Als die junge Frau an der Raststätte stumm um Hilfe bat, sah ich zuerst hinter mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand mich meinte.
„Weitergehen, Lea.“
Der Mann neben ihr sagte es leise. Dabei hielt er ihren Oberarm so fest, dass sich der Stoff ihrer Jacke unter seinen Fingern zusammenzog.
Sie blickte noch einmal zu mir.
Ich stand vor den Toiletten, neunundsechzig Jahre alt, in einer ausgebeulten Arbeitshose und einer Jacke mit einem alten Ölfleck am Ärmel. Mein grauer Bart war schlecht gestutzt, meine linke Augenbraue von einer Narbe geteilt. Kinder machten manchmal einen Bogen um mich, wenn ich vor meiner Werkstatt saß.
Diese junge Frau machte keinen Bogen.
Sie blieb einen winzigen Moment stehen.
Ihre Lippen formten zwei Wörter.
Helfen Sie.
Eine Minute vorher hatte ich noch über den Preis eines Kaffees geschimpft.
Es war kurz nach drei Uhr morgens an einer Autobahnraststätte bei Kassel. Ich kam von der Beerdigung meines jüngeren Bruders zurück. Im Auto lag noch die schwarze Krawatte auf dem Beifahrersitz.
Ich wollte nicht nach Hause.
Dort warteten ein leerer Flur, ein ausgeschaltetes Radio und die Tasse meiner Frau, die ich seit ihrem Tod nicht aus dem Küchenschrank genommen hatte.
Also war ich gefahren, hatte Pausen gemacht und mich wieder hinters Steuer gesetzt. Irgendwann brauchte ich einen Kaffee und zehn Minuten, in denen ich nicht an Beerdigungen denken musste.
Im schmalen Gang vor den Toiletten hörte ich die Männer.
„Zweitausend. Mehr nicht.“
„Wir hatten fünftausend vereinbart.“
Dann eine jüngere Stimme.
„Ich fahre nicht mit ihm. Bitte.“
Ich blieb stehen. Zunächst dachte ich an einen Streit um eine Fahrt, um Schulden, um irgendetwas, das mich nichts anging.
Dann sagte einer der Männer: „Du entscheidest hier gar nichts.“
Es war dieser Satz.
Nicht laut. Nicht gebrüllt. Gesprochen mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der glaubte, ein anderer Mensch gehöre ihm.
Ich nahm das Telefon aus meiner Tasche.
Als die Tür zum Vorraum aufging, sah ich drei Männer und zwischen ihnen das Mädchen. Später erfuhr ich, dass Lea siebzehn war. In diesem Moment sah ich nur eine viel zu dünne Gestalt in einer zu großen Jacke.
Sie hatte keine Tasche. Kein Telefon.
Und sie sah mich an, als müsste ich jetzt etwas tun, obwohl ich noch gar nicht wusste, was.
Mein Name ist Rainer Martens.
Ich habe zweiundvierzig Jahre Lastwagen und Lieferwagen repariert, zuerst in einem großen Betrieb, später in meiner eigenen kleinen Werkstatt am Rand von Hildesheim. Früher bin ich auch selbst Fernverkehr gefahren. Wenn irgendwo nachts ein Motor nicht mehr wollte, war ich oft derjenige, der unter ihm lag.
Mit Menschen war ich weniger geschickt.
Meine Frau Karin hatte immer gesagt, ich klänge selbst beim Verschenken eines Blumenstraußes, als würde ich eine Rechnung beanstanden.
An diesem Morgen kam mir das zum ersten Mal gelegen.
„Einen Moment“, sagte ich.
Die Männer blieben stehen. Derjenige an Leas Arm musterte mich.
„Was ist?“
Ich sah Lea an. Dann wieder ihn.
„Die junge Frau hat mich gerade um Hilfe gebeten.“
Sein Gesicht veränderte sich kaum.
„Unsere Tochter hat Probleme. Geht Sie nichts an.“
Lea senkte sofort den Kopf.
Ich hätte beinahe einen Schritt zurückgemacht. Nicht aus Überzeugung. Aus dieser eingeübten Vorsicht, mit der man sich aus fremden Familienangelegenheiten heraushält.
Doch ich hatte die Stimmen gehört.
Und ich hatte ihr Gesicht gesehen.
„Wie heißt sie?“, fragte ich.
„Was?“
„Ihre Tochter. Wie heißt sie?“
Er antwortete nicht sofort.
Der zweite Mann trat einen halben Schritt vor.
„Hören Sie mal, Opa.“
„Lea“, sagte sie plötzlich.
Ihre Stimme war kaum mehr als Atem.
„Ich heiße Lea. Und er ist nicht mein Vater.“
Danach war es für einen Moment ganz still.
Hinter mir klapperte Geschirr im Verkaufsraum. Ein Kühlschrank brummte. Irgendwo lief ein Radio.
Ich hielt mein Telefon tief neben meinem Bein. Die Verbindung war bereits aufgebaut.
„Raststätte an der Autobahn bei Kassel“, sagte ich deutlich. „Drei Männer. Eine junge Frau bittet um Hilfe.“
Der Mann ließ Leas Arm los.
