Ich hielt den alten Schlosser für gefährlich, bis ich auf meine Rückbank sah

Mehr nicht. Keine Belehrung, kein Versuch, ihm seine Angst auszureden.

Ich setzte mich ein paar Stühle weiter. Zum ersten Mal begriff ich, wie mein Nachmittag aus der Sicht dieser Familie aussah.


Als eine Ärztin zu den Eltern kam und ihnen sagte, dass Jannis wach sei und sich sein Zustand gebessert habe, begann seine Mutter zu weinen.

Sie hielt beide Hände vors Gesicht. Ihr Mann stand auf, setzte sich wieder und stand erneut auf.

Marion legte ihr einen Arm um die Schultern.

Später kam die Mutter zu Gerd. „Sie haben ihn gesehen?“

Er nickte. „An der Ampel.“

„Und Sie sind drangeblieben.“

„Natürlich.“

Sie umarmte ihn. Gerd stand erst steif da, dann legte er vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken.

Ich sah zu Boden.

Ich hatte geglaubt, er würde mich bedrohen. Diese Frau hielt ihn fest, weil er ihren Sohn nicht aus den Augen verloren hatte.


Anne saß neben mir, als ich Gerd endlich fragte, wer sie eigentlich seien.

„Leute aus einer Werkstatt“, sagte er. „Wir machen alte Sachen wieder gangbar.“

Marion lächelte müde. „Er meint damit unter anderem das Gerätehaus in unserem Ort. Da gibt es immer etwas zu reparieren.“

Die anderen Männer hießen Uwe und Frank. Ein Elektriker im Ruhestand und ein Heizungsbauer, der seine Arbeitszeit reduziert hatte.

Gerd war vierundsechzig und hatte zweiundvierzig Jahre als Betriebsschlosser gearbeitet. Seit seinem Renteneintritt reparierte er Fahrräder, Gartengeräte und gelegentlich Dinge, die ihre Besitzer längst aufgegeben hatten.

Marion war ausgebildete Rettungssanitäterin. Sie und Gerd gehörten zu einer örtlichen ehrenamtlichen Helfergruppe, die bei Notfällen manchmal vor dem regulären Rettungsdienst eintraf.

„Und heute waren Sie zufällig hinter mir.“

„Ja“, sagte Gerd. „Wir kamen vom Materialholen.“

Ich suchte nach etwas Angemessenem. Nach einem Satz, der groß genug war.

„Ich möchte mich erkenntlich zeigen.“

Er sah mich an. „Dann sagen Sie beim nächsten Mal erst mal nicht, dass wir verschwinden sollen.“

Es war nicht laut gesagt. Gerade deshalb traf es mich.

„Es tut mir leid.“

Gerd nickte einmal. „Gut.“


Zu Hause stand mein Abendessen in der Küche. Anne setzte sich mir gegenüber und wartete, bis ich endlich alles erzählte.

Auch das mit der Verriegelung. Das mit meiner Uhr, die ich unwillkürlich unter den Ärmel gezogen hatte. Und dass ich schneller gefahren war, weil ich den Transporter loswerden wollte.

„Du hattest Angst“, sagte sie.

„Ja.“

„Aber du hast auch sofort gewusst, was das für Menschen sind.“

Ich sah sie an. Sie war seit einunddreißig Jahren mit mir verheiratet und kannte den Unterschied zwischen einem Trost und einer Ausrede.

In dieser Nacht schlief ich kaum. Immer wieder sah ich den roten Traktor auf Jannis’ Pullover.

Und Gerds Hand an meiner Scheibe.


Drei Tage später durfte ich die Familie anrufen.

Jannis war wieder zu Hause. Seine Mutter klang erschöpft, aber freundlich. Sie erzählte, er habe gefragt, ob der Mann mit dem Bart auch bei ihnen Fahrräder reparieren könne.

Ich lachte zum ersten Mal seit Dienstag.

Dann bat ich sie um Gerds Telefonnummer.

„Wofür?“, fragte sie.

„Ich möchte ihn etwas fragen.“

Am Samstagvormittag stand ich vor einer niedrigen Werkhalle hinter einem ehemaligen Bauernhof. Auf dem Hof lagen ordentlich gestapelte Pflastersteine, an der Wand lehnten drei Kinderfahrräder.

Gerd öffnete das Tor.

„Ach“, sagte er. „Der mit dem großen Auto.“

„Matthias.“

„Weiß ich.“

Er ließ mich hinein.


In der Werkstatt roch es nach Metall, Kaffee und altem Holz. Auf einem kleinen Tisch standen vier verschiedene Tassen.

Ich hatte einen Umschlag mitgebracht. Geld, für ihre Ausrüstung oder das Gerätehaus, wie auch immer sie es verwenden wollten.

Gerd schob ihn zurück.

„Spenden können Sie offiziell. Da kriegen Sie auch eine Quittung.“

„Darum geht es mir nicht.“

„Worum dann?“

Ich sah mich um. An einer Werkbank hing ein Foto von einer Frau mit lockigen Haaren, die einen viel zu großen Fisch in die Kamera hielt.

