Ich sagte immer „später“, bis mein Sohn fragte, ob er überhaupt noch groß wird

Werner öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah an mir vorbei zum Haus.

Ich wartete nicht auf eine Antwort.

Am nächsten Nachmittag lag ein Stück Papier in unserem Briefkasten. Darauf standen vier Adressen in Werners enger, kantiger Schrift.

Ein kleiner Hof mit Ponys. Eine Stelle am Kanal, an der man Schiffe sehen konnte. Ein Garten mit großen Eisenbahnmodellen. Ein Parkplatz nahe am Schmetterlingshaus.

Unter der letzten Adresse stand: „Von dort nur kurzer Weg bis zum Eingang.“

Ich blieb mit dem Zettel vor dem Briefkasten stehen.

Werner war in seinem Garten. Er tat, als müsse er dringend etwas an seiner Schubkarre überprüfen.

„Woher hast du die?“, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Hab telefoniert.“

„Danke.“

„Der Junge soll doch auch was sehen.“

Mehr sagte er nicht. Aber von diesem Tag an stellte er seine Mülltonnen so, dass ich den Bus leichter aus der Einfahrt bekam.


Wir wurden gut darin, aus wenig einen Ausflug zu machen.

Eine halbe Stunde am Kanal konnte reichen. Manchmal war Paul nach zehn Minuten müde, und wir fuhren wieder heim. Dann erklärte ich den Weg durch die Unterführung zur besonderen Rückfahrt, weil der Motor dort so schön brummte.

Er liebte das.

„Noch mal den Tunnel!“

„Einmal noch.“

Manche Tage bestanden aus Behandlung, Warten und Erschöpfung. Dann blieb der Bus stehen. Ich lernte, keine Fahrt zu versprechen, bevor wir wussten, wie es Paul ging.

Das fiel mir schwerer, als ich zugeben wollte.

Ich wollte ihm endlich alles geben, was ich aufgeschoben hatte. Dabei merkte ich anfangs nicht, dass auch dieses Alles zu viel sein konnte.

Miriam machte Fotos. Nicht nur von Ausflügen, sondern auch von Pauls Händen auf dem Frühstückstisch, seinen Schuhen im Flur und dem Abdruck seiner Wange auf meinem Pullover, wenn er eingeschlafen war.

Ich fragte einmal, warum sie ausgerechnet die Schuhe fotografierte.

Sie sah mich lange an.

Danach fragte ich nicht mehr.

In unserer kleinen Stadt erfuhren nach und nach einige Menschen, was los war. Die Frau beim Bäcker legte Paul manchmal ein kleines Milchbrötchen zurück. Am Hof stellte jemand einen Stuhl direkt an den Zaun, damit er die Ponys anschauen konnte, ohne stehen zu müssen.

Nicht jeder wusste, was er sagen sollte.

Eine Bekannte wechselte im Laden den Gang, nachdem sie uns gesehen hatte. Früher hätte ich ihr das übel genommen. Jetzt verstand ich zum ersten Mal, dass Menschen manchmal aus Hilflosigkeit feige wirken.

Werner fragte überhaupt nicht mehr, wie es uns ging.

Er fragte: „Was braucht ihr heute?“

Einmal brauchten wir Brot. Einmal jemanden, der ein Paket annahm. Einmal brauchte ich zehn Minuten, in denen ich in seiner Küche sitzen und kein Wort sagen musste.

Er stellte zwei Tassen hin.

Wir tranken den Kaffee kalt.


Einige Wochen lang ging es Paul etwas besser.

Er aß wieder mehr, stritt mit Miriam darüber, ob Gummistiefel auch im Wohnzimmer nötig seien, und lachte, wenn ich beim Einsteigen den Kopf einzog.

„Papa zu groß. Bus zu klein.“

Ich erwischte mich dabei, wie ich im Kalender nach einem Termin im nächsten Frühjahr sah.

Nur für einen Augenblick.

Dann begann seine linke Hand, ihm nicht mehr richtig zu gehorchen.

Der Buntstift fiel ihm herunter. Beim Frühstück wurde er wütend, weil er sein Brot nicht halten konnte. Er schlug mit der rechten Hand auf den Tisch und schrie: „Die blöde Hand soll aufhören!“

Miriam setzte sich neben ihn. Sie versuchte nicht, ihn sofort zu beruhigen.

„Ja“, sagte sie leise. „Das ist richtig blöd.“

Ich stand an der Spüle und presste einen Lappen aus, obwohl kein Wasser mehr darin war.

Später wollte Paul zum Schmetterlingshaus. Ich hatte die Fahrt schon wieder abgesagt, als er mich daran erinnerte.

„Die Kartoffel mit Flügeln fehlt noch.“

Miriam und ich sahen uns an. Dann lachten wir beide, und Paul lachte mit, ohne genau zu wissen, warum.

Wir fuhren an einem Vormittag, an dem er genug Kraft hatte. Miriam schob ihn in einem geliehenen Wagen durch die warmen Räume. Ich ging nebenher und trug seine Jacke.

Ein gelber Schmetterling setzte sich auf die Lehne.

Paul hielt ganz still.

„Der wartet“, flüsterte er.

„Worauf?“, fragte ich.

„Bis meine Hand wieder kann.“

Ich wusste nichts darauf zu sagen. Also kniete ich mich neben ihn und blieb dort, bis der Schmetterling weiterflog.


Mit der Zeit wurde aus unserer Liste etwas, das mich nachts wach hielt.

Wir hatten inzwischen dreiundvierzig Bilder, Wörter und krumme Striche gesammelt. Einige Ziele waren leicht. Andere hatte Paul nur aus einem Bilderbuch im Kopf.

Ich saß am Küchentisch, rechnete Fahrzeiten aus und überlegte, was wir miteinander verbinden konnten. Wenn wir früh losfuhren, könnten wir vielleicht erst zu den Zügen und danach noch zum Tiergehege.

Miriam legte eines Abends ihre Hand auf das Papier.

„Hör auf.“

„Ich gucke doch nur.“

„Nein. Du versuchst, schneller zu sein.“

Ich zog die Liste unter ihrer Hand hervor. „Und was soll ich sonst machen? Danebensitzen?“

Sie wurde ganz still.

Dann sagte sie: „Manchmal ja.“

Am nächsten Tag hatte ich den Bus schon vorgefahren, als Paul den Kopf schüttelte. Er saß auf dem Sofa, den Stoffbus auf dem Bauch.

„Heute nicht.“

„Wir wollten doch zu den Zügen.“

„Weiß ich.“

„Da freust du dich doch drauf.“

Miriam stand in der Küchentür. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen.

Paul sah mich an.

„Kannst du heute hier Papa sein?“

Ich nahm die Jacke wieder aus seiner Hand.

Danach saß ich zwei Stunden auf dem Teppich. Wir schoben den Stoffbus zwischen meinen Beinen hindurch, und ich machte das Geräusch der Unterführung.

Zum ersten Mal verstand ich, dass ich auf unserer Liste etwas suchte, das dort nicht stand.

Einen Beweis, dass ich genug getan hatte.

Paul brauchte diesen Beweis nicht.

Er brauchte mich.


Als seine Augen schlechter wurden, beschrieb ich ihm die Dinge unterwegs.

Den Mann mit den drei Einkaufstaschen. Das Pony, das immer am selben Zaun stand. Werners schiefen Gartenzwerg, den Paul schon früher ausgelacht hatte.

„Der hat immer noch die rote Mütze“, sagte ich.

„Der braucht mal eine andere.“

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