Er war elf Jahre lang an meiner Seite gewesen.
Er hatte neben mir geschlafen, als meine Ehe zerbrach.
Er hatte auf meinem Schoß gelegen, als ich nach dem Tod meiner Mutter tagelang kaum mit jemandem sprechen konnte.
Er war da gewesen, wenn ich erschöpft nach Hause kam.
Und an all den gewöhnlichen Tagen, über die niemand später spricht.
Wie hätte ich das in Zahlen ausdrücken sollen?
Eine Woche nach seinem Tod stellte ich ein altes Foto von ihm ins Internet.
Darauf lag Moritz auf der Fensterbank.
Er war damals noch kräftig und hatte seine Vorderpfoten unter dem Bauch versteckt.
Ich schrieb nur, dass ich ihn vermisste.
Dass er tapfer gewesen war.
Und dass ich hoffte, die richtigen Entscheidungen für ihn getroffen zu haben.
Viele Menschen antworteten freundlich.
Einige erzählten von ihren eigenen Tieren.
Doch dann kamen auch andere Kommentare.
Jemand schrieb, er hätte niemals eine Chemotherapie bei einer Katze machen lassen.
Ein anderer meinte, man müsse immer bis zum natürlichen Ende warten.
Wieder jemand fragte, ob ich Moritz nicht viel zu lange hatte leiden lassen.
Ich starrte auf den Bildschirm.
Genau diese Frage hatte ich mir selbst unzählige Male gestellt.
Hatte ich zu lange gewartet?
Oder zu früh losgelassen?
Ich kannte jede seiner Bewegungen.
Ich wusste, wann er Hunger hatte und wann ihm übel war.
Ich erkannte an seinem Miauen, ob er Aufmerksamkeit wollte oder Schmerzen hatte.
Trotzdem konnte ich nicht mit Sicherheit wissen, was er sich gewünscht hätte.
Und fremde Menschen, die ihn nie gesehen hatten, schienen sich vollkommen sicher zu sein.
Noch am selben Abend löschte ich den Beitrag.
Danach ärgerte ich mich über mich selbst.
Warum ließ ich Menschen, die Moritz nicht kannten, so viel Macht über meine Erinnerungen?
Drei Tage später kam ein Brief von der Tierarztpraxis.
Ein schlichter Umschlag.
Darin lag eine Karte, die mehrere Mitarbeiter unterschrieben hatten.
Sie erinnerten sich an Moritz, an seine Geduld bei den Untersuchungen und daran, wie ruhig er oft gewesen war.
Am Ende stand ein handgeschriebener Satz:
„Man konnte bei jedem Besuch sehen, wie lieb Sie Ihren Moritz hatten.“
Ich saß am Küchentisch und weinte.
Nicht, weil mir jemand sagte, dass ich alles richtig gemacht hatte.
Das konnte schließlich niemand mit völliger Sicherheit behaupten.
Sondern weil jemand verstanden hatte, wie viel Moritz mir bedeutete.
Etwa zehn Tage nach seinem Tod durfte ich seine Asche abholen.
Die Mitarbeiterin überreichte mir eine kleine Holzurne.
Ich hielt sie mit beiden Händen.
Sie war erschreckend leicht.
Im Auto legte ich sie auf die blaue Decke, die noch auf dem Beifahrersitz lag.
Ich saß einige Minuten da und konnte den Motor nicht starten.
Elf Jahre.
Elf Jahre voller Erinnerungen.
Und jetzt passte alles, was körperlich von ihm geblieben war, in eine kleine Holzurne.
Zu Hause stellte ich sie neben sein Foto ins Wohnzimmerregal.
Dann sagte ich laut:
„So, mein Junge. Jetzt bist du wieder zu Hause.“
Zum ersten Mal seit seinem Tod musste ich dabei nicht sofort weinen.
Ich stand einfach da.
Und betrachtete sein Foto.
In den folgenden Wochen merkte ich, wie viele kleine Dinge mit seinem Leben verbunden gewesen waren.
Ich stellte morgens keinen zweiten Napf mehr hin.
Beim Einkaufen blieb ich manchmal vor dem Katzenfutter stehen.
Abends öffnete ich die Schlafzimmertür immer noch vorsichtig, weil ich jahrelang darauf geachtet hatte, ihn nicht dahinter einzuklemmen.
Seine Medikamente entsorgte ich nach Rücksprache mit der Praxis.
Die unbenutzten Spritzen gab ich ebenfalls dort ab.
Aber sein Körbchen blieb stehen.
Und die blaue Decke lag weiterhin auf dem Sofa.
Einmal fand ich beim Putzen einen Schnurrbartfaden von ihm.
Ich hob ihn vorsichtig auf und legte ihn in eine kleine Schachtel.
Früher hätte ich über jemanden gelächelt, der so etwas aufbewahrt.
Jetzt verstand ich es.
Wenn ein Wesen so lange Teil des eigenen Alltags gewesen ist, werden selbst die kleinsten Spuren kostbar.
Eines Tages fragte mich eine Bekannte, ob ich mir nicht einfach eine neue Katze holen wolle.
„Du hast doch noch alles da“, sagte sie.
Ich wusste, dass sie mir helfen wollte.
Aber Moritz war kein Platz, den man einfach wieder besetzen konnte.
Vielleicht würde irgendwann eine andere Katze bei mir einziehen.
Vielleicht auch nicht.
Damals war ich jedenfalls noch nicht so weit.
Ungefähr einen Monat nach seinem Tod nahm ich seine blaue Decke in die Hand.
Ich hatte sie seit dem letzten Tierarztbesuch nicht gewaschen.