„Ich stand daneben“, sagte ich. „Ich habe überhaupt nichts getan.“

Gerd lehnte sich gegen die Werkbank.

„Sie haben aufgeschlossen.“

„Nachdem Sie mich dreimal angeschrien haben.“

„Zweimal“, sagte er. „Beim dritten Mal haben Sie schon reagiert.“

Ich konnte nicht erkennen, ob das ein Scherz war. Dann zog er einen Stuhl unter dem Tisch hervor.

„Setzen Sie sich.“


Die Frau auf dem Foto hieß Ingrid. Sie war seine Frau gewesen.

„Vor sechs Jahren gestorben“, sagte er, als er meinen Blick bemerkte. „Ganz plötzlich, hier zu Hause.“

Ich murmelte etwas, das mir sofort unzureichend vorkam.

Gerd rieb sich über den Bart. „Ich hatte regelmäßig meine Kurse gemacht. Wegen der Arbeit. Ich wusste, was zu tun war.“

Er schwieg lange genug, dass ich dachte, er würde nicht weitererzählen.

„Hat trotzdem nicht gereicht.“

Aus der Halle nebenan hörte man ein Werkzeug klappern. Gerd sah zum Foto, dann wieder zu mir.

„Danach war ich eine Weile zu gar nichts zu gebrauchen. Uwe kam jeden Donnerstag. Hat sich hier hingesetzt und über kaputte Wasserhähne geredet, bis ich irgendwann wieder geantwortet habe.“

„Und die Helfergruppe?“

„Marion hat mich gefragt. Erst nur fürs Material. Später hab ich die Fortbildung gemacht.“

Er strich mit dem Daumen über die Narbe auf seiner Hand.

„Man kriegt nicht jeden zurück. Aber hingehen kann man.“

Ich dachte an mein Büro, an meine sorgfältig geplanten Tage. Gerd hatte mir gerade von dem schlimmsten Moment seines Lebens erzählt, ohne einen einzigen großen Satz daraus zu machen.

Ich steckte den Umschlag wieder ein.

„Wo kann ich einen vernünftigen Erstehilfekurs machen?“

Er zog einen Notizzettel heran.


Der Kurs war an zwei Samstagen. Ich musste Termine verschieben, und zum ersten Mal seit Jahren tat ich es, ohne zu behaupten, es gehe unmöglich.

Ich lernte viel, das ich einmal gewusst und längst vergessen hatte. Vor allem lernte ich, wie wenig von meinem selbstsicheren Auftreten übrig blieb, sobald ich auf dem Boden kniete und praktisch handeln sollte.

Bei einer Übung hielt ich mitten im Ablauf an.

„Ich mache das falsch.“

Die Ausbilderin schüttelte den Kopf. „Sie überlegen gerade zu lange. Fangen Sie noch einmal an.“

Gerd fragte später nicht, ob ich gut gewesen sei.

„Warst du da?“

„Ja.“

„Dann gehst du zum nächsten Termin auch.“

Es war ungefähr die Art Unterstützung, die ich damals brauchte.


Aus dem Kurs wurden weitere Fortbildungen. Nach einigen Monaten fragte ich, ob ich bei der Helfergruppe mitarbeiten könne.

Niemand drückte mir dafür ein Abzeichen in die Hand. Es gab Gespräche, praktische Übungen, feste Voraussetzungen und viel Zeit, in der ich zusah und unter Anleitung mitarbeitete.

Mein Beruf änderte sich nicht. Ich blieb der Mann aus dem Büro, der Zahlen erklären konnte.

Aber am Donnerstagabend stand ich nun in einem Raum mit Menschen, denen meine Berufsbezeichnung ziemlich gleichgültig war.

Uwe zeigte mir, wo Ersatzdecken lagen. Marion korrigierte mich geduldig, wenn ich Material falsch einsortierte. Gerd ließ mich eine leere Sauerstofftasche wieder ausräumen, weil ich sie so gepackt hatte, dass man nicht schnell genug an alles herankam.

„Sieht ordentlich aus“, sagte ich.

„Muss funktionieren.“

Ich räumte sie noch einmal aus.


Zu Hause führte das nicht sofort zu allgemeiner Begeisterung.

„Du bist doch schon dauernd weg“, sagte Anne eines Abends. „Jetzt auch noch dafür.“

Früher hätte ich ihr erklärt, wie wichtig meine Verpflichtungen seien. Diesmal stellte ich die Tasche ab und setzte mich.

Sie hatte recht. Mein Wunsch, etwas anders zu machen, gab mir nicht das Recht, ihr einfach weitere leere Abende hinzustellen.

Wir vereinbarten feste Zeiten. Ich sagte auch im Büro häufiger Nein und ließ das Telefon beim Essen im Flur.

Das war schwerer, als mich für einen Kurs anzumelden.

Als meine Tochter mit unserem Enkel kam, blieb der Rechner zu. Der Kleine wollte wissen, warum Opa jetzt manchmal eine rote Tasche im Auto hatte.

Ich erzählte ihm von den Übungen.

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