Ich hielt mich noch eine Weile an Einzelheiten fest.
„Von den Aufnahmen wusste ich nichts“, sagte ich.
Als würde dieser eine Satz den anderen Satz auslöschen können.
Ich hatte von den Übergriffen gewusst.
Jule hatte es mir gesagt.
Vor Gericht saß Werner im Flur auf einem Stuhl, der unter ihm viel zu schmal aussah. Er hatte ein gebügeltes Hemd angezogen, aber unter den kurzen Fingernägeln waren noch immer dunkle Ränder.
Als ich an ihm vorbeiging, hob er den Kopf.
„Sind Sie jetzt zufrieden?“, fragte ich.
Es war eine niedrige Frage. Ich stellte sie trotzdem.
Er sah erst zu der geschlossenen Tür, hinter der Jule mit ihrer Begleiterin wartete.
„Nein“, sagte er. „Zufrieden wäre ich, wenn sie das hier nicht durchmachen müsste.“
Dann wandte er sich wieder ab.
Jule musste nicht allein durch das Verfahren.
Sie hatte professionelle Begleitung und Menschen an ihrer Seite, die ihr erklärten, was als Nächstes passieren würde. Nicht alles gelang reibungslos. Sie musste warten, Dinge wiederholen und Fragen beantworten, obwohl sie müde war.
Aber diesmal bestimmte ich nicht mehr, welche ihrer Worte gelten durften.
Als ich sie im Gerichtssaal sah, wirkte sie kleiner als in meiner Erinnerung. Sie trug einen weiten Pullover, dessen Ärmel bis über die Hände reichten.
Ich wartete darauf, dass sie mich ansah.
Sie tat es nicht.
Später sagte sie einen Satz, den ich verdient hatte und trotzdem kaum ertrug.
„Ich habe irgendwann mehr Angst davor gehabt, es meiner Mutter noch einmal zu sagen, als davor, dass Fremde mir nicht glauben.“
Ich begann zu weinen.
Früher hätte Jule darauf reagiert. Sie hätte mir ein Taschentuch gereicht, meine Schulter berührt oder gesagt, wir würden uns schon wieder vertragen.
An diesem Tag blieb sie sitzen.
Zum ersten Mal ließ man sie bei sich selbst bleiben.
Ralf wurde zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt.
Auch ich wurde für mein Verhalten zur Verantwortung gezogen und musste eine Haftstrafe antreten. Der Richter erklärte mir ausführlich, was ich gewusst, unterlassen und meiner Tochter zugemutet hatte.
Ich konnte mich hinter keinem Missverständnis mehr verstecken.
Am schwersten traf mich nicht die Urteilsverkündung.
Es war der Moment danach, als Jule den Saal verließ und Hilde ihr die Jacke hinhielt. Meine Tochter schlüpfte hinein, ohne zusammenzuzucken.
Diese kleine, selbstverständliche Bewegung.
Bei einer fremden Frau fühlte sie sich sicher genug, den Blick zu senken.
Jule lebte zunächst in einer betreuten Einrichtung.
Später zog sie zu einem Paar, das bereits Erfahrung als Pflegefamilie hatte. Das wurde geprüft, besprochen und begleitet. Werner und Hilde entschieden das nicht.
Sie blieben einfach da.
Sie fuhren zu vereinbarten Besuchen, wenn Jule das wollte. Hilde brachte gelegentlich einen Kuchen mit, ohne beleidigt zu sein, wenn meine Tochter nichts davon aß.
Werner reparierte einmal das klemmende Fenster in ihrem neuen Zimmer. Vorher fragte er, ob sie währenddessen jemanden bei sich haben wolle.
Jule wollte, dass Hilde blieb.
Also blieb Hilde.
Ich erfuhr vieles erst später. Einzelne Dinge durfte mir meine Schwester erzählen, anderes stand in einem Brief meiner Anwältin. Nicht alles, was ich wissen wollte, ging mich noch etwas an.
Jule schlief schlecht. In der Schule konnte sie sich oft nicht konzentrieren. Manchmal hielt sie einen ganzen Vormittag durch und schaffte am nächsten Tag kaum den Weg bis zur Bushaltestelle.
Vorher hatte sie Geige gespielt.
Ich hatte mich oft über das Üben beschwert, wenn ich nach der Frühschicht schlafen wollte.
Nun blieb der Kasten monatelang geschlossen.
Einmal fragte ich meine Schwester am Telefon, ob Jule wenigstens noch Musik höre.
Meine Schwester schwieg so lange, dass ich schon dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann sagte sie: „Karin, du musst aufhören, nach etwas zu suchen, das dich beruhigt.“
Hilde besuchte mich acht Monate nach Beginn meiner Haft.
Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit ihr. Sie saß mir gegenüber, legte ihre Tasche auf den Boden und faltete die Hände auf dem Tisch.
„Jule weiß, dass ich hier bin“, sagte sie. „Ich habe sie vorher gefragt.“
„Hat sie dir etwas für mich mitgegeben?“
„Nein.“
Ich nickte, als wäre das eine gewöhnliche Auskunft.
