Ich hielt den alten Schlosser für gefährlich, bis ich auf meine Rückbank sah

Von Jannis erzählte ich nichts. Das war seine Geschichte, und ich hatte lange genug gebraucht, um nicht nur meine eigene darin zu sehen.


Mit Gerd wurde es eine Freundschaft, ohne dass einer von uns sie so nannte.

Manchmal brachte ich Brötchen in die Werkstatt. Manchmal half ich ihm bei einem Schreiben, dessen Formulierungen selbst mir unnötig kompliziert vorkamen.

Er reparierte die klemmende Gartentür bei uns und nahm dafür nur einen Kaffee.

Anne fragte ihn dabei nach Ingrid. Ich wäre vorsichtiger gewesen, hätte um das Thema herumgeredet.

Gerd erzählte, dass Ingrid beim Angeln grundsätzlich mehr gefangen habe als er. Beim Abschied blieb er noch eine Viertelstunde an der Tür stehen.

Später sagte Anne: „Den kannst du ruhig öfter mitbringen.“

Ich nickte. Es machte mich beschämt und froh zugleich, wie wenig es gebraucht hatte, damit sie ihn sah.


Gut ein Jahr nach dem Nachmittag an der Tankstelle war ich mit Marion im Dienst, als ein Einsatz zu einem Kind mit Diabetes gemeldet wurde.

Beim Straßennamen spürte ich sofort diesen Druck im Bauch.

„Das könnte Jannis sein“, sagte ich.

Marion sah kurz zu mir. „Dann machen wir es wie immer. Ruhig bleiben, genau hinschauen.“

Sein Vater öffnete die Tür. Als er mich erkannte, hielt er einen Moment inne.

„Sie?“

„Marion ist bei mir.“

Wir gingen hinein.

Jannis lag auf dem Sofa, blass und benommen. Seine Mutter hatte bereits Hilfe gerufen und schilderte Marion, was passiert war und was sie bis dahin getan hatten.

Diesmal blieb ich nicht nutzlos im Türrahmen stehen.

Ich holte das benötigte Material, half Marion und gab dem eintreffenden Rettungsdienst die Informationen weiter, die wir gesammelt hatten. Jeder tat das, wofür er ausgebildet war.

Es fühlte sich weder mutig noch heldenhaft an. Es fühlte sich nach Arbeit an, die sorgfältig gemacht werden musste.

Genau das half mir.


Als Jannis wieder wacher war, sah er mich lange an.

„Du bist der mit dem Auto.“

Ich nickte. „Ja.“

„Gerd ist nicht da?“

„Heute nicht.“

Er schien darüber nachzudenken. Dann zog er die Decke bis ans Kinn.

„Kannst du ihm sagen, mein Fahrrad geht noch?“

„Das sage ich ihm.“

Seine Mutter begleitete uns später zur Tür. Sie berührte meinen Arm.

„Danke, dass Sie gekommen sind.“

Ich wollte beinahe erklären, dass Marion die Erfahrene sei und ich nur geholfen hätte. Dann ließ ich es.

„Gern“, sagte ich.

Zu Hause rief ich Gerd an und berichtete ihm von dem Fahrrad. Er blieb kurz still.

„Gut“, sagte er schließlich. „Dann hab ich ja ordentlich gearbeitet.“


Einige Monate später standen wir wieder an jener Tankstelle. Gerd brauchte Diesel für den Transporter, ich war ihm nach einer Übung gefolgt.

Vor dem Verkaufsraum saß ein älterer Mann auf dem Boden. Er war gestolpert und hatte sich am Knie verletzt. Seine Frau kniete neben ihm und versuchte gleichzeitig, ihm hochzuhelfen und ihre Einkaufstasche festzuhalten.

Gerd stellte die Zapfpistole zurück. Ich holte die Tasche.

Wir halfen, blieben bei den beiden und warteten, bis klar war, dass der Mann weiter versorgt werden musste.

Hinterher kam ein Kunde zu mir. Etwa mein Alter, heller Mantel, gepflegte Hände.

„Kennen Sie den?“, fragte er mit einem Blick auf Gerd.

„Ja.“

„Ich dachte erst, es gäbe Ärger. Als der so auf die beiden zuging.“

Ich kannte diesen vorsichtigen Ton. Den Versuch, ein Urteil auszusprechen, ohne dafür verantwortlich zu sein.

„Das habe ich auch mal gedacht“, sagte ich.

Der Mann sah mich fragend an.

Ich erzählte ihm nicht die ganze Geschichte. Nur, dass Gerd einem Kind geholfen hatte, das ich nicht einmal bemerkt hatte.

Dann gingen wir gemeinsam zum Verkaufsraum, wo Gerd der Frau gerade einen Stuhl zurechtrückte.


Heute bin ich sechzig. Ich arbeite weniger Stunden als früher und schaue öfter nach hinten, bevor ich losfahre.

Mit Jannis’ Familie haben wir gelegentlich Kontakt. Er ist gewachsen, sein Fahrrad längst zu klein. Gerd hat ihm geholfen, es für seine Schwester herzurichten.

Es gibt keinen Jahrestag mit Reden und keine große Dankesfeier. Manchmal kommen sie auf einen Kaffee in der Werkstatt vorbei.

Jannis’ Vater packt inzwischen mit an, wenn etwas Schweres bewegt werden muss.

Letzten Donnerstag fand ich Gerd allein vor seiner Werkbank. Das Foto von Ingrid stand noch an derselben Stelle, daneben eine Zeichnung von einem weißen Transporter.

Jannis hatte vier Menschen hineingemalt. Gerds Bart reichte auf dem Bild bis zum Sicherheitsgurt.

„Schön getroffen“, sagte ich.

„Frechheit“, brummte Gerd und rückte die Zeichnung gerade.

Ich stellte die Brötchentüte auf den Tisch. Er nahm zwei Tassen aus dem Regal, wie immer die angeschlagene für sich und die blaue für mich.

Eine Weile redeten wir über eine kaputte Gartenpumpe. Dann sagte ich: „Ich bin froh, dass du damals nicht weggegangen bist.“

Er sah mich an. „Bei dem Jungen?“

„Auch bei mir.“

Gerd drehte seine Tasse langsam zwischen den Händen. Dann schob er mir das Brotmesser hin.

„Schneid du mal auf“, sagte er. „Uwe kommt gleich.“

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie an den freien Haken neben seiner Arbeitshose.

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