Ich sagte immer „später“, bis mein Sohn fragte, ob er überhaupt noch groß wird

„Sag das Werner.“

„Nee. Der schimpft.“

Am nächsten Tag stand der Gartenzwerg mit einer winzigen blauen Stoffmütze vor dem Tor.

Miriam hatte Werner davon erzählt.

Paul konnte die Mütze aus der Nähe erkennen. Er lachte so lange, dass wir noch eine Minute vor dem Haus stehen blieben.

Es gab auch Fragen, auf die wir keine Antwort fanden.

Eines Abends wollte er wissen, ob man im Himmel müde sei. Ein anderes Mal fragte er, ob wir ihn dort abholen könnten.

Ich saß auf seiner Bettkante und hatte plötzlich Angst vor jedem Wort.

„Ich weiß nicht genau, wie das ist“, sagte ich.

„Aber ihr vergesst mich nicht?“

Ich beugte mich zu ihm.

„Nein, Paul. Das machen wir nicht.“

Er prüfte mein Gesicht, als wollte er sehen, ob ich es wirklich ernst meinte. Dann schob er mir seinen Stoffbus hin.

„Der muss dann bei dir bleiben.“


Nach einem schlimmen Morgen mussten wir noch einmal in die Klinik.

Diesmal sprachen wir lange darüber, wie Paul möglichst viel Zeit zu Hause verbringen konnte. Eine Pflegekraft kam später regelmäßig zu uns. Sie kannte sich mit Dingen aus, vor denen Miriam und ich solche Angst hatten, dass wir sie kaum aussprechen konnten.

Der Bus blieb jetzt häufiger stehen.

Manchmal saßen wir nur darin. Die Schiebetür war offen, Miriam brachte Tee, und Werner erzählte Paul von einem Lastwagen, den er früher einmal repariert hatte.

Die Geschichte wurde bei jedem Besuch länger.

Paul bemerkte es. „Gestern waren es zwei kaputte Räder.“

Werner nickte ungerührt. „Das dritte hab ich erst heute entdeckt.“

Eines Abends fand Miriam auf unserer Liste ein Bild, das wir nie verstanden hatten. Drei schwarze Striche, daneben ein breiter blauer.

Sie fragte Paul danach.

„Wo Papa sitzt, wenn er allein ist“, sagte er.

Ich wusste sofort, welchen Ort er meinte.

Hinter dem alten Gewerbegebiet gab es eine stillgelegte Schleuse. Neben dem Wasser stand eine Bank. Früher war ich nach schwierigen Arbeitstagen manchmal dorthin gefahren, bevor ich nach Hause ging.

Ich hatte Paul einmal davon erzählt. Dass man dort die großen Schiffe sehen konnte, ohne viel laufen zu müssen.

„Da willst du hin?“

Er nickte.

Ich sah Miriam an. Sie sah erst Paul an, dann mich.

„Wenn morgen ein guter Tag ist“, sagte sie.

Es wurde ein guter Vormittag.

Wir packten alles ein, was Paul brauchte, und fuhren die kurze Strecke zur Schleuse. Werner hatte vorher nachgesehen, ob wir nahe an der Bank halten konnten.

Ich trug Paul die wenigen Meter. Miriam legte ein Kissen neben mich und setzte sich auf die andere Seite.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Dann fragte Paul: „Hier bist du alleine?“

„Manchmal.“

Er schob seine rechte Hand in meine.

„Jetzt nicht.“

Wir blieben, bis er müde wurde. Kein großes Schiff kam vorbei. Paul fragte auch nicht danach.

Auf der Rückfahrt schlief er ein.


Unsere letzte gemeinsame Busfahrt war es trotzdem nicht.

Drei Tage später wollte Paul noch einmal durch die Unterführung. Nur durch die Unterführung und wieder heim.

Miriam saß neben ihm. Ich fuhr langsam, und als das Brummen an den Wänden zurückkam, hob er kurz die Hand.

„Da“, sagte er.

Ich fuhr kein zweites Mal hindurch. Diesmal hatte er nicht darum gebeten.

In den folgenden Tagen blieb ich bei ihm im Zimmer. Manchmal wusste ich nicht, ob er mich hörte. Ich erzählte ihm trotzdem von unserem Bus, von den Ponys und von Werner, der angeblich schon wieder ein neues kaputtes Rad gefunden hatte.

Am letzten Morgen saß Miriam links neben seinem Bett und ich rechts.