Hilde sah älter aus als auf dem Parkplatz. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. An einem Finger trug sie einen schmalen Ring, der sich tief in die Haut gedrückt hatte.
„Ich möchte, dass du ihr vorerst keine Briefe schickst“, sagte sie. „Sie hat das über ihre Begleiterin ausrichten lassen.“
Ich hatte bereits vier geschrieben.
In jedem stand irgendwo, wie schwer ich es gehabt hatte.
„Ich bin doch ihre Mutter.“
Hilde atmete langsam aus.
„Das weiß sie.“
Eine Weile hörte ich nur Stühle rücken und jemanden am Nebentisch leise sprechen.
Dann fragte ich: „Warum kümmerst du dich so um sie? Du kanntest sie doch gar nicht.“
Hilde öffnete ihre Tasche und holte ein kleines Foto hervor.
Darauf stand ein Mädchen mit dunklen Locken neben einem Gartenzaun. Es hielt eine Schüssel Erdbeeren in der Hand und blinzelte in die Kamera.
„Meine Tochter. Anke.“
Ich wusste nicht, dass Hilde eine Tochter gehabt hatte.
„Wie alt ist sie?“
„Sie wurde sechzehn.“
Ich sah wieder auf das Foto.
Hilde erzählte ohne große Worte. Von ihrer ersten Ehe, von einem Mann, den die Nachbarn hilfsbereit fanden. Von Ankes Rückzug und ihren Versuchen, bei Freundinnen zu übernachten.
Und davon, dass Hilde zu lange auf den Erklärungen dieses Mannes bestanden hatte.
„Ich dachte, wenn ich es nicht wahrhaben will, kann es nicht wahr sein“, sagte sie.
Anke war später durch Suizid gestorben.
Hilde erzählte nichts über das Wie. Sie erzählte von einem Zimmer, das sie lange nicht betreten konnte, und von einem Brief, den sie erst nach Ankes Tod gefunden hatte.
„Es gibt dafür nicht nur einen Grund“, sagte sie. „Aber ich weiß, dass ich sie damals im Stich gelassen habe.“
Ich wollte etwas sagen. Dass es mir leidtue. Dass wir beide Fehler gemacht hätten.
Zum Glück blieb ich still.
Was ich getan hatte, durfte nicht kleiner werden, nur weil eine andere Frau ebenfalls mit Schuld lebte.
„Werner ist nicht Ankes Vater“, sagte Hilde. „Ich habe ihn viel später kennengelernt. Er weiß, dass es Tage gibt, an denen ich nicht viel reden kann.“
Sie strich mit dem Daumen über den Rand des Fotos.
„Als ich Jules Zettel fand, habe ich nicht gedacht, dass ich damit irgendetwas wiedergutmachen kann. Das geht nicht. Aber diesen Zettel konnte ich weitergeben. Diesmal konnte ich rechtzeitig handeln.“
Bevor sie ging, schob sie das Foto zurück in ihre Tasche.
„Jule schuldet dir keinen Kontakt“, sagte sie. „Bitte mach es ihr nicht noch schwerer, das zu glauben.“
Ich schrieb keinen fünften Brief.
Von Werner hatte ich bis dahin fast nichts gewusst.
Er war siebenundsechzig, ehemaliger Betriebsschlosser und seit zwei Jahren in Rente. Die kleine Werkstatt hinter seinem Haus hatte er behalten. Dort reparierte er Fahrräder, Gartentore und Dinge, die andere längst weggeworfen hätten.
Er sprach wenig. Wenn er etwas erklärte, holte er oft erst ein Werkzeug, bevor er einen ganzen Satz zustande brachte.
Meine Schwester erzählte mir später, wie Jule angefangen hatte, dort gelegentlich mitzuhelfen.
Zuerst saß sie nur auf einem Hocker neben der Tür. Sie konnte jederzeit gehen. Werner arbeitete an einer Fahrradnabe, Hilde las auf der Bank im Hof.
Nach einer halben Stunde fragte Jule, ob sie etwas halten solle.
„Kannst du“, sagte Werner. „Musst du aber nicht.“
Meine Schwester erzählte mir gerade diesen Satz.
Ich wusste sofort, warum.
In unserer Wohnung hatte Jule vieles gemusst. Freundlich sein, nicht übertreiben, sich zusammenreißen, Verständnis haben.
In Werners Werkstatt durfte sie eine Schraube festhalten.
Oder eben nicht.
Eines Tages brachte sie ihren Geigenkasten mit. Der Verschluss klemmte, und sie wollte wissen, ob Werner ihn reparieren könne.
Er legte ein Tuch auf die Werkbank, bevor er den Kasten daraufstellte.
„Die Geige fasse ich nicht an“, sagte er. „Davon habe ich keine Ahnung.“
Jule musste lachen.
Es war, soweit ich weiß, das erste Mal seit langer Zeit, dass sie in seiner Gegenwart lachte.
Die Reparatur dauerte zehn Minuten. Danach nahm sie den Kasten wieder mit nach Hause.
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