Ich verließ meinen Mann nach zwölf Jahren doch unsere Katze vor dem leeren Napf brach mir das Herz

Ich wollte sofort Ja sagen.

Aber plötzlich fiel mir etwas ein.

Thomas hatte kurz vor unserem Streit erwähnt, dass er am nächsten Morgen zu seinem Bruder fahren wollte, weil dort etwas repariert werden musste.

War er überhaupt noch in der Wohnung?

Hatte er angenommen, dass ich zurückkommen würde?

Mein Magen zog sich zusammen.

Ich griff nach meinem Handy.

Ich wollte ihm schreiben.

Ist Mimi versorgt?

Doch dann hielt ich inne.

Wie würde das aussehen?

Als würde ich einen Vorwand suchen, um wieder Kontakt aufzunehmen?

Ich legte das Handy zurück auf den Tisch.

Heute schäme ich mich für diesen Gedanken.

Denn in diesem Augenblick war mir mein Stolz wichtiger als eine einfache Frage nach einem Tier, das vollständig von uns abhängig war.

In dieser Nacht träumte ich von Mimi.

Sie saß vor unserer Wohnungstür und kratzte mit ihren kleinen Pfoten daran.

Ich hörte ihr Miauen, konnte aber die Tür nicht öffnen.

Als ich aufwachte, war es kurz nach fünf.

Ich lag noch eine ganze Weile im Dunkeln.

Dann stand ich auf.

Ich sagte mir, dass ich nur meine Zahnbürste und ein paar Sachen holen wollte.

Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass das nicht der eigentliche Grund war.

Als ich auf den Parkplatz vor unserem Mehrfamilienhaus fuhr, sah alles aus wie immer.

Der graue Kleinwagen unseres Nachbarn stand neben den Mülltonnen.

Vor dem Eingang lagen ein paar welke Blätter.

Im Erdgeschoss war das Küchenfenster von Frau Berger gekippt.

Es machte mich beinahe wütend, dass die Welt einfach weiterlief.

Als wäre nichts geschehen.

Ich blieb einige Sekunden im Auto sitzen und starrte auf unsere Wohnzimmerfenster.

Die Vorhänge waren zugezogen.

Dann nahm ich den Schlüssel und ging nach oben.

Schon als ich die Wohnungstür öffnete, spürte ich, dass etwas nicht stimmte.

Es war still.

Nicht diese gemütliche Stille, die man an einem Sonntagmorgen genießt.

Es war eine bedrückende Stille.

Im Flur standen noch meine alten Hausschuhe.

Thomas‘ Jacke hing über dem Küchenstuhl.

Auf dem Tisch lag die Heizkostenabrechnung, die unseren letzten Streit ausgelöst hatte.

Daneben standen zwei schmutzige Tassen.

Niemand hatte aufgeräumt.

Niemand hatte die Fenster geöffnet.

Es roch abgestanden.

„Thomas?“, rief ich vorsichtig.

Keine Antwort.

Ich ging ins Wohnzimmer.

„Mimi?“

Normalerweise kam sie sofort angelaufen, sobald sie meinen Schlüssel hörte.

Manchmal beschwerte sie sich lautstark, wenn ich ein paar Minuten später als gewöhnlich nach Hause kam.

Aber diesmal hörte ich nichts.

Dann sah ich sie.

Sie saß in der Küche vor ihrem Wassernapf.

Ganz still.

Ihr kleiner Rücken war gekrümmt, und sie wirkte irgendwie kleiner als sonst.

„Mimi?“

Sie hob langsam den Kopf.

Ich ging zu ihr und sah auf den Napf.

Er war leer.

Vollkommen trocken.

Im Futternapf lagen nur noch drei oder vier harte Krümel.

Mir wurde schlagartig kalt.

„Ach, mein Mädchen …“

Meine Stimme brach.

Mimi stand langsam auf.

Sie kam nicht wie sonst fröhlich angelaufen.

Sie ging mit kleinen Schritten auf mich zu und drückte ihren Kopf gegen mein Bein.