„Sind Sie verrückt?“
„Kann sein.“
Ich war es nicht. Jedenfalls nicht so verrückt, mich mit drei jüngeren Männern anzulegen. Meine Knie machten schon beim Treppensteigen Schwierigkeiten.
Aber ich konnte reden.
Und ich konnte dafür sorgen, dass andere hinsahen.
„Können Sie bitte herkommen?“, rief ich in den Verkaufsraum.
Die Frau hinter der Kasse hob den Kopf. Sie war vielleicht Mitte fünfzig und trug eine Strickjacke über ihrer Arbeitskleidung.
„Was ist passiert?“
„Die junge Frau möchte hierbleiben.“
Einer der Männer lachte kurz.
„Die erzählt Ihnen sonst was.“
Die Kassiererin sah Lea an.
„Möchtest du zu mir kommen?“
Lea rührte sich nicht.
Der Mann neben ihr machte eine Bewegung mit der Hand. Nichts Großes. Nur ein kleines Zucken.
Sie wich trotzdem zurück.
Die Kassiererin kam um den Tresen herum.
„Hier vorne ist Licht“, sagte sie ruhig. „Komm erst mal mit.“
Ich trat zur Seite, damit Lea an mir vorbeigehen konnte, ohne mich berühren zu müssen.
Sie ging.
Zwei langsame Schritte. Dann drei schnelle.
Hinter dem Tresen drehte sie sich um. Ihre Schultern waren bis zu den Ohren hochgezogen.
Die Männer redeten plötzlich durcheinander. Von Missverständnissen. Von einer schwierigen Jugendlichen. Davon, dass man sich das nicht bieten lassen müsse.
Ich wiederholte am Telefon, was ich gehört hatte.
Als einer zur Tür ging, ließ ich ihn gehen. Ich war kein Polizist, und ich hatte nicht vor, einen zu spielen.
Die anderen folgten ihm.
Durch die Scheibe sah ich sie zu einem weißen Transporter laufen. Ich las das Kennzeichen vor, solange ich es erkennen konnte.
Die Kassiererin zog eine Schublade auf und holte Papier und einen Stift heraus.
„Ich hab es auch“, sagte sie.
Dann sah sie mich an.
„Und die Kameras draußen funktionieren.“
Erst da merkte ich, wie sehr meine Hände zitterten.
Lea saß auf einem kleinen Hocker hinter dem Tresen.
Die Kassiererin hatte ihr Wasser hingestellt und sich als Birgit vorgestellt. Lea hielt den Becher mit beiden Händen, trank aber nicht.
„Wie heißen Sie?“, fragte sie mich.
„Rainer.“
„Sind Sie wirklich nicht bei denen?“
Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand.
Mein Gesicht. Meine schmutzige Jacke. Die tiefe Stimme. Vielleicht hatte sie gedacht, ich wäre nur ein weiterer Mann, der etwas von ihr wollte.
„Nein“, sagte ich. „Ich kenne die nicht.“
„Sie haben gehört, was die gesagt haben?“
„Ja.“
Sie sah auf den Becher.
„Dann wissen Sie es ja.“
Ich wusste fast nichts.
Aber ich wusste genug, um mich auf einen umgedrehten Getränkekasten zu setzen, ein Stück von ihr entfernt.
„Du musst mir jetzt nichts erzählen.“
Als draußen die ersten blauen Lichter auftauchten, sprang sie auf.
Das Wasser lief über ihre Finger und auf den Boden.
„Nein. Bitte nicht.“
Birgit blieb ruhig.
„Lea, die kommen, weil du Hilfe brauchst.“
„Die bringen mich zurück.“
„Wohin?“, fragte ich.
Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr die Haare ins Gesicht fielen.
„In die Wohngruppe.“
Ich hatte bis dahin angenommen, ihre Eltern würden irgendwo verzweifelt auf einen Anruf warten.
„Du wohnst in einer Wohngruppe?“
„Ich gehe da nicht mehr hin.“
„Dann sagst du das.“
Sie sah mich an, und in ihrem Blick lag etwas, das ich schwerer ertrug als die Angst davor.
Ungläubigkeit.
Als hätte ich gerade einen dummen Witz gemacht.
„Ich habe es gesagt.“
Eine Polizistin kam herein. Ihr Kollege blieb zunächst an der Tür und sprach mit Birgit.
Die Polizistin stellte sich vor, ging aber nicht gleich auf Lea zu. Sie blieb auf der anderen Seite des Tresens stehen.
„Ich habe gehört, du möchtest nicht zurück.“
Lea nickte kaum sichtbar.
„Dann möchte ich zuerst verstehen, warum.“
„Sie glauben mir sowieso nicht.“
„Ich höre dir zu.“
Es dauerte lange, bis Lea den Namen aussprach.
Frau Seidel.
Eine Betreuerin aus ihrer Wohngruppe. Eine Frau, die offenbar gut darin gewesen war, bei Gesprächen freundlich zu wirken und Berichte ordentlich abzuheften.
Lea erzählte nicht alles in dieser Nacht.
Nur Stücke.
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