Es war kein großes Versöhnungswort.
Aber es war ein Anfang.
Wir redeten danach fast zwei Stunden.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Nicht mit Türenknallen oder Tränen wie in schlechten Filmen.
Einfach ruhig.
Ich sagte ihr, dass ich manchmal gern zuerst eine Umarmung hätte, wenn sie nach Hause kommt. Keine zehn Minuten. Keine große Zeremonie. Nur ein Zeichen, dass ich auch da bin.
Sie sagte, sie könne das versuchen.
Sie sagte aber auch, dass sie ihren Kater nicht ignorieren werde, wenn er zur Tür läuft.
Das verstand ich.
Also einigten wir uns auf etwas, das im Nachhinein fast lächerlich einfach war.
Wenn sie nach Hause kommt, begrüßt sie uns beide.
Er bekommt seine Streicheleinheiten.
Ich bekomme meine Umarmung.
Nicht als Konkurrenz.
Sondern als Familie, wenn man das so nennen darf.
Dann ging es um die Sache mit den „Bring mir mal“-Momenten.
Sie gab zu, dass sie sich daran gewöhnt hatte. Der Kater auf dem Schoß war für sie irgendwann eine Art Freibrief geworden, sich nicht zu bewegen.
„Ich habe gar nicht gemerkt, wie oft ich dich damit losschicke“, sagte sie.
„Oft“, sagte ich.
Sie verzog den Mund.
„Okay. Oft.“
Wir lachten beide ein wenig.
Nicht viel.
Aber genug, damit die Luft leichter wurde.
Wir machten eine einfache Regel. Wenn sie etwas braucht, fragt sie normal, nicht automatisch. Und wenn ich Nein sage, ist das kein Angriff auf den Kater.
Sie kann ihn auch mal kurz umsetzen.
Vorsichtig.
Welt geht nicht unter.
Der Kater hörte sich das alles an, als wäre er mit keinem Punkt einverstanden.
Später machten wir den Film an, den wir am Abend zuvor eigentlich schauen wollten.
Ich setzte mich auf meine Seite. Sie setzte sich auf ihre. Zwischen uns blieb diesmal ein kleines Stück frei.
Der Kater stand vor dem Sofa und blickte von ihr zu mir.
Ich schwöre, er überlegte.
Dann sprang er hoch.
Ich spannte mich unwillkürlich an.
Er lief zuerst über ihre Beine. Dann über die Decke. Dann setzte er sich direkt neben meinen Oberschenkel.
Nicht auf sie.
Nicht zwischen uns.
Neben mich.
Ich sah sie an.
Sie hob die Augenbrauen, als wollte sie sagen: Jetzt bloß nichts Falsches machen.
Der Kater drehte sich zweimal und ließ sich schwer gegen mein Bein fallen.
Dann begann er zu schnurren.
So laut, dass ich den ersten Satz des Films verpasste.
Ich saß da, steif wie ein Brett.
„Du darfst ihn streicheln“, sagte sie leise.
„Wo?“
Sie lächelte.
„Am Kopf. Nicht am Bauch. Niemals am Bauch.“
Das klang wie eine ernsthafte Warnung.
Also legte ich vorsichtig zwei Finger auf seinen Kopf und kraulte ihn zwischen den Ohren.
Er schloss die Augen.
Ich weiß nicht, warum mich das berührte.
Vielleicht, weil ich zum ersten Mal nicht das Gefühl hatte, dass er mir etwas wegnimmt.
Vielleicht, weil ich merkte, dass dieses kleine Tier nicht mein Gegner war.
Er war einfach ein Teil ihres Lebens.
Ein großer Teil.
Und wenn ich sie lieben wollte, musste ich diesen Teil wenigstens respektieren.
Nicht vergöttern.
Nicht alles hinnehmen.
Aber respektieren.
Am nächsten Tag schrieb mir ihre Schwester wieder.
Ich hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet.
Doch diesmal stand da nur:
„Sie hat mir erzählt, dass ihr geredet habt. Danke, dass du zugehört hast.“
Ich starrte auf die Nachricht.
Dann schrieb ich zurück:
„Ich hätte früher zuhören sollen.“
Das meinte ich auch so.
Eine Woche später passierte etwas, das ich nie erwartet hätte.
Ich kam vor ihr in ihre Wohnung. Der Kater saß auf dem Fensterbrett und sah mich an.
Normalerweise ignorierte er mich, bis sie kam.
Diesmal sprang er herunter, lief zu mir und miaute.
Nicht laut.
Eher fordernd.
Ich sah ihn an.
„Was?“
Er miaute wieder.
