Ich gab meinem Kater über 700 Tabletten und mehr als 100 Spritzen, um ihn zu retten. Doch seine letzte Behandlung brach mir das Herz.
„Frau Weber, Sie müssen sich heute nicht sofort entscheiden.“
Die Tierärztin sprach ganz leise. Vor ihr auf dem Behandlungstisch lag mein Kater Moritz, eingewickelt in seine alte blaue Decke.
Ich hielt seine Pfote fest. Sie war so dünn geworden, dass ich kaum glauben konnte, dass sie einmal zu dem kräftigen Kater gehört hatte, der nachts über mein Bett getrampelt war.
„Gibt es denn wirklich gar nichts mehr?“, fragte ich.
Die Tierärztin sah mich lange an.
„Wir können noch einiges versuchen. Aber wir müssen uns fragen, was wir Moritz damit zumuten.“
Ich schaute auf meinen Kater.
Er war elf Jahre alt. Fast zwei davon hatte er gegen den Krebs gekämpft.
Und ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich noch für ihn kämpfte oder nur gegen meine Angst, ihn zu verlieren.
Mein Name ist Monika Weber. Ich bin 59 Jahre alt und wohne allein in einer kleinen Mietwohnung in Bonn.
Seit meiner Scheidung war Moritz derjenige, der immer da war.
Wenn ich abends von der Arbeit kam, saß er hinter der Wohnungstür. Manchmal hörte ich sein Miauen schon im Treppenhaus.
Er schlief neben meinem Kopfkissen, beobachtete mich beim Kochen und setzte sich grundsätzlich auf die Zeitung, sobald ich sie lesen wollte.
Für andere war er vielleicht nur ein rot getigerter Hauskater.
Für mich war er Familie.
Vor knapp zwei Jahren entdeckte ich einen kleinen Knoten an seinem Bauch.
Ich dachte zunächst an etwas Harmloses.
Dann kamen die Untersuchungen. Blutabnahmen, Ultraschall, weitere Termine.
Schließlich saß ich in einem Behandlungszimmer und hörte das Wort Krebs.
Die Tierärztin erklärte mir die Möglichkeiten. Sie versprach nichts, machte mir aber auch keine falschen Hoffnungen.
Ich weiß noch, dass ich auf Moritz‘ Transportbox starrte und plötzlich anfing zu weinen.
Er saß darin und schaute mich an, als wollte er wissen, warum wir noch nicht nach Hause fuhren.
An diesem Tag begann unser neues Leben.
In meiner Küche standen bald mehr Medikamentenschachteln als Gewürze.
Ich schrieb die Einnahmezeiten auf einen Zettel, den ich an den Kühlschrank klebte.
Morgens vor der Arbeit gab es die ersten Tabletten. Abends folgten die nächsten.
Manche versteckte ich in kleinen Stückchen Leberwurst. Andere musste ich ihm vorsichtig direkt geben.
Es gab Tage, an denen er alles wieder ausspuckte.
Dann saß ich auf dem Küchenboden und versuchte es noch einmal.
„Komm, mein Großer“, sagte ich. „Nur noch diese eine.“
Er schaute mich an.
Manchmal schluckte er schließlich.
Manchmal drehte er einfach den Kopf weg.
Ich konnte es ihm nicht verdenken.
Über die gesamte Behandlungszeit bekam Moritz mehr als 700 Tabletten und über 100 Spritzen. Dazu kamen unzählige Untersuchungen und acht Chemotherapiezyklen.
Jede weitere Behandlung besprach ich mit der Tierärztin.
Wir achteten darauf, ob er noch fraß, sich putzte und Interesse an seiner Umgebung zeigte.
Denn ich wollte nicht nur mehr Zeit mit ihm.
Ich wollte gute Zeit.
Das redete ich mir jedenfalls immer wieder ein.
Nach dem vierten Chemotherapiezyklus ging es ihm tatsächlich besser.
Eines Morgens saß er wieder auf der Fensterbank.
Er hatte die Augen geschlossen und hielt seine Nase ans Fenster, so wie früher.
Ich stand mit meiner Kaffeetasse in der Küchentür und konnte mich nicht bewegen.
Zum ersten Mal seit Wochen sah er aus wie mein alter Moritz.
Ich fing an zu weinen.
Diesmal vor Erleichterung.
„Wir schaffen das“, flüsterte ich.
Und für einige Wochen glaubte ich wirklich daran.
Er fraß wieder etwas mehr. Er kam mir entgegen, wenn ich die Wohnungstür öffnete.
Einmal sprang er sogar auf das Sofa.
Ich erschrak so sehr, dass ich laut seinen Namen rief.
Er sah mich empört an, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem erwischt.
Ich lachte.
Es war das erste unbeschwerte Lachen seit langer Zeit.
Aber die guten Wochen hielten nicht an.
Irgendwann blieb sein Napf morgens unangetastet.
Dann wollte er auch seine Lieblingsleckerlis nicht mehr.
Er nahm weiter ab.
Beim Streicheln spürte ich jede einzelne Rippe.
Nachts schlief ich auf dem Sofa, weil Moritz nicht mehr auf mein Bett springen konnte.
Sein Körbchen stand direkt neben mir.
Oft wachte ich alle zwei Stunden auf und kontrollierte, ob er ruhig atmete.
Manchmal hob er müde den Kopf.
Dann streichelte ich ihn und sagte: „Schlaf weiter, mein Junge.“
Am schlimmsten waren die Abende nach der Arbeit.
Früher war er sofort gekommen, sobald mein Schlüssel im Schloss steckte.
Später dauerte es länger.
Ich hörte ein leises Scharren aus dem Flur.
Dann erschien er, langsam und unsicher auf den Beinen.
