Ich kam nur zurück, um meine Zahnbürste zu holen, doch als ich unsere Katze vor ihrem leeren Napf sitzen sah, brach etwas in mir zusammen.
„Dann geh doch endlich! Aber erwarte nicht, dass ich dir wieder hinterherlaufe!“
Das waren die letzten Worte, die Thomas mir hinterherrief, bevor ich die Wohnungstür zuschlug.
Ich war so wütend, dass meine Hände zitterten. In meiner Reisetasche lagen ein paar Pullover, zwei Jeans, Unterwäsche und mein Ladekabel. Mehr hatte ich nicht mitgenommen.
Meine Zahnbürste lag noch im Badezimmer. Aber in diesem Moment war mir das völlig egal.
Ich wollte nur weg.
Weg von den ewigen Streitereien. Weg von den unbezahlten Rechnungen auf dem Küchentisch. Weg von einem Mann, mit dem ich zwölf Jahre meines Lebens geteilt hatte und mit dem ich inzwischen kaum noch ein vernünftiges Gespräch führen konnte.
Und dann war da noch unsere Katze.
Mimi.
Eine kleine, rotgetigerte Katze mit weißem Kinn, einem eingerissenen Ohr und diesen großen gelben Augen, die einen immer so ansahen, als könnte sie jedes Wort verstehen.
Als ich die Tür zuschlug, hatte sie sich unter den Wohnzimmertisch verkrochen.
Ich sah noch, wie ihr kleiner Schwanz zwischen den Tischbeinen verschwand.
Damals ahnte ich nicht, dass genau dieses Bild mich zwei Tage später auf dem Küchenboden zusammenbrechen lassen würde.
Ich heiße Sabine, bin 54 Jahre alt und arbeite seit fast zwanzig Jahren in einer Bäckerei in einer Kleinstadt bei Kassel.
Thomas ist 57. Früher war er Schlosser in einem mittelständischen Betrieb, inzwischen arbeitet er nach einer Rückenoperation überwiegend von zu Hause aus für einen kleinen Ersatzteilhändler.
Wir waren nie reich.
Aber wir hatten immer genug, um über die Runden zu kommen.
Unsere Dreizimmerwohnung war nicht besonders groß. Die Küchenmöbel stammten noch aus unserer ersten gemeinsamen Wohnung, das Sofa hatte durchgesessene Polster, und im Flur hing ein alter Spiegel, dessen Rahmen Thomas irgendwann selbst repariert hatte.
Trotzdem war es einmal unser Zuhause gewesen.
Sonntags tranken wir gemeinsam Kaffee. Thomas machte die Kreuzworträtsel in der Zeitung, während ich die Blumen auf dem Balkon versorgte.
Abends saßen wir manchmal einfach nebeneinander und schauten fern.
Und Mimi lag zwischen uns.
Sie war vor sechs Jahren zu uns gekommen.
Damals hatte eine Nachbarin ein kleines Katzenjunges gefunden, das hinter den Mülltonnen saß. Dünn, schmutzig und so verängstigt, dass es nicht einmal miauen konnte.
Thomas hatte eigentlich keine Katze gewollt.
„Die machen doch nur alles kaputt“, hatte er gesagt.
Drei Tage später erwischte ich ihn dabei, wie er auf dem Küchenboden saß und Mimi kleine Stückchen gekochtes Hühnchen aus der Hand fütterte.
„Aber sag bloß keinem, dass ich sie verwöhne“, murmelte er.
Ich hatte gelacht.
Das war früher oft so gewesen.
Wir hatten viel gelacht.
Irgendwann hörte das auf.
Nicht plötzlich. Nicht wegen eines einzigen schlimmen Ereignisses.
Es verschwand langsam, zwischen Frühschichten, Arztterminen, steigenden Nebenkosten und müden Abenden.
Thomas hatte ständig Schmerzen im Rücken. Ich kam oft erst nach Hause, wenn ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war.
Manchmal war ich schon genervt, bevor er überhaupt etwas sagte.
