Drei Jahre lang warnte ich meine Tochter vor dem groben Mann gegenüber. Dann reparierte er ihren Rollstuhl kostenlos und verschwand, bevor wir uns bedanken konnten.
„Mama, lass mich bitte selber reden.“ Jule schob meine Hand von ihrem Rollstuhl und sah zu dem Mann auf, vor dessen Werkbank wir standen. „Die Räder funktionieren. Aber der Sitz fährt nicht mehr hoch.“
Holger Finke legte seinen Schraubenschlüssel hin. Er war ein breiter Mann Anfang sechzig, mit grauen Bartstoppeln, einer schief verheilten Nase und Händen, denen man vierzig Jahre Arbeit ansah. Auf seiner dunkelblauen Jacke klebte ein heller Metallspan.
„Seit wann?“, fragte er.
„Seit vorletztem Dienstag“, sagte Jule. „Erst hat es geruckelt. Dann ging gar nichts mehr.“
Er zog sich einen Hocker heran und setzte sich vor sie. Nicht vor mich. Vor meine Tochter, die es mit ihren zwölf Jahren längst gewohnt war, dass Erwachsene über ihren Kopf hinweg miteinander sprachen.
„Und was fehlt dir dadurch am meisten?“, fragte er.
Jule überlegte kurz. „Dass ich selber entscheiden kann, wann ich Hilfe brauche.“
Er nickte, als hätte sie ihm gerade etwas sehr Wichtiges erklärt. Ich dagegen sah auf den Boden, weil mir einfiel, was ich erst wenige Tage zuvor über diesen Mann gesagt hatte.
Unsere Wohnung lag schräg gegenüber seiner kleinen Werkstatt am Rand einer sauerländischen Kleinstadt. Dort wurden Rasenmäher repariert, Gartentore geschweißt und alte Maschinen wieder zum Laufen gebracht. Nachmittags standen manchmal drei oder vier Männer mit Kaffeebechern vor dem offenen Tor.
Ich hatte sie für unangenehme Leute gehalten. Zu laut, zu grob, zu wenig bemüht, einen guten Eindruck zu machen. Wenn Holger mit seinen schweren Arbeitsschuhen über den Gehweg kam, zog ich Jule ein Stück näher zu mir.
„Fahr da nicht allein hin“, hatte ich ihr gesagt. „Wir wissen schließlich nicht, was das für Menschen sind.“
Einmal hatte ich mich bei der Stadt über den Lärm beschwert. Holger hatte danach samstags früher das Tor geschlossen. Ich hatte das als Beweis genommen, dass meine Beschwerde nötig gewesen war, und nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, dass er vielleicht einfach Rücksicht nahm.
Nun stand ich in seiner Werkstatt und hoffte, dass er uns helfen würde.
Jule war mit einer Fehlbildung der Wirbelsäule geboren worden. Sie konnte ihre Beine nur eingeschränkt bewegen und benutzte seit ihrer frühen Kindheit einen Rollstuhl. Das war für sie nichts, worüber sie den ganzen Tag nachdachte.
Sie dachte über ihre Freundinnen nach, über die ungerechte Mathearbeit und darüber, ob ich ihr endlich erlauben würde, allein zum Schreibwarenladen zu fahren. Ihr Rollstuhl gehörte zu ihrem Alltag wie meine Brille zu meinem. Erst wenn etwas daran nicht funktionierte, wurde daraus eine Angelegenheit, über die plötzlich alle mitreden wollten.
Die elektrische Sitzhöhenverstellung war für sie besonders wichtig. Damit erreichte sie die Arbeitsfläche in unserer Küche und konnte sich an manche Tische besser anpassen. Auch bei bestimmten Transfers half ihr die veränderbare Höhe.
Als die Funktion ausfiel, bekamen wir einen einfachen Ersatzrollstuhl. Damit konnte Jule zur Schule und durch die Wohnung fahren. Vieles andere ging plötzlich nur noch, wenn jemand Zeit hatte.
„Mama, die blaue Tasse bitte“, rief sie morgens. Wenig später brauchte sie ihren Ordner vom Regal und abends Hilfe an der Küchenzeile. Sie fragte jedes Mal freundlich, und gerade das tat mir weh.
Vorher hatte sie sich über mich beschwert, wenn ich ihr ungefragt etwas abnahm. Jetzt bedankte sie sich dafür, dass ich ihr ein Glas Wasser reichte.
Das Sanitätshaus hatte einen Kostenvoranschlag für den Austausch der Hubeinheit erstellt. Knapp dreitausend Euro standen darunter. Zwischen dem Betrieb und der Krankenkasse waren noch Rückfragen offen, unter anderem dazu, ob repariert oder ein anderes Gerät bereitgestellt werden sollte.
Niemand hatte gesagt, Jule solle dauerhaft ohne diese Funktion auskommen. Aber niemand konnte mir sagen, wann sie sie zurückbekam.
Ich arbeitete vormittags an der Anmeldung einer Physiotherapiepraxis. Zusammen mit dem Unterhalt reichte mein Einkommen für unseren Alltag, solange nicht zu viel gleichzeitig kaputtging. Nach einer Autoreparatur lagen noch zweihundertsechzig Euro auf meinem Sparkonto.