Er kam trotzdem.
Jedes Mal.
Und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass er es nur noch tat, weil er wusste, wie sehr ich darauf wartete.
An einem Dienstag setzte er sich nicht mehr auf.
Ich öffnete eine Dose Futter.
Keine Reaktion.
Ich kniete mich neben ihn.
„Moritz?“
Er blinzelte kurz.
Dann schloss er wieder die Augen.
Ich rief in der Tierarztpraxis an und bekam einen Termin.
Die Untersuchung zeigte, dass die Krankheit weiter fortgeschritten war.
Es gab noch Möglichkeiten, einzelne Beschwerden zu behandeln.
Aber eine dauerhafte Besserung war nicht mehr zu erwarten.
Die Tierärztin setzte sich neben mich.
„Frau Weber, Moritz hat sehr viel durchgemacht.“
Ich nickte.
„Und Sie haben sich wirklich intensiv um ihn gekümmert.“
Ich nickte wieder.
Dann sagte sie etwas, das ich niemals vergessen werde.
„Vielleicht müssen Sie ihn jetzt nicht mehr bitten, noch weiterzukämpfen.“
Ich brach in Tränen aus.
Denn irgendwo tief in mir hatte ich genau das längst befürchtet.
Ich hatte Angst vor einer Wohnung ohne ihn.
Vor dem leeren Platz auf dem Sofa.
Vor den Nächten, in denen niemand mehr neben meinem Kopfkissen schnurrte.
Ich hatte Angst davor, nach elf gemeinsamen Jahren wieder vollkommen allein zu sein.
Und diese Angst hatte ich möglicherweise mit Hoffnung verwechselt.
Wir sprachen lange über seinen Zustand und darüber, ob weitere Behandlungen ihm noch Lebensqualität geben konnten.
Am Ende entschieden wir gemeinsam, ihn friedlich einschlafen zu lassen.
Ich bat darum, bei ihm bleiben zu dürfen.
Die Tierärztin nickte.
Ich nahm Moritz in meine Arme und wickelte ihn in seine blaue Decke.
Seinen Kopf legte ich an meine Brust.
„Du musst nicht mehr“, flüsterte ich. „Du hast genug gekämpft.“
Er öffnete noch einmal seine goldbraunen Augen.
Ich weiß nicht, was er in diesem Moment verstand.
Aber er kannte meine Stimme.
Und er blieb ganz ruhig.
„Ich hab dich lieb, mein Junge.“
Die Tierärztin gab ihm zunächst ein Beruhigungsmittel. Ich hielt ihn fest, während er immer schläfriger wurde.
Später folgte die letzte Spritze.
Es ging friedlich.
Kein Kampf.
Kein Aufbäumen.
Nur ein letzter Atemzug.
Dann war mein Moritz fort.
Ich saß noch lange mit ihm dort.
Die Tierärztin ließ mir die Zeit.
Schließlich musste ich ihn aus meinen Armen geben.
Und damit begann etwas, auf das mich niemand vorbereitet hatte.
Der Abschied war furchtbar gewesen.
Aber das Heimkommen war fast noch schlimmer.
Als ich meine Wohnungstür öffnete, hörte ich nichts.
Kein Miauen.
Keine kleinen Schritte auf dem Laminat.
Ich stellte meine Schlüssel in die Schale und wartete.
Es war vollkommen unsinnig.
Ich wusste, dass Moritz nicht kommen würde.
Trotzdem wartete ich.
Auf der Küchenarbeitsplatte stand noch seine Medikamentenbox.
Für den Abend war eine letzte Tablette vorbereitet.
Ich nahm sie heraus und hielt sie zwischen zwei Fingern.
Dann setzte ich mich auf den Boden und weinte.
In dieser Nacht wurde ich um zwei Uhr wach.
Mein Körper war daran gewöhnt.
Nach fast zwei Jahren musste ich plötzlich niemandem mehr Medikamente geben, Wasser anbieten oder die Decke zurechtrücken.
Ich ging trotzdem ins Wohnzimmer.
Sein Körbchen stand neben dem Sofa.
Darin lag ein einzelnes orangefarbenes Haar.
Ich strich mit dem Finger darüber.
Und plötzlich tat mir die Stille körperlich weh.
Zwei Tage später ging ich wieder arbeiten.
Ich saß im Büro eines kleinen Handwerksbetriebs und versuchte, Rechnungen zu bearbeiten.
Eine Kollegin fragte, ob es mir besser gehe.
„Mein Kater ist gestorben“, sagte ich.
Sie wirkte betroffen.
„Ach, Monika. Das tut mir leid. Aber wenigstens muss er jetzt nicht mehr leiden.“
Ich wusste, dass sie es gut meinte.
Trotzdem brachte ich kaum ein Wort heraus.
In der Mittagspause sagte ein anderer Kollege: „Deshalb würde ich mich nie so an ein Tier gewöhnen.“
Ich schaute ihn an.
Er zuckte mit den Schultern.
„Man macht sich doch nur unglücklich.“
Vielleicht war das für ihn eine vernünftige Einstellung.
Für mich klang es, als wäre die Liebe zu Moritz ein Fehler gewesen.
Später meinte jemand, wenigstens würden jetzt die hohen Tierarztkosten wegfallen.
Auch das war vermutlich nicht böse gemeint.
Aber es traf mich.
Ja, die Behandlungen hatten viel Geld gekostet.
Ich hatte auf Urlaub verzichtet, Anschaffungen verschoben und monatelang jeden Euro zweimal umgedreht.
Ich wusste selbst, wie hoch die Rechnungen waren.
Nur hatte ich nie erwartet, dass sich meine Liebe zu Moritz in Euro berechnen lassen müsste.
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