Dann begann sie zu schnurren.

Ganz leise.

Ich kniete mich hin.

„Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“

Ich hob sie hoch.

Sie fühlte sich ungewöhnlich leicht an, auch wenn ich nicht wusste, ob das tatsächlich an den vergangenen zwei Tagen lag.

Ihr Fell war etwas struppig.

Sie legte ihren Kopf unter mein Kinn, genau so, wie sie es als Katzenjunges immer getan hatte.

Und plötzlich konnte ich nicht mehr.

Ich setzte mich mitten auf den Küchenboden.

Mit meiner 54 Jahre alten Jeans auf den kalten Fliesen, meiner Handtasche neben mir und unserer kleinen Katze fest an die Brust gedrückt.

Und ich weinte.

Nicht dieses stille Weinen, bei dem einem ein paar Tränen über die Wangen laufen.

Ich schluchzte so heftig, dass ich kaum Luft bekam.

Weil ich mich schämte.

Weil ich begriff, wie sehr Thomas und ich uns in unserer eigenen Verletztheit verloren hatten.

Wir hatten tagelang darüber nachgedacht, wer recht hatte.

Wer sich zuerst entschuldigen müsste.

Wer mehr für die Beziehung geopfert hatte.

Und währenddessen hatte Mimi hier gesessen.

Vor einem leeren Napf.

Wartend.

Sie konnte niemanden anrufen.

Sie konnte nicht zu den Nachbarn gehen und erklären, dass ihre Menschen gestritten hatten.

Sie wusste nicht, was eine Trennung war.

Sie wusste nur, dass plötzlich niemand mehr da war.

Und als ich endlich wiederkam, begrüßte sie mich trotzdem mit einem Schnurren.

Ohne Vorwurf.

Ohne Wut.

Als wäre ich immer noch ihr sicherster Ort auf der Welt.

Das tat mehr weh als alles, was Thomas mir an jenem Abend gesagt hatte.

Ich stellte Mimi vorsichtig auf den Boden und füllte sofort ihren Wassernapf.

Sie begann zu trinken.

Länger als gewöhnlich.

Ich blieb neben ihr sitzen und beobachtete sie.

Dann öffnete ich eine frische Portion Katzenfutter.

Mimi schnupperte daran und fraß ein wenig.

Ich rief vorsichtshalber in der örtlichen Tierarztpraxis an. Die Mitarbeiterin riet mir, Mimi noch am selben Vormittag untersuchen zu lassen, weil ich nicht wusste, wie lange sie ohne frisches Wasser gewesen war.

Gerade als ich den Termin vereinbart hatte, vibrierte mein Handy.

Thomas.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Ich öffnete die Nachricht.

„Sabine, ich war gestern Abend vor der Wohnung. Ich habe bestimmt zehn Minuten vor der Tür gestanden. Ich konnte einfach nicht reingehen. Ich weiß nicht einmal, warum. Ist Mimi bei dir?“

Ich las die Worte zweimal.

Dann ein drittes Mal.

Er war hier gewesen.

Vor der Tür.

Und hatte sie nicht geöffnet.

Die Katze hatte vielleicht nur wenige Meter entfernt gesessen, während er draußen mit sich selbst kämpfte.

Ich spürte wieder Wut.

Aber diesmal war sie anders.

Sie richtete sich nicht nur gegen ihn.

Auch gegen mich.

Denn ich hatte ebenfalls zwei Tage gebraucht, um zurückzukommen.

Ich tippte:

„Ich bin gerade in der Wohnung. Mimi war allein. Ihr Wasser war leer.“

Lange erschien keine Antwort.

Dann kamen drei kleine Punkte auf dem Bildschirm.

Sie verschwanden wieder.

Schließlich schrieb Thomas:

„Mein Gott. Ich dachte, du hättest sie mitgenommen.“

Ich schloss die Augen.

Natürlich.

Er hatte angenommen, ich hätte sie eingepackt.

Ich hatte angenommen, er würde sich kümmern.

Und keiner von uns hatte nachgefragt.

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