Und er fühlte sich ständig angegriffen.
Wenn ich fragte, warum der Müll noch nicht draußen war, hörte er darin einen Vorwurf.
Wenn er wissen wollte, warum ich schon wieder Geld ausgegeben hatte, fühlte ich mich kontrolliert.
Aus Kleinigkeiten wurden Streitereien.
Aus Streitereien wurde Schweigen.
Und irgendwann wussten wir beide nicht mehr, wie wir aus diesem Kreislauf herauskommen sollten.
An jenem Abend ging es eigentlich nur um eine Rechnung.
Eine Nachzahlung für die Heizung.
Thomas hatte den Brief auf den Küchentisch gelegt und gesagt: „Wir müssen endlich vernünftig mit unserem Geld umgehen.“
Ich hatte gerade zehn Stunden gearbeitet.
„Willst du damit sagen, ich werfe unser Geld zum Fenster raus?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber gemeint.“
Dann ging alles ganz schnell.
Wir warfen uns Dinge an den Kopf, die jahrelang unausgesprochen geblieben waren.
Er sagte, ich würde ihn nur noch kritisieren.
Ich sagte, ich hätte das Gefühl, allein für alles verantwortlich zu sein.
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Ich fing an zu weinen.
Und schließlich sagte ich einen Satz, den ich selbst kaum glauben konnte.
„Ich kann das nicht mehr. Ich gehe.“
Thomas stand im Türrahmen, als ich meine Tasche packte.
„Dann geh.“
Ich ging.
Und wir beide vergaßen in unserer Wut jemanden, der nichts mit unserem Streit zu tun hatte.
Mimi.
Die ersten zwei Nächte verbrachte ich bei meiner jüngeren Schwester Petra.
Sie wohnt ungefähr zwanzig Minuten entfernt in einer kleinen Doppelhaushälfte.
Petra stellte mir das ausziehbare Sofa im Gästezimmer bereit, brachte mir eine Tasse Tee und stellte keine Fragen, als sie sah, dass ich geweint hatte.
„Du kannst bleiben, solange du möchtest“, sagte sie nur.
In der ersten Nacht schlief ich kaum.
Ich dachte an Thomas.
An die letzten zwölf Jahre.
An all die schönen Erinnerungen, die plötzlich so weit weg schienen.
Ich dachte daran, ob ich zurückgehen sollte.
Dann wurde ich wieder wütend.
Warum sollte ausgerechnet ich den ersten Schritt machen?
Warum konnte Thomas nicht einmal anrufen und sich entschuldigen?
Am nächsten Morgen schaute ich bestimmt zwanzigmal auf mein Handy.
Keine Nachricht.
Nicht einmal ein einfaches „Geht es dir gut?“.
Ich schrieb ihm ebenfalls nicht.
Es war dieser dumme Stolz, den man manchmal mit Würde verwechselt.
Wir wollten beide beweisen, dass wir auch ohne den anderen zurechtkamen.
Und Mimi?
An sie dachte ich natürlich.
Aber ich redete mir ein, dass Thomas sich kümmern würde.
Schließlich war er meistens zu Hause.
Er wusste genau, wo das Katzenfutter stand. Er wusste, dass Mimi nur frisches Wasser mochte und ihre kleinen Futterstücke am liebsten aus dem blauen Napf fraß.
Er kannte ihre Gewohnheiten genauso gut wie ich.
Also machte ich mir keine Sorgen.
Zumindest versuchte ich es.
Am zweiten Abend saß ich mit Petra am Küchentisch.
Sie hatte Kartoffelsuppe gekocht, aber ich brachte kaum einen Löffel herunter.
„Hat Thomas sich inzwischen gemeldet?“, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
„Und Mimi?“
Ich blickte auf.
„Was ist mit Mimi?“
„Wer kümmert sich eigentlich um sie?“
„Thomas natürlich.“
Petra sah mich eine Weile schweigend an.
„Bist du sicher?“
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