Zwei Wochen lang telefonierte ich in meinen Pausen. Ich hinterließ Nachrichten, reichte Unterlagen nach und erklärte immer wieder dieselbe Sache. Abends stellte ich alles, was Jule brauchen könnte, auf niedrige Ablagen.
Ich hielt das für eine gute Lösung, bis sie eines Tages den Joghurt, den ich ihr geöffnet hatte, unangetastet stehen ließ.
„Ich kann den Deckel selber abziehen“, sagte sie. Ihre Stimme war ganz leise. „Du musst nicht schon alles machen, bevor ich überhaupt da bin.“
Am nächsten Morgen sah ich Holgers Schild: „Reparaturen. Erst fragen, dann wegwerfen.“ Ich kannte dieses Schild seit Jahren. Zum ersten Mal verstand ich es als Einladung.
Jetzt saß er vor Jule und hörte ihr zu. Dann bat er um die Unterlagen und sah sich die Typenbezeichnung an.
„Da schraube ich nicht einfach dran herum“, sagte er. „Ich kenne Maschinen. Aber das hier muss hinterher ordentlich geprüft sein.“
Meine Hoffnung sackte zusammen. Ich hatte offenbar doch eine dumme Idee gehabt.
Holger bemerkte es und hob die Hand. „Ich habe nicht gesagt, dass wir nichts machen können. Uwe kennt sich mit solchen Rollstühlen aus.“
Aus dem hinteren Raum kam ein schmaler Mann mit Lesebrille. Er hatte früher bei Holger gelernt und arbeitete inzwischen seit vielen Jahren als Rehatechniker. Eigentlich war er nur vorbeigekommen, um ein verbogenes Scharnier abzuholen.
Er sah auf die Unterlagen, stellte Jule ein paar Fragen und telefonierte mit seiner Werkstatt. Währenddessen saß Holger still neben ihr. Er füllte die Pause nicht mit bedauernden Bemerkungen, und ich sah, wie Jule sich entspannte.
„Vielleicht haben wir eine passende Austauschbaugruppe“, sagte Uwe schließlich. „Geprüft, aus einem Gerät, das zurückgekommen ist. Ich muss die Ausführung vergleichen.“
„Was würde das kosten?“, fragte ich.
Holger nahm mir den Kostenvoranschlag aus der verkrampften Hand. „Erst müssen wir wissen, ob es geht.“
„Ich kann aber nicht einfach einen Auftrag geben, wenn ich hinterher—“
„Das verlangt auch keiner“, sagte er. Er sagte es nicht besonders sanft, aber klar genug, dass ich endlich aufhörte, mich zu rechtfertigen.
Wir ließen den defekten Rollstuhl dort, damit Uwe die Reparatur über seinen Betrieb organisieren konnte. Jule wechselte in den Ersatzstuhl. Bevor wir gingen, drehte sie sich noch einmal um.
„Bitte machen Sie den Aufkleber nicht ab.“
Holger sah auf den kleinen, schief ausgeschnittenen Fuchs an der Seitenverkleidung. „Der gehört offenbar dazu“, sagte er. „Dann bleibt er dran.“
In dieser Nacht hörte ich Jule in ihrem Zimmer. Als ich nach ihr sah, wischte sie sich hastig über das Gesicht und behauptete, sie sei nur müde.
Ich setzte mich auf die Bettkante. Eine Weile sagte keine von uns etwas.
„Ich wollte am Freitag bei der Kochgruppe mitmachen“, erklärte sie schließlich. „Nicht wieder nur die Karten mit den Rezepten halten.“
Ich hatte am Telefon ständig von einer notwendigen Versorgung gesprochen. Jule sprach von Kartoffeln schälen, Teig kneten und einem Platz zwischen ihren Klassenkameraden. Zum ersten Mal seit Tagen hörte ich richtig hin.
Am nächsten Vormittag rief Uwe an. Das passende Teil sei verfügbar gewesen, die Reparatur erledigt und die Funktionsprüfung abgeschlossen. Wir könnten nachmittags kommen.
Als wir die Werkstatt betraten, stand Jules Rollstuhl neben dem Hocker. Der Fuchs klebte noch immer schief an seiner Stelle. Die Armauflagen waren sauber, und an einer lockeren Tasche war die Befestigung wieder fest.
Uwe erklärte uns, was ersetzt worden war, und gab mir die Unterlagen. Holger hielt sich im Hintergrund.
„Hat gestern noch das Teil abgeholt“, sagte Uwe und deutete auf ihn. „Und anschließend hier alles vorbereitet. Ich glaube, der Mann weiß nicht, wann Feierabend ist.“
Jule setzte sich um und betätigte die Steuerung. Ihr Sitz hob sich gleichmäßig. Sie ließ ihn wieder hinunterfahren und wieder hinauf, mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich seit Wochen vermisst hatte.
Dann streckte sie die Hand nach dem Bleistift auf Holgers Werkbank aus. Sie nahm ihn, legte ihn wieder hin und sah mich an.
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