Paul öffnete noch einmal die Augen. Sein Blick blieb kurz an mir hängen.

Ich machte leise unser Motorengeräusch.

Sein Mund bewegte sich.

Vielleicht wollte er antworten. Vielleicht war es nur ein Atemzug. Ich weiß es nicht.

Wenig später starb unser Sohn, während wir beide seine Hände hielten.


Bei der Beerdigung standen Männer aus meiner Werkstatt in dunklen Jacken, die an ihnen fremd aussahen.

Werner hatte seine Schuhe geputzt. Ich wusste nicht, warum mir ausgerechnet das auffiel. Vielleicht, weil ich ihn seit Jahren nur in seinen alten Arbeitsschuhen gesehen hatte.

Pauls Stoffbus blieb bei mir.

Miriam hatte ihn mir am Abend zuvor in die Hand gelegt. „Er hat es so gewollt.“

Nach der Beerdigung ging das Leben draußen weiter, ohne uns zu fragen.

Die Müllabfuhr kam. Im Supermarkt wurden die Regale umgeräumt. Irgendjemand beschwerte sich darüber, dass eine Straße gesperrt war.

Ich konnte über solche Sätze wütend werden. Danach schämte ich mich, weil ich früher selbst genau solche Sätze gesagt hatte.

Den Bus ließ ich stehen.

Sechs Wochen lang.

Einmal kam Werner mit einem Schlüssel vorbei. „Ich könnte ihn laufen lassen, damit er nicht nur rumsteht.“

„Nein.“

Er nickte und steckte den Schlüssel wieder ein.

Kein Vortrag. Kein Satz darüber, dass es weitergehen müsse.

Nur: „Dann ein andermal.“

Miriam und ich trauerten unterschiedlich. Sie wollte manchmal reden, wenn ich nicht konnte. Ich wollte manchmal schweigen, wenn sie das Schweigen nicht mehr aushielt.

Eines Abends sagte sie: „Ich vermisse dich auch, Martin.“

Da begriff ich, dass ich nicht der Einzige war, der jemanden verloren hatte.

Ich setzte mich neben sie.

Es wurde kein langes Gespräch. Aber ich blieb sitzen.


Das Bild fand ich, als ich endlich den Bus aufräumte.

Es war zwischen Sitzpolster und Seitenwand gerutscht. Ein blaues Rechteck, vier schwarze Räder, drei Köpfe hinter den Fenstern.

Darunter hatte Miriam geschrieben, was Paul ihr diktiert hatte:

„Papa fährt. Mama ist da. Ich auch.“

Ich saß auf der Stufe der Schiebetür und hielt das Blatt an den Ecken fest, damit ich es nicht zerknitterte.

Miriam fand mich dort.

Sie setzte sich neben mich und strich mit dem Daumen über den kleinen Kopf im hinteren Fenster.

„Das war nach der ersten Fahrt“, sagte sie.

Ich nickte.

Wir saßen lange da. Dann fragte ich, ob sie mit mir fahren wollte.

„Wohin?“

Ich sah auf das Bild.

„Bis zum Bäcker.“

Sie holte ihre Jacke.


Wir fahren inzwischen wieder mit dem Bus.

Nicht ständig. Und es gibt Tage, an denen ich schon beim Öffnen der Garage weiß, dass es heute nicht geht.

Pauls Liste liegt in einer Schublade. Manche Ziele sind abgehakt, andere werden es nicht mehr werden. Ich habe aufgehört, darin eine Aufgabe zu sehen, die ich noch fertig machen muss.

Das Bild steckt hinter der Sonnenblende.

Werner kommt manchmal mit zum Kanal. Er bringt eine Thermoskanne und behauptet, er sei ohnehin gerade auf dem Weg gewesen. Dabei liegt der Kanal in der entgegengesetzten Richtung zu allem, was er gewöhnlich erledigt.

Miriam nimmt immer noch Fotos auf.

Weniger als damals, aber ich gehe nicht mehr aus dem Bild.

Vor ein paar Wochen hielten wir vor unserer Garage. Ein kleiner Junge blieb mit seinem Vater auf dem Gehweg stehen und betrachtete den blauen Bus.

„Darf man da mal reingucken?“, fragte er.

Sein Vater wollte ihn schon weiterziehen. „Der Mann hat bestimmt keine Zeit.“

Ich stellte den Motor ab.

Dann öffnete ich die Schiebetür.

„Doch“, sagte ich. „Die hab ich.“

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