Sie roch noch schwach nach ihm.
Ich stand lange vor der Waschmaschine.
Dann legte ich sie hinein.
Während die Maschine lief, saß ich auf einem Küchenstuhl und hörte ihr zu.
Als ich die saubere Decke herausnahm, vergrub ich mein Gesicht darin.
Sein Geruch war verschwunden.
Und wieder musste ich weinen.
An diesem Nachmittag verstand ich, dass Trauer nicht mit einem einzigen Abschied vorbei ist.
Man verabschiedet sich immer wieder.
Von einem Geruch.
Von einer Gewohnheit.
Von einem Geräusch.
Von einer kleinen Hoffnung, die man längst für unmöglich gehalten hat.
Einige Tage später packte ich das ungeöffnete Futter und ein paar saubere Decken in einen Karton.
Ich fuhr damit zu einer kleinen privaten Katzenhilfe am Stadtrand von Bonn.
Eine ältere Frau nahm die Sachen entgegen.
Sie bedankte sich und fragte, ob ich selbst eine Katze hätte.
Ich zögerte.
„Ich hatte einen Kater“, sagte ich. „Moritz.“
Sie sah mich an.
„Ist er gestorben?“
Ich nickte.
„Vor ein paar Wochen.“
Die Frau stellte den Karton ab.
„Dann erzählen Sie mir doch etwas von ihm.“
Dieser einfache Satz traf mich völlig unvorbereitet.
Wir standen eine ganze Weile im Flur.
Ich erzählte ihr, wie Moritz früher sämtliche Einkaufstüten kontrolliert hatte.
Wie er immer auf meinem frisch gewaschenen Pullover schlafen wollte.
Wie er sich einmal vor einem Staubsauger erschrocken hatte und anschließend beleidigt hinter dem Sofa geblieben war.
Die Frau lächelte.
Und ich lächelte auch.
Zum ersten Mal konnte ich ausführlich von Moritz erzählen, ohne dass die letzten Monate seiner Krankheit alles andere überdeckten.
Auf dem Heimweg weinte ich trotzdem.
Aber es fühlte sich anders an.
Die Trauer war noch da.
Nur war zwischen all den schweren Erinnerungen wieder etwas Platz für die schönen entstanden.
Heute steht Moritz‘ Urne immer noch neben seinem Foto.
Sein Körbchen habe ich irgendwann weggeräumt.
Die blaue Decke liegt zusammengefaltet im Schrank.
Seinen kleinen Schnurrbartfaden bewahre ich in der Schachtel auf.
Manchmal denke ich noch an die letzten Stunden in der Tierarztpraxis.
Ich frage mich, ob ich irgendein Zeichen übersehen habe.
Ob wir früher hätten aufhören sollen.
Ob es doch noch eine gute Woche hätte geben können.
Diese Fragen werden mich vielleicht immer begleiten.
Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich die Entscheidungen nicht allein getroffen habe.
Dass die Tierärztin uns ehrlich begleitet hat.
Dass wir immer wieder geprüft haben, ob Moritz noch Freude an seinem Leben hatte.
Und dass ich ihn am Ende nicht allein gelassen habe.
Neulich kam ich abends von der Arbeit und stellte meine Schlüssel wie immer in die Schale neben der Tür.
Für einen winzigen Moment glaubte ich, ein leises Scharren im Flur zu hören.
Ich drehte mich um.
Natürlich war niemand da.
Ich ging ins Wohnzimmer und betrachtete Moritz‘ Foto.
„Du fehlst mir, mein Großer“, sagte ich.
Dann fiel mein Blick auf die Fensterbank.
Dort hatte er so viele Jahre gesessen und die Menschen auf der Straße beobachtet.
Ich erinnerte mich an seinen dicken Bauch, seine goldbraunen Augen und daran, wie er mich manchmal mit einer einzigen Pfote davon abhielt, die Zeitung umzublättern.
Und ich musste lächeln.
Nicht, weil der Schmerz verschwunden war.
Sondern weil mir endlich wieder einfiel, dass Moritz‘ Leben aus viel mehr bestanden hatte als aus seiner Krankheit.
Aus elf gemeinsamen Jahren.
Aus tausend kleinen Gewohnheiten.
Aus warmen Pfoten auf meiner Bettdecke und einem vertrauten Miauen hinter der Tür.
Ich hätte mir gewünscht, ihn noch viele Jahre bei mir zu haben.
Aber wenn ich noch einmal entscheiden könnte, ob ich ihn damals als kleines Kätzchen zu mir nehme, obwohl ich heute weiß, wie schwer unser Abschied werden würde, müsste ich nicht lange überlegen.
Ich würde ihn wieder mit nach Hause nehmen.
Ich würde ihn wieder Moritz nennen.
Ich würde wieder über seine Haare auf meiner Kleidung schimpfen und ihm trotzdem den besten Platz auf dem Sofa überlassen.
Und ich würde ihn wieder lieben.
Bis zu dem Tag, an dem ich ihn nicht mehr festhalten kann.
Denn eines habe ich in diesen schmerzhaften Monaten gelernt:
Manchmal besteht der letzte Liebesbeweis nicht darin, jemanden noch länger bei sich zu behalten, sondern darin, ihn gehen zu lassen, obwohl man selbst noch nicht bereit ist.
Moritz musste nicht mehr kämpfen.
Und ich durfte langsam lernen, ohne ihn weiterzuleben.
Das war unser letzter gemeinsamer Weg.
Und so schwer er auch war, ich bin dankbar, dass ich ihn bis zum Ende begleiten durfte.






