Ich stellte die Falle selbst und dieser verletzte Hund veränderte mein ganzes Leben

Kuno stand in der offenen Tür.

Sein Körper erstarrte.

Er ging rückwärts.

Immer weiter.

Bis er mit dem Rücken an der Wand stand und zitterte.

Ich hielt das Metall in meinen Händen und sah es plötzlich zum ersten Mal nicht als Werkzeug.

Ich sah auf die leere Stelle neben Kunos Brust.

Am nächsten Morgen nahm ich keine Ausrüstung mit in den Wald.

Auch am übernächsten nicht.

Jens fragte irgendwann: „Hörst du jetzt ganz auf?“

Kuno schlief neben dem Ofen.

„Ich weiß es nicht.“

„Rolf, du machst das seit Jahrzehnten.“

„Ich weiß.“

„Wegen eines einzigen Unfalls?“

Ich schaute zu Kuno.

„Für ihn war es kein kleiner Unfall.“

Jens schwieg.

Ich war nicht plötzlich ein anderer Mensch geworden.

Ich verurteilte auch nicht jeden, der andere Erfahrungen gemacht hatte.

Ich konnte nur meine eigenen Hände nicht mehr belügen.

Ich hatte das Ding aufgestellt.

Ich hatte nicht gewollt, dass ein Hund hineingeriet.

Aber meine Absicht hatte Kunos Bein nicht geschützt.

Wenige Tage später schleppte ich meine gesamte alte Ausrüstung vor die Werkstatt.

Stück für Stück machte ich sie unbrauchbar.

Bei manchen Teilen dachte ich an meinen Vater. Er hatte mir vieles davon beigebracht, und diese Erinnerungen verschwanden nicht nur deshalb, weil ich heute anders darüber dachte.

Dann kam das Stück Metall, das Kuno verletzt hatte.

Ich hielt inne.

In einer Kante steckten noch ein paar schwarze Haare.

Ich zog sie mit einer Zange heraus.

Dann zerlegte ich auch dieses Teil.

Kuno beobachtete mich von der Tür aus.

Als alles vorbei war, kam er langsam näher.

Er schnupperte.

Dann hob er sein Bein.

Ich musste zum ersten Mal seit Monaten richtig lachen.

Danach begann für uns beide ein anderes Leben.

Meine Ersparnisse reichten nicht ewig, und ich wollte nicht mehr so arbeiten wie früher. Also fing ich an, kleine Wandergruppen durch die Wälder zu führen.

Ich kannte jeden Wildwechsel, jede Baumart und fast jeden alten Forstpfad.

Früher hatte ich dieses Wissen anders benutzt.

Jetzt zeigte ich Familien Tierspuren, Schlafplätze von Rehen und Stellen, an denen man Wild beobachten konnte, ohne ihm zu nahe zu kommen.

Kuno kam auf den leichteren Touren mit.

Anfangs nur ein paar hundert Meter.

Dann einen Kilometer.

Später zwei.

Sein Lauf sah seltsam aus.

Drei Schritte.

Kurze Pause.

Drei Schritte.

Manchmal wirkte es, als würde er kontrolliert nach vorn fallen.

Aber er wurde stärker.

Kinder starrten natürlich auf das fehlende Bein.

„Was ist mit dem Hund passiert?“

Ich antwortete immer schlicht.

„Er ist in eine Falle geraten.“

Manche Erwachsenen wechselten dann schnell das Thema.

Kinder nicht.

„Hat das sehr wehgetan?“

„Ja.“

„Warst du dabei?“

Dann kam der schwierigste Teil.

„Die Falle war von mir.“

Viele Kinder sahen mich danach lange an.

Ich gewöhnte mich nie ganz daran.

Aber genau deshalb sagte ich es.

Ich wollte nicht der Mann sein, der aus der Geschichte einen Helden machte.

Ich hatte Kuno herausgetragen.

Aber ich hatte vorher auch dafür gesorgt, dass er überhaupt dort lag.

Mit der Zeit wurde seine Geschichte in unserer Gegend bekannt.

Ich wurde zu Gesprächsrunden eingeladen. Tierärzte und Förster tauschten Erfahrungen aus. Auch Menschen aus der Jagd kamen dazu.

Nicht alle waren meiner Meinung.

Das mussten sie auch nicht sein.

Mir war nur wichtig, dass niemand so tat, als gäbe es keine Risiken.

Ich erzählte immer dasselbe.

Nicht dramatischer.

Nicht schöner.

Ein Hund.

Ein rotes Halsband.

Ein stiller Blick.

Ein verlorenes Bein.

Nach mehreren Jahren wurden die Regeln für besonders starke Fangvorrichtungen in unserer Region deutlich verschärft. Einige Modelle durften in den betroffenen Bereichen schließlich gar nicht mehr eingesetzt werden.

