Von angeblichen Schulden. Von Männern, zu denen sie gebracht worden war. Von Drohungen, falls sie jemandem etwas sagte.
Von Nachrichten, die Frau Seidel kontrollierte.
Und davon, dass sie einmal schon versucht hatte, sich Hilfe zu holen.
„Danach war es schlimmer“, sagte sie.
Die Polizistin schrieb zunächst nicht mehr. Sie legte ihren Stift hin.
„Danke, dass du es trotzdem noch einmal gesagt hast.“
Lea begann zu weinen.
Nicht laut. Sie saß einfach da, und die Tränen liefen über ihr Gesicht, als hätte sie keine Kraft mehr, sie zurückzuhalten.
Ich sah zur Seite.
Nicht, weil ich es nicht sehen wollte.
Weil ich ihr wenigstens diesen kleinen Rest von Ungestörtheit lassen wollte.
Später kam eine Mitarbeiterin des Bereitschaftsdienstes hinzu.
Sie hieß Frau Neumann und trug unter ihrem Mantel einen Pullover, an dessen Ärmel ein Faden hing. Dieses unordentliche kleine Detail blieb mir in Erinnerung. In einer Nacht voller Angst sah sie aus wie jemand, den man beim Frühstück antreffen könnte.
Als sie das Wort Jugendhilfe sagte, zog Lea sich wieder zusammen.
„Nein.“
Frau Neumann setzte sich.
„Du hast Angst, dass wir dich zu dieser Betreuerin zurückbringen.“
Lea nickte.
„Das nehme ich ernst. Wir suchen für heute einen anderen sicheren Ort.“
„Das hat die auch immer gesagt. Sicher.“
Frau Neumann antwortete nicht sofort.
„Dann musst du mir dieses Wort jetzt nicht glauben. Ich erkläre dir jeden nächsten Schritt. Und du kannst sagen, wenn du etwas nicht verstehst.“
Lea schaute zu mir.
„Fahren Sie dann weg?“
Ich blickte auf die Uhr.
Mein Bruder war beerdigt. Mein Zuhause war leer. In meiner Werkstatt wartete höchstens ein alter Wagen auf neue Bremsen.
„Noch nicht“, sagte ich.
Ich blieb, bis Lea wusste, wer sie begleiten würde und wohin.
Ich blieb bei meiner Aussage.
Ich erzählte von den Summen, den Stimmen und dem Mann, der behauptet hatte, ihr Vater zu sein. Wenn ich etwas nicht genau wusste, sagte ich das auch.
Gegen sechs brachte Birgit mir einen Kaffee.
„Den müssen Sie nicht bezahlen.“
„Ich hab Geld.“
„Das sehe ich. Trinken Sie trotzdem.“
Zum ersten Mal in dieser Nacht musste ich fast lächeln.
Bevor Lea mit Frau Neumann ging, kam sie noch einmal zu mir.
„Kann ich Ihre Nummer haben?“
Ich schrieb sie auf die Rückseite eines Kassenbons.
Meine Schrift war groß und krumm. Karin hatte früher unsere Weihnachtskarten geschrieben.
„Du musst nicht anrufen“, sagte ich. „Aber du kannst.“
Lea faltete den Bon viermal zusammen.
Dann steckte sie ihn in die Jackentasche.
Drei Tage lang hörte ich nichts.
Ich fuhr nach Hause, zog mich um und stellte Karins Tasse auf den Tisch. Daneben legte ich mein Telefon.
Am vierten Tag klingelte es.
„Hier ist Lea.“
Ich richtete mich auf.
„Ja.“
Lange kam nichts.
Dann fragte sie: „Haben Sie sich überlegt, dass ich vielleicht gelogen habe?“
Ich sah zum Küchenfenster hinaus.
„Nein.“
„Gar nicht?“
„Ich habe dich gehört. Und die Männer.“
Sie atmete hörbar aus.
„Ich bin jetzt woanders. Die wissen nicht, wo.“
„Gut.“
„Hier ist eine Frau, mit der ich reden kann.“
„Auch gut.“
Wieder Schweigen.
Dann sagte Lea: „Ich wollte nur wissen, ob Ihre Nummer echt ist.“
Danach legte sie auf.
Ich blieb noch eine Weile sitzen.
In meinem Leben hatten mich viele Leute angerufen, weil sie wissen wollten, ob ich einen Motor wieder hinbekam.
Noch nie hatte jemand angerufen, um zu prüfen, ob ich wirklich existierte.
Unser erstes Wiedersehen fand einige Wochen später in einem Beratungsraum statt.
Lea hatte selbst darum gebeten. Eine Mitarbeiterin blieb in der Nähe, und vorher hatte man mit mir besprochen, was für Lea hilfreich war und was nicht.
Ich sollte keine Einzelheiten erfragen.
Keine Versprechen machen, die ich nicht halten konnte.
Und vor allem nicht glauben, dass ein guter Abend alles wieder gut machte.
Ich brachte ein Buch mit, das ich im Laden ausgesucht hatte. Die Verkäuferin hatte gefragt, was Lea gern lese.
Ich hatte sagen müssen, dass ich es nicht wusste.
Nun lag es zwischen uns auf dem Tisch.
