Ich bedeckte mein Gesicht.
„Ich bin seine Mutter“, flüsterte ich. „Wie konnte ich das nicht merken?“
Heinrich setzte sich neben mich.
Eine Weile schwiegen wir.
Dann griff er in seine Jackentasche.
„Ich habe etwas gefunden.“
Er holte ein kleines schwarzes Buch heraus.
Mein Herz zog sich zusammen.
Es war Lukas‘ Zeichenbuch.
Früher hatte er ständig gezeichnet. Tiere, Häuser, Menschen an Bushaltestellen.
Manchmal saßen wir gemeinsam am Küchentisch, und er zeigte mir stolz seine Bilder.
Doch seit ungefähr einem Jahr ließ er mich nicht mehr hineinschauen.
„Das ist privat, Mama“, sagte er immer.
Ich hatte das respektiert.
Vielleicht hatte ich auch einfach nicht genau genug hingesehen.
Heinrich legte mir das Buch in die Hände.
„Es lag neben ihm auf dem Schreibtisch. Ich glaube, Sie sollten es lesen.“
Zitternd öffnete ich die erste Seite.
Ich hatte Angst.
Angst vor Abschiedsworten. Vor Vorwürfen. Vor Sätzen, die ich niemals wieder vergessen könnte.
Aber da war nur eine Zeichnung.
Ein orangefarbener Kater.
Mit einem beschädigten Ohr und einem blinden Auge.
Ich blätterte weiter.
Noch ein Bild.
Und noch eins.
Kasimir auf einer Fensterbank.
Kasimir im Hinterhof.
Kasimir, wie er mit seinem gesunden Auge einen Schmetterling beobachtete.
Dutzende Zeichnungen.
Und dazwischen kleine handgeschriebene Sätze.
Auf einer Seite stand:
„Er sieht genauso aus, wie ich mich fühle. Nicht richtig. Nicht vollständig. Irgendwie kaputt.“
Ich presste die Hand auf meinen Mund.
Auf der nächsten Seite hatte Lukas geschrieben:
„Alle schauen irgendwann weg. Aber Kasimir bleibt sitzen.“
Meine Tränen fielen auf das Papier.
Heinrich starrte auf den Boden.
„Ich glaube, die beiden kannten sich schon länger.“
Langsam begriff ich.
Wenn ich Spätschicht hatte, war Lukas oft allein.
Dann saß er nachts an seinem geöffneten Fenster.
Und Kasimir, der sonst vor jedem Menschen Angst hatte, kam heimlich über den niedrigen Mauervorsprung zu ihm.
Die beiden saßen dort.
Manchmal stundenlang.
Ein Junge, der sich von der Welt zurückgezogen hatte.
Und ein alter Kater, der gelernt hatte, Menschen zu fürchten.
Sie brauchten offenbar nicht viele Worte.
Sie mussten sich nicht einmal berühren.
Sie waren einfach füreinander da.
Ich blätterte weiter.
Ein Satz ließ mich innehalten.
„Wenn ich verschwinden würde, würde Kasimir vielleicht trotzdem auf mich warten.“
Ich musste das Buch schließen.
Mein Sohn hatte sich so lange einsam gefühlt.
Und ich hatte geglaubt, er brauche nur mehr Schlaf.
„Ich kenne dieses Gefühl“, sagte Heinrich plötzlich.
Ich sah ihn an.
Seine Stimme klang anders. Leiser. Unsicherer.
„Wenn man morgens aufwacht und sich fragt, wofür eigentlich.“
Er erzählte von den Jahren nach seiner Rückkehr aus dem Auslandseinsatz.
Von Nächten, in denen er kaum schlafen konnte.
Von Erinnerungen, die ihn nicht losließen.
Von Freunden, zu denen der Kontakt abgebrochen war.
Und von einer Einsamkeit, die sich auch dann nicht verflüchtigte, wenn andere Menschen im Raum waren.
„Vor zehn Jahren war ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste.“
Er betrachtete seine tätowierten Hände.
„Ich hatte mir eingeredet, dass niemand mich vermissen würde.“
In einer besonders schweren Nacht hörte er ein leises Geräusch draußen bei den Mülltonnen.
Dort lag ein winziges Kätzchen.
Verletzt. Nass. Fast ohne Kraft.
Es war Kasimir.
Heinrich brachte ihn ins Haus, wickelte ihn in ein altes Handtuch und suchte tierärztliche Hilfe.
Tagelang kümmerte er sich um das Tier.
Alle paar Stunden musste der kleine Kater versorgt werden.
Heinrich schlief kaum.
Aber morgens stand er auf.
Weil jemand auf ihn wartete.
„Wissen Sie“, sagte er, „manchmal findet man für sich selbst keinen Grund mehr, weiterzumachen.“
Er sah mich direkt an.
„Aber wenn da ein kleines Lebewesen ist, das einen braucht, schafft man vielleicht noch einen Tag.“
Seine Stimme zitterte.
„Und dann noch einen.“
Er streichelte Kasimirs Kopf.
„Dieser Kater hat mir damals geholfen, am Leben festzuhalten. Und jetzt hat er Ihrem Jungen geholfen.“
Ich konnte meinen Nachbarn kaum wiedererkennen.
Ich hatte immer nur seine Narben gesehen.
Seine Tätowierungen.
Sein verschlossenes Gesicht.
Nie hatte ich mich gefragt, welche Geschichte dahintersteckte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Heinrich schüttelte den Kopf.
„Darüber reden wir später. Jetzt braucht Ihr Junge Sie.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Ein Arzt trat auf den Flur.
Ich sprang auf.
„Lukas?“
Der Arzt nickte.
„Sein Zustand hat sich stabilisiert. Wir konnten ihn medizinisch versorgen. Er ist wieder bei Bewusstsein.“
Ich begann zu weinen.
Diesmal vor Erleichterung.
„Kann ich zu ihm?“
„Ja. Aber er ist noch sehr erschöpft. Und wir werden weitere Unterstützung für ihn organisieren.“
Ich nickte.
Dann drehte ich mich zu Heinrich.
„Kommen Sie bitte mit.“
Er sah überrascht aus.
„Ich?“
Ich blickte auf Kasimir.
„Sie beide.“
Lukas lag blass in seinem Krankenhausbett.
Sein Gesicht wirkte schmaler als noch am Morgen.
Der Monitor neben ihm piepte regelmäßig.
Ich hatte noch nie ein Geräusch so sehr geliebt.
Als ich näher kam, öffnete Lukas die Augen.
„Mama?“
Ich nahm seine Hand.
Seine Lippen begannen zu zittern.
„Es tut mir leid.“
Er schaute weg.
„Ich wollte dir keinen Ärger machen.“
„Lukas …“
„Ich bin nur noch müde, Mama.“
Tränen liefen über seine Wangen.
„Ich habe das Gefühl, dass ich alles falsch mache. In der Schule. Zu Hause. Überall.“
Er schluckte.
„Du arbeitest so viel für mich. Und ich kriege nicht einmal mein eigenes Leben hin.“
Mir brach das Herz.
Ich hatte zusätzliche Schichten übernommen, damit er nach dem Abitur studieren konnte.
Ich wollte ihm Möglichkeiten geben, die ich selbst nie gehabt hatte.
Dabei hatte ich übersehen, wie sehr er schon jetzt litt.
Ich setzte mich an sein Bett.
„Du musst mir nichts beweisen.“
Er schaute mich unsicher an.
„Du bist keine Enttäuschung. Nicht heute. Nicht morgen. Niemals.“
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