Als ich davon erfuhr, war ich mit einer Wandergruppe unterwegs.

Kuno stand neben einem Farnbüschel und schnupperte.

Ich ging vor ihm in die Knie.

„Das war’s, Großer.“

Er legte den Kopf schief.

„Für andere wird es ein bisschen sicherer.“

Natürlich verstand er kein Wort.

Er sah nur, dass ich plötzlich weinte.

Also leckte er mir übers Kinn.

Die Leute hinter mir klatschten.

Kuno erschrak kurz und sah sich um, als hätte jemand einen Ast zerbrochen.

Dann lief er weiter.

Mit drei Beinen.

Kuno lebte noch viele Jahre bei mir.

Im Alter wurde er langsamer. Sein verbliebenes Vorderbein musste mehr tragen, und irgendwann schaffte er die langen Wege nicht mehr.

Also wurden aus fünf Kilometern zwei.

Aus zwei wurde einer.

Das störte ihn nicht.

Sobald ich meine Wanderschuhe anzog, hob er trotzdem den Kopf.

An einem seiner letzten guten Tage gingen Jens, Kuno und ich noch einmal zu der Stelle zurück, an der ich ihn gefunden hatte.

Ich hatte erwartet, dass er stehen bleiben würde.

Dass er etwas erkennen würde.

Kuno schnupperte kurz an einem Baum.

Dann lief er weiter.

Ich war erleichtert.

Vielleicht hatte er vergessen.

Ich nicht.

Und das war gut so.

Kuno wurde ungefähr sechzehn Jahre alt.

An seinem letzten Tag lag er auf meiner alten Jacke.

Genau jener Jacke, die ich ihm damals im Wald unter den Kopf geschoben hatte.

Seine Schnauze war fast weiß geworden.

Ich setzte mich zu ihm und legte die Hand auf seine Brust.

Jahrelang hatte ich überlegt, was ich ihm irgendwann sagen würde.

Am Ende waren es nur zwei Sätze.

„Es tut mir leid, dass ich das Ding aufgestellt habe.“

Sein Auge öffnete sich.

„Und ich bin froh, dass ich dich gefunden habe.“

Sein Schwanz bewegte sich einmal.

Ganz schwach.

Wie damals auf der Trage.

Später begrub ich ihn auf dem kleinen Hügel hinter meinem Haus.

Auf seinem Stein ist keine Falle zu sehen.

Ich wollte nicht, dass das, was ihn verletzt hatte, am Ende zum Symbol seines ganzen Lebens wurde.

Darauf sind nur drei Pfotenabdrücke.

Sie führen einen kleinen Hang hinauf.

Manche Leute erzählen die Geschichte heute so, als hätte ich Kuno gerettet.

Damit kann ich bis heute wenig anfangen.

Ich habe das Metall geöffnet.

Ich habe ihn getragen.

Ich habe seine Rechnungen bezahlt.

Ich habe ihm ein Zuhause gegeben.

Aber Kuno tat etwas mit mir, das schwerer war.

Er zwang mich, weiterzuleben, nachdem ich verstanden hatte.

Vorher konnte ich sagen: So habe ich es gelernt.

So habe ich es immer gemacht.

So schlimm wird es schon nicht sein.

Danach konnte ich das nicht mehr.

Jedes Mal, wenn ich Metall sah, dachte ich an sein rotes Halsband.

Jedes Mal, wenn jemand sagte, etwas könne „eigentlich nicht passieren“, dachte ich an einen Hund, der so lange gekämpft hatte, bis er nicht einmal mehr winseln konnte.

Also hörte ich auf.

Dann erzählte ich davon.

Andere erzählten ebenfalls.

Und irgendwann änderte sich tatsächlich etwas.

Heute führe ich noch immer gelegentlich Menschen durch den Wald.

Manchmal läuft irgendwo vor uns ein Familienhund zwischen den Bäumen.

Vier Beine.

Schwanz oben.

Der Besitzer ruft.

Der Hund dreht um und kommt zurück.

Dann gehen sie weiter.

Sie wissen nichts von Kuno.

Sie wissen nicht, was vor vielen Jahren unter einem Stück Laub verborgen lag.

Und vielleicht ist genau das das Beste daran.

Ich stellte damals eine Falle in den Wald.

Kuno geriet hinein.

Er verlor ein Bein.

Aber am Ende war ich derjenige, der in etwas festsaß.

In Gewohnheit.

In Ausreden.

In dem Satz: Das haben wir schon immer so gemacht.

Kuno kam auf drei Beinen aus diesem Wald.

Ich kam auf zwei heraus.

Und trotzdem war keiner von uns danach noch derselbe.

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