Ich hielt die Luft an, als meine sterbende Frau mich um Nähe bat

Am Morgen nach diesem Dienstagabend wusste ich sofort: Das hier ist Teil zwei unserer Geschichte, auch wenn niemand „Teil zwei“ auf einen Kalender schreibt.

Sabine schlief noch, der Atem flach, das Gesicht zur Wand gedreht, als hätte sie sich in der Nacht ein Stück von mir weggezogen. Und ich stand in der Küche, die Hände am Spülbeckenrand, und hörte meinen eigenen Magen wie eine Uhr ticken: Schuld, Schuld, Schuld.

Es war früh, dieses graue Winterfrüh, in dem selbst Geräusche gedämpft klingen. Ich machte Kaffee, der längst nicht mehr nach Morgen roch, sondern nach Pflicht, und ich starrte auf die Tasse, als könnte sie mir sagen, wie man ein Versprechen hält, ohne jemanden dabei zu verletzen.

Dann sah ich auf den Küchentisch und bemerkte etwas, das ich am Abend vorher nicht gesehen hatte: Sabines Schal, der alte, weiche, den sie früher um den Hals wickelte, wenn wir in die Stadt gingen.

Ich nahm ihn hoch, und für einen Moment war da nicht das Krankenzimmer, nicht die Fläschchen-Ordnung, nicht der süßlich-metallische Geruch, der sich überall festbeißt.

Da war Vanille, warm und sanft, wie ein Sonntag im Oktober, als die Welt noch normal tat. Ich drückte den Stoff an mein Gesicht wie ein Idiot, wie ein Mann, der sich an ein Stück Vergangenheit klammert, weil er in der Gegenwart keine Luft kriegt.

Als es klingelte, zuckte ich zusammen, obwohl ich wusste, wer es war. Der ambulante Dienst kam immer um die gleiche Zeit, als wäre das Sterben ein Fahrplan. Ich öffnete die Tür, und eine der Pflegekräfte stand da, Schal bis zur Nase, die Augen freundlich, aber müde.

„Guten Morgen, Markus“, sagte sie leise. „Wie war die Nacht?“

„Wie immer“, log ich, und ich hörte mich selbst dabei, als wäre ich ein Fremder. Sie nickte, ohne nachzufragen, und zog ihre Handschuhe an, während sie schon in Richtung Schlafzimmer ging, als würde sie das Haus wie eine zweite Wohnung kennen.

Sabine war wach, als wir reinkamen, aber nur halb. Ihr Blick wanderte kurz über mich, blieb hängen, rutschte weiter, als würde sie sich nicht trauen, zu lange zu schauen. Die Pflegekraft stellte die Tasche ab und fragte in diesem Ton, der gleichzeitig sachlich und zärtlich sein kann:

„Sabine, möchten Sie heute ein bisschen… na, etwas, das sich normal anfühlt? Sie hatten gestern von Ihrem Lippenstift gesprochen.“

Sabine blinzelte. Dann hob sie ganz leicht die Hand, nur zwei Zentimeter, und sagte: „Den roten.“

Es traf mich wie ein Schlag, weil ich sofort wusste, welchen sie meinte. Nicht irgendeinen, nicht „praktisch“, nicht „neutral“. Den roten, den sie früher trug, wenn wir irgendwohin gingen und ich dachte: Ja, die schaut nicht nur gut aus, die weiß das auch. Ich räusperte mich, als müsste ich etwas wegschlucken.

„Ich… ich such ihn“, sagte ich, und meine Stimme war zu laut im stillen Zimmer.

Im Badschrank fand ich ihn nicht, in der Nachttischschublade auch nicht, in den Kisten mit den Listen und Zeiten schon gar nicht.

Dann erinnerte ich mich an die alte Kommode im Flur, die Sabine „mein Chaos“ nannte, weil da alles drin landete, was nicht sterben durfte: Fotos, Karten, Haargummis, ein paar Ohrstecker, die sie seit Jahren nicht mehr getragen hatte.

