viel zu groß.
Die Ärmel reichten fast bis zu meinen Fingerspitzen.
Aber es roch noch ein wenig nach dem Waschmittel, das wir früher zu Hause benutzt hatten.
An meinem Rucksack hing ein kleines Messingglöckchen.
Barnabas‘ Glöckchen.
Bei jedem Schritt klingelte es ganz leise.
Ich blieb vor dem Eingang stehen und blickte in den Himmel.
„Ich bin da, Papa“, flüsterte ich.
Dann ging ich hinein.
Heute, Jahre später, hängt die Zeichnung meines Vaters mit Barnabas in meinem Atelier.
Daneben habe ich seinen alten Handfeger aufgehängt.
Den, mit dem er an jenem schrecklichen Morgen meine zerbrochene Kaffeetasse zusammengekehrt hatte.
Manche Besucher fragen, warum ausgerechnet ein alter Handfeger neben meinem liebsten Bild hängt.
Dann erzähle ich ihnen von meinem Vater.
Von einem Mann, der lieber als Bösewicht in Erinnerung geblieben wäre, als seine Tochter an ihre Träume zu verlieren.
Von einem einäugigen Kater, der zwei Menschen in ihren schwersten Stunden begleitet hat.
Und von der letzten Lektion, die mein Vater mir beigebracht hat.
Dass Liebe manchmal nicht in großen Worten steckt.
Sondern in einer warmen Decke für ein krankes Tier.
In einem heimlich bezahlten Studienplatz.
In einem Menschen, der die Scherben aufsammelt, obwohl ihm gerade das Herz gebrochen wurde.
Und jedes Mal, wenn ich mein altes Glöckchen höre, denke ich an die beiden.
An meinen Vater und Barnabas.
Zwei müde, kranke Seelen, die einander gefunden hatten, als niemand mehr viel Zeit für sie übrig hatte.
Ich wünschte nur, ich hätte früher verstanden, warum mein Vater diesen Kater so sehr liebte.
Denn manchmal sind die Menschen, auf die wir am wütendsten sind, genau diejenigen, die im Stillen alles für uns geben.