„Ein Krimi?“, fragte Lea.
„War wohl keine besonders kluge Idee.“
Sie betrachtete das Cover.
„Vielleicht später.“
Ich nickte.
Dann nahm sie das Buch doch zu sich.
„Warum haben Sie geholfen?“
„Du hast mich darum gebeten.“
„Andere haben mich auch gesehen.“
Ich strich mit dem Daumen über eine Macke in der Tischkante.
„Das weiß ich nicht.“
Sie wartete.
Ich wusste, dass sie mehr wollte. Eine Erklärung, mit der sie unterscheiden konnte, wem sie vertrauen durfte und wem nicht.
Ich hatte keine.
Also erzählte ich ihr von einem Lehrling aus meiner ersten Werkstatt.
Er hieß Jürgen und war sechzehn gewesen. Ein schmaler Junge, dem ständig etwas aus der Hand fiel, weil er nervös war.
Der Meister hatte ihn vor allen lächerlich gemacht.
Ich war zweiundzwanzig gewesen und froh, selbst nicht dranzukommen. Ich hatte nichts gesagt.
„Was ist mit ihm passiert?“, fragte Lea.
„Er ist irgendwann nicht mehr gekommen.“
„Und dann?“
„Ich habe nie nachgefragt.“
Sie sah mich lange an.
„Sie denken immer noch daran?“
„Ja.“
Lea strich über den Buchrücken.
„Diesmal haben Sie etwas gesagt.“
Ich nickte.
Mehr brachte ich nicht heraus.
Die Monate danach waren schwerer, als ich mir vorgestellt hatte.
Es gab gute Gespräche und Besuche, bei denen Lea kaum sprach. Einmal wartete ich vergeblich. Ein anderes Mal wurde sie wütend, weil ich fragte, ob sie genug gegessen hatte.
„Ich bin kein kleines Kind.“
„Hab ich auch nicht gesagt.“
„Aber so reden Sie.“
Früher hätte ich geantwortet, sie solle sich nicht so anstellen. Ich kannte diesen Satz gut. Er war in meiner Familie für fast alles benutzt worden.
Diesmal hielt ich den Mund.
Beim nächsten Treffen sagte ich: „Das mit dem Essen war ungeschickt.“
Lea zuckte mit den Schultern.
„Ich hätte nicht so schreien müssen.“
„Du darfst mir trotzdem sagen, wenn dich etwas ärgert.“
Sie schaute mich prüfend an.
Dann erzählte sie mir, dass sie wieder Unterricht hatte.
Ihre Mutter war gestorben, als Lea neun gewesen war.
Zum Vater bestand seit Jahren kein Kontakt. Eine Zeit lang hatte eine Tante sich gekümmert, später verschiedene Pflegepersonen und Einrichtungen.
Nicht überall war es schlecht gewesen.
Lea erzählte auch von einer Erzieherin, die ihr Lesen beigebracht hatte, wenn sie abends nicht schlafen konnte. Von einer Pflegefamilie mit einem viel zu dicken Kater. Von Menschen, die versucht hatten zu helfen und irgendwann nicht mehr zuständig gewesen waren.
Gerade deshalb dauerte es, bis sie Frau Seidel überhaupt als Täterin benennen konnte.
„Die hat an meinem Geburtstag Kuchen gekauft“, sagte sie einmal.
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
„Manchmal war sie nett“, sagte Lea. „Verstehen Sie? Dann dachte ich immer, vielleicht habe ich etwas falsch verstanden.“
Ich nickte langsam.
„Dass sie Kuchen gekauft hat, macht das andere nicht weniger schlimm.“
Lea rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Meine Therapeutin sagt das auch.“
„Dann hat sie vermutlich recht.“
Die Ermittlungen gingen weiter.
Ich wurde noch einmal befragt. Birgit ebenfalls. Die Aufnahmen der Raststätte und das Kennzeichen halfen dabei, die Männer zu finden.
Später erfuhr ich, dass weitere junge Frauen Aussagen gemacht hatten.
Es gab Festnahmen, neue Termine und lange Zeiträume, in denen ich nichts hörte. Ich lernte, nicht bei jedem Anruf zu fragen, ob nun endlich etwas entschieden sei.
Lea hatte ohnehin genug Termine.
Als der Prozess näher rückte, schlief sie schlecht.
„Wenn ich da sitze, denke ich bestimmt wieder, dass mir niemand glaubt.“
Wir saßen in meiner Werkstatt. Die Besuche dort waren inzwischen möglich, und Lea mochte den kleinen Aufenthaltsraum mit dem wackeligen Tisch.
„Du hast Menschen, die mit dir hingehen“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Und danach hole ich dich ab, wenn du möchtest.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Auch wenn ich nichts erzählen will?“
„Dann erzählst du nichts.“
Nach einem der Verhandlungstage saß sie zwanzig Minuten schweigend in meinem Auto.
Ich hatte ein belegtes Brötchen mitgebracht und mich gefragt, ob das albern gewesen war.
Kurz vor ihrer Unterkunft sagte sie: „Was ist da drauf?“
„Käse.“
„Mit Gurke?“
„Ohne.“
„Gut.“
Wir aßen auf dem Parkplatz.
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