Ich dachte, ich konkurriere mit einem Kater. Dann verstand ich endlich, warum sie ihn so festhält.
Ich habe die Nacht nach unserem Streit kaum geschlafen.
Nicht, weil ich immer noch wütend war.
Sondern weil mir ein Satz von ihr nicht aus dem Kopf ging.
„Vielleicht bist du zu unsicher für eine Partnerschaft.“
Das hatte gesessen.
Ich lag in meinem Bett, starrte an die Decke und ging alles noch einmal durch. Ihre Stimme. Ihr Lachen. Mein Satz mit dem „eigentlichen Lebensgefährten“. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich, dass ich diesen Satz nicht gesagt hatte, weil ich besonders vernünftig war.
Ich hatte ihn gesagt, weil ich verletzt war.
Und vielleicht auch, weil ich mich tatsächlich von einem Kater zurückgesetzt fühlte.
Das klingt lächerlich, wenn man es laut ausspricht.
Aber in dem Moment fühlte es sich nicht lächerlich an.
Am nächsten Morgen schrieb ich ihr keine lange Nachricht. Kein Roman. Keine Verteidigung. Nur:
„Können wir heute Abend reden? Ruhig. Ohne Vorwürfe.“
Die Antwort kam erst drei Stunden später.
„Vielleicht.“
Mehr nicht.
Ich nahm das als ein kleines Ja.
Als ich am Abend zu ihr fuhr, hatte ich ein ungutes Gefühl im Bauch. Ich stand vor ihrer Wohnungstür, den Schlüssel in der Hand, aber diesmal schloss ich nicht einfach auf.
Ich klingelte.
Das hatte ich schon lange nicht mehr gemacht.
Nach ein paar Sekunden hörte ich Schritte. Dann wurde die Tür geöffnet.
Sie stand da in einer grauen Jogginghose und einem weichen Pullover. Ihre Haare waren zusammengebunden, ihr Gesicht müde. Nicht kalt, nicht wütend. Eher erschöpft.
Der Kater saß direkt hinter ihr.
Natürlich.
Er sah mich an, als wüsste er ganz genau, dass ich der Grund für die schlechte Stimmung war.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, sagte sie.
Keiner von uns bewegte sich für einen Moment.
Dann trat sie zur Seite und ließ mich rein.
Ich zog meine Schuhe aus. Der Kater strich an ihrem Bein entlang, hob den Schwanz und miaute leise. Sie bückte sich sofort, legte eine Hand auf seinen Rücken und sagte: „Ja, ist gut, mein Junge.“
Früher hätte mich allein dieser Satz schon gereizt.
Diesmal sagte ich nichts.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Sie auf die linke Sofaseite, ich auf die rechte. Zwischen uns lag eine Decke, und auf dieser Decke saß der Kater wie ein kleiner Richter.
Es war fast komisch.
Aber keiner lachte.
Ich atmete einmal tief durch.
„Ich möchte mich für gestern entschuldigen“, sagte ich.
Sie sah mich nicht sofort an.
„Für welchen Teil?“
Die Frage war fair.
„Für den Teil, in dem ich so getan habe, als wäre deine Liebe zu deinem Kater etwas Krankes“, sagte ich. „Das war unfair. Und verletzend.“
Sie strich mit zwei Fingern über den Kopf des Katers.
„Ja. Das war es.“
Ich nickte.
„Ich hätte anders sagen müssen, was mich stört.“
Jetzt sah sie mich an.
„Und was stört dich wirklich?“
Ich wollte sofort antworten. Doch dann hielt ich inne.
Denn genau da lag das Problem.
Ich hatte die ganze Zeit gesagt, es gehe um den Kater.
Aber das war nur die Oberfläche.
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „ich fühle mich manchmal wie ein Gast in deinem Leben. Nicht wie dein Partner.“
Ihr Blick wurde weicher, aber sie sagte nichts.
Also sprach ich weiter.
„Wenn du nach Hause kommst und ihn zuerst begrüßt, stehe ich daneben und fühle mich unsichtbar. Wenn du mich bittest, dir Dinge zu holen, weil er auf dir liegt, fühlt es sich irgendwann nicht mehr süß an. Es fühlt sich an, als wäre mein Komfort weniger wichtig als seiner.“
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah auf ihre Hände.
Der Kater drehte sich einmal im Kreis und legte sich auf die Decke. Seine Pfoten verschwanden unter seinem Bauch.
„Das mit den Sachen holen“, sagte sie nach einer Weile, „war vielleicht wirklich bequem von mir.“
Das war mehr, als ich erwartet hatte.
„Ich will nicht, dass du ihn wegschiebst“, sagte ich. „Ich will nur nicht das Gefühl haben, dass ich gegen ihn verliere.“
Sie lachte diesmal nicht.
