Ich wollte den ausgesetzten Pitbull Balu nur zwei Wochen behalten, doch dann veränderte er mein ganzes Leben

Ich strich über seine Stirn.

„Wir zwei sind vielleicht gar nicht so verschieden“, sagte ich.

Balu seufzte.

Und blieb liegen.

In den folgenden Tagen änderte sich etwas in meiner Wohnung.

Es waren Kleinigkeiten.

Morgens sprach ich mit Balu, während ich meinen Kaffee kochte.

„Heute wird es spät, mein Junge. Frau Krüger schaut nach dir.“

Er stand neben mir und beobachtete jeden Handgriff.

Wenn ich von der Arbeit kam, hörte ich manchmal schon hinter der Tür seine Schritte.

An einem Donnerstag fand ich ihn zum ersten Mal mit seinem Stoffhund im Maul.

Er stand mitten im Wohnzimmer, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem erwischt.

„Ach, schau an!“, sagte ich. „Du kannst ja doch spielen.“

Sofort ließ er das Spielzeug fallen.

Also hob ich es auf, setzte mich auf den Teppich und schob es langsam in seine Richtung.

Er schnupperte daran.

Dann nahm er es wieder ins Maul.

Ich klatschte leise in die Hände.

Balu wedelte.

Ich weiß nicht, wer an diesem Abend glücklicher war.

Am nächsten Tag brachte ich ein neues Hundebett mit.

Rund, mit einem weichen Rand und einer dicken Decke.

Ich stellte es neben mein eigenes Bett.

Balu untersuchte es gründlich.

Er schnupperte an jeder Ecke, drehte sich mehrfach im Kreis und ließ sich schließlich hineinfallen.

Dann kam ein langer Seufzer.

Ein Geräusch, das ich nie vergessen werde.

Ich streckte meine Hand aus dem Bett.

Meine Finger berührten seine Pfote.

Er zog sie nicht weg.

So schliefen wir ein.

Am nächsten Morgen war Balu bereits wach, als ich die Augen öffnete.

Er lag in seinem Körbchen und schaute mich an.

„Guten Morgen“, murmelte ich.

Sein Schwanz klopfte gegen den Boden.

Da traf mich ein Gedanke, vor dem ich mich bis dahin gedrückt hatte.

In wenigen Tagen würde jemand kommen und ihn abholen.

Dieser Platz neben meinem Bett wäre dann wieder leer.

Und plötzlich fühlte sich dieser Gedanke unerträglich an.

Am siebten Tag der zweiten Woche lag Balu auf meinem Sofa.

Das war neu.

Bis dahin hatte er sich niemals auf Möbel getraut.

Jetzt hatte er sich ausgerechnet meinen Lieblingsplatz ausgesucht.

Sein großer Körper nahm beinahe das gesamte Sofa ein. Sein Kopf lag auf meinem alten grauen Kissen.

Ich blieb in der Wohnzimmertür stehen.

„Balu! Was machst du denn da?“

Er hob den Kopf.

Ich zeigte auf den Teppich.

„Eigentlich ist das mein Platz.“

Balu sah mich an.

Dann rutschte er ein kleines Stück zur Seite.

Gerade weit genug, dass ich mich neben ihn setzen konnte.

Ich musste lachen.

„Ach so. Wir teilen jetzt?“

Ich setzte mich.

Balu legte seinen Kopf auf meinen Oberschenkel.

Der Fernseher blieb ausgeschaltet.

Wir saßen einfach da.

Irgendwann lehnte ich meinen Kopf zurück und betrachtete das Zimmer.

Die alte Stehlampe.

Das Bücherregal.

Die Fotos an der Wand, auf denen meistens nur Landschaften zu sehen waren.

Nichts hatte sich verändert.

Und doch fühlte sich die Wohnung vollkommen anders an.

Es war nicht mehr nur der Ort, an dem ich schlief und meine Sachen aufbewahrte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wie ein Zuhause an.

Wegen eines Hundes, den ich eigentlich gar nicht behalten wollte.

Am zehnten Tag begann ich heimlich nach einer anderen Wohnung zu suchen.

Mein Vermieter hatte mir ausdrücklich erklärt, dass eine dauerhafte Hundehaltung vorher abgesprochen werden musste.

Für die kurze Pflegezeit hatte er zugestimmt.

Dauerhaft war etwas anderes.

Ich nahm meinen Mut zusammen und rief ihn an.

„Herr Berger, ich hätte eine Frage wegen des Hundes.“

Er schwieg kurz.

„Sie möchten ihn behalten?“

Ich blickte auf Balu, der gerade seinen Stoffhund durch das Wohnzimmer trug.

„Ich denke darüber nach.“

Herr Berger war freundlich, aber er machte mir keine Hoffnungen.

Die Wohnung war hellhörig, das Haus eng, und mehrere Bewohner hatten Bedenken wegen eines großen Hundes.

„Auf Dauer wird das hier schwierig“, sagte er.

Ich verstand ihn.

Trotzdem legte ich das Telefon mit einem schweren Gefühl auf.

Am Abend öffnete ich die Wohnungsanzeigen.

Ich suchte etwas Bezahlbares in der Umgebung von Hannover.

Eine kleine Erdgeschosswohnung.

Vielleicht ein Haus zur Miete.

Irgendetwas mit einem Stück Garten.

Die meisten Angebote lagen über meinem Budget.

Einige Vermieter wollten keine großen Hunde.

Andere antworteten überhaupt nicht.

Ich rechnete meine monatlichen Ausgaben durch.

Miete.

Strom.

Lebensmittel.

Fahrkarte.

Rücklagen für Tierarztkosten.

Es würde eng werden.

Sehr eng.

Ich klappte den Laptop zu und sah Balu an.

Er lag mit seinem Kopf auf meinen Füßen.

„Du machst es mir wirklich nicht leicht“, sagte ich.

Sein Schwanz klopfte einmal gegen den Teppich.

Ich öffnete den Laptop wieder.

Am vierzehnten Tag klingelte mein Telefon.

Monika.

Ich war gerade aus dem Frühdienst gekommen.

Balu lag neben dem Sofa und schlief.

„Claudia, ich habe gute Nachrichten!“

Ich schloss die Augen.

Irgendwie wusste ich sofort, was kommen würde.

„Wir haben eine Familie gefunden, die sich sehr für Balu interessiert.“

Ich sagte nichts.

„Die Leute wohnen in einem Haus mit großem