Ich ging in die Küche, kontrollierte seinen Napf und sah, dass noch Futter drin war. Wasser auch.
Er lief zurück ins Wohnzimmer, blieb vor dem Sofa stehen und sah mich an.
Da begriff ich.
Ich setzte mich.
Er sprang hoch und legte sich auf meinen Schoß.
Einfach so.
Ich hielt beide Hände in der Luft, als hätte mir jemand ein rohes Ei gegeben.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, murmelte ich.
Er schnurrte.
Natürlich.
Als sie zwanzig Minuten später nach Hause kam, fand sie uns so vor.
Ich auf dem Sofa.
Der Kater auf meinem Schoß.
Und ich bewegte mich keinen Millimeter.
Sie blieb im Flur stehen.
Ihre Tasche rutschte ihr fast von der Schulter.
Dann fing sie an zu lachen.
Nicht spöttisch.
Warm.
Echt.
„Soll ich dir dein Handy holen?“, fragte sie.
Ich sah auf den Kater hinunter.
Dann sah ich sie an.
„Ja“, sagte ich. „Er schläft gerade.“
Sie lachte so sehr, dass sie sich an der Tür festhalten musste.
Und ich lachte mit.
Vielleicht war das der Moment, in dem sich etwas wirklich löste.
Nicht, weil plötzlich alles perfekt war.
Sondern weil wir beide verstanden hatten, wie albern und wie wichtig diese ganze Sache zugleich gewesen war.
Seitdem ist nicht alles wie in einem Märchen.
Manchmal nervt mich der Kater immer noch.
Er läuft immer noch über meinen Rücken, wenn er nachts zu ihr will.
Er setzt sich immer noch auf ihre Tastatur.
Er miaut immer noch, als hätte er Rechte an der gesamten Wohnung.
Und ja, manchmal bekommt er immer noch diese Stimme von ihr, diese hohe, weiche, liebevolle Stimme.
Aber ich höre sie jetzt anders.
Nicht mehr als Beweis, dass ich weniger zähle.
Sondern als etwas, das schon vor mir da war.
Etwas, das ihr geholfen hat, ein Stück heiler zu werden.
Und ich?
Ich bekomme inzwischen meine Umarmung an der Tür.
Manchmal sogar, bevor sie die Schuhe auszieht.
Der Kater bekommt danach seinen Auftritt.
Er duldet mich mittlerweile.
An guten Tagen sucht er mich sogar aus.
An schlechten Tagen beißt er mir leicht in den Ärmel, wenn ich zu lange an seinem Platz sitze.
Wir arbeiten daran.
Vor ein paar Tagen lagen wir alle drei auf dem Sofa. Sie links, ich rechts, der Kater quer über unseren Beinen, als hätte er die Friedensverhandlungen persönlich abgeschlossen.
Sie sah zu mir rüber und sagte: „Weißt du, du musst nicht die wichtigste Rolle spielen.“
Ich wollte schon etwas erwidern.
Aber sie legte ihre Hand auf meine.
„Du musst deine eigene Rolle haben.“
Ich dachte lange über diesen Satz nach.
Vielleicht war genau das mein Fehler gewesen.
Ich wollte nicht nur geliebt werden.
Ich wollte beweisen, dass ich wichtiger bin als ein Tier, das nie versucht hatte, mit mir zu konkurrieren.
Der Kater wollte keinen Platz einnehmen, der mir gehörte.
Er hatte nur seinen.
Und ich musste lernen, meinen nicht dadurch größer zu machen, dass ich seinen kleiner mache.
Also, falls jemand das hier liest und sich fragt, ob ich im Unrecht war:
Ja.
Zum Teil war ich das.
Nicht, weil ich Nähe wollte.
Nicht, weil ich mich gesehen fühlen wollte.
Das war berechtigt.
Aber ich war im Unrecht, weil ich ihre Liebe zu ihm kleinmachen wollte, statt ihr zu erklären, dass ich auch Liebe brauche.
Das ist ein Unterschied.
Ein großer.
Heute Abend schauen wir wieder einen Film.
Der Kater liegt wahrscheinlich wieder irgendwo, wo er nicht liegen soll.
Aber diesmal habe ich eine Decke neben mir vorbereitet.
Nicht für sie.
Für ihn.
Und ich habe begriffen, dass Liebe kein Sofa ist, auf dem nur einer Platz hat.
Manchmal ist Liebe eher wie eine alte Decke.
Ein bisschen zerknittert.
Ein bisschen voller Katzenhaare.
Aber groß genug, wenn man aufhört, ständig die Mitte für sich allein zu beanspruchen.