In der obersten Schublade lag der Lippenstift, genau da, wo ich ihn nie gesucht hätte, als hätte Sabine ihn selbst versteckt, für den Tag, an dem sie ihn braucht, um sich daran zu erinnern, wer sie war.

Als ich zurückkam, war die Pflegekraft gerade fertig und packte ihre Sachen. Sabine lag da, die Augen auf mich, und ich hielt ihr den Lippenstift hin wie etwas Heiliges.

„Den hier“, sagte ich. „Den roten.“

„Hilfst du mir?“ Ihre Stimme war brüchig, aber da war etwas in ihr, das gerade standhielt.

Ich setzte mich an die Bettkante, viel zu vorsichtig, als könnte ich mit einem falschen Atemzug alles zerbrechen. Die Pflegekraft blieb noch einen Moment, nicht aus Neugier, eher wie jemand, der spürt, dass hier gerade etwas anderes passiert als Routine.

„Wenn Sie möchten“, sagte sie, und ihre Stimme war so neutral, dass sie fast unsichtbar wurde, „ich kann kurz im Wohnzimmer warten. Manche Dinge… gehören nur Ihnen.“

Ich nickte dankbar, ohne es zu zeigen. Und als die Tür leise ins Schloss fiel, war plötzlich nur noch Sabine da und ich, und diese Luft zwischen uns, die ich die Nacht davor nicht überbrücken konnte.

Sabine hob das Kinn ein wenig, und ich schraubte den Lippenstift auf. Meine Hand zitterte, weil ich plötzlich merkte, wie lange es her war, dass ich sie nicht versorgt, sondern berührt hatte. Ich fuhr langsam an ihrer Unterlippe entlang, vorsichtig, und ich sah, wie ihre Augen für einen Moment feucht wurden.

„Nicht so, als wär ich ein Kind“, flüsterte sie.

„Nein“, sagte ich, und ich zwang mich, sie anzusehen und nicht wegzuschauen. „Du bist Sabine.“

Sie atmete aus, lang, als hätte sie den Satz gebraucht, um wieder im Zimmer zu landen. Dann sagte sie, fast ohne Ton: „Gestern… hast du nicht atmen können.“

Mein Hals wurde eng. Ich wollte wieder ausweichen, wieder irgendwas mit Rippen und Fragilität sagen, irgendwas, das nett klingt und trotzdem lügt. Aber ich sah ihren Blick, diesen ruhigen, müden Blick, der keine Kraft mehr hatte für Theater.

„Ja“, sagte ich. „Ich halte manchmal die Luft an.“

Sie schluckte. „Weil ich dich anekle.“

Das Wort hing da, und ich hätte es am liebsten aus der Luft geschlagen. Ich setzte den Lippenstift ab, legte ihn auf das Nachttischchen, und ich merkte, wie mein Körper schon den Schalter suchte: funktionieren, Abstand, überleben. Ich zwang mich, sitzen zu bleiben.

„Nicht du“, sagte ich. „Nicht Sabine. Es ist… es ist mein Körper. Dieser Geruch, diese Angst, dass ich… dass ich etwas kaputt mache. Dass ich zusammenbreche. Ich hasse mich dafür. Jeden Tag.“

Sabine sah mich lange an, und ich dachte, jetzt kommt Wut, jetzt kommt diese letzte scharfe Klarheit, die einen zerstört. Aber es kam etwas anderes. Sie hob ganz langsam ihre Hand und legte sie auf meine, so leicht, als würde sie testen, ob ich da bleibe.

„Ich habe auch Angst“, sagte sie. „Nicht vor dir. Vor dem Wegsein. Vor dem, was von mir übrig bleibt.“

Ich nickte, und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, ohne dass ich sie stoppen konnte. „Es ist so ungerecht“, brachte ich raus. „Ich will dich. Ich will dich so sehr. Und dann… macht mein Körper so einen Mist.“

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