Zum ersten Mal lachte sie nicht.
Stattdessen sah sie mich lange an.
Dann sagte sie leise: „Du verlierst nicht gegen ihn.“
Ich schluckte.
„Es fühlt sich aber manchmal so an.“
Sie lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen.
„Du weißt nicht, was er für mich war“, sagte sie.
Ich antwortete nicht.
Diesmal wollte ich zuhören.
Sie nahm eine Ecke der Decke zwischen ihre Finger und knetete sie, als müsste sie sich an etwas festhalten.
„Als ich ihn bekommen habe, war ich neunzehn“, begann sie. „Ich war in der Ausbildung, hatte kaum Geld und wohnte in diesem winzigen Zimmer mit einem Fenster zum Hinterhof. Ich dachte damals, ich sei erwachsen. War ich aber nicht.“
Ihre Stimme wurde ruhiger.
„Ich war oft allein. Nicht dramatisch allein. Nicht so, dass man darüber spricht. Eher so, dass man abends heimkommt, die Tür zumacht und merkt, dass niemand fragt, wie der Tag war.“
Ich sah sie an.
Ich hatte sie immer als starke Frau gesehen. Selbstständig. Witzig. Organisiert. Jemand, der ihr Leben im Griff hatte.
Diesen Teil kannte ich nicht.
„Er war damals ein ganz kleines, dünnes Ding“, sagte sie. „Viel zu große Ohren, viel zu laute Stimme. Er saß in einer Kiste bei einer älteren Nachbarin, die ihn nicht behalten konnte. Ich wollte nur schauen. Wirklich nur schauen.“
Zum ersten Mal lächelte sie schwach.
„Dann hat er sich an meinem Schal festgekrallt und nicht mehr losgelassen.“
Der Kater hob den Kopf, als wüsste er, dass von ihm die Rede war.
„Ich habe ihn mitgenommen“, sagte sie. „Obwohl ich es mir kaum leisten konnte. Futter, Tierarzt, alles. Aber plötzlich war da jemand, der auf mich wartete.“
Sie wischte sich schnell über die Wange.
„Wenn ich spät von der Arbeit kam, saß er an der Tür. Wenn ich geweint habe, hat er sich auf meine Brust gelegt. Wenn ich morgens nicht aufstehen wollte, ist er so lange über mich drübergelaufen, bis ich aufgestanden bin.“
Ich schwieg.
In meinem Kopf klang mein eigener Satz von gestern plötzlich hart.
„Du behandelst ihn wie deinen eigentlichen Lebensgefährten.“
Wie kleinlich das auf einmal wirkte.
Sie sah mich an.
„Ich weiß, er ist nur ein Kater. Natürlich weiß ich das. Aber er war da, bevor ich gelernt habe, Menschen wieder richtig zu vertrauen.“
Da war er.
Der Satz, der alles veränderte.
Nicht, weil er dramatisch war.
Sondern weil er ehrlich war.
Ich hatte die ganze Zeit gedacht, sie stellt den Kater über mich.
Vielleicht hatte sie sich aber einfach nur an ein Wesen gebunden, das sie nie enttäuscht hatte.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Weil man mit achtundzwanzig nicht gerne sagt, dass eine Katze einen durch die schwersten Jahre getragen hat.“
„Doch“, sagte ich. „Das darf man sagen.“
Sie sah mich überrascht an.
Ich meinte es ernst.
Der Kater stand auf, streckte sich und lief zu ihr hinüber. Sie hob ihn nicht hoch. Sie legte nur die Hand auf seinen Rücken.
Diesmal störte es mich nicht.
Ich fragte mich, wie oft ich nur die Szene gesehen hatte, aber nicht die Geschichte dahinter.
„Ich hätte dich gestern nicht auslachen dürfen“, sagte sie plötzlich.
Ich blickte auf.
„Das war gemein“, sagte sie. „Du hast gesagt, dass du dich zurückgesetzt fühlst. Und ich habe dich ausgelacht. Das war nicht fair.“
Ich wusste nicht sofort, was ich sagen sollte.
„Danke“, brachte ich schließlich hervor.
Sie nickte.
„Aber ich brauche auch, dass du verstehst, dass er nicht einfach ein Möbelstück ist, das ich wegstelle, wenn du kommst.“
„Das verstehe ich jetzt besser.“
„Und ich brauche, dass du nie wieder so tust, als müsste ich mich zwischen euch entscheiden.“
Ich sah sie direkt an.
„Das will ich nicht.“
Sie sah mich noch eine Weile an, als prüfe sie, ob ich es wirklich ernst meinte.
Dann sagte sie: „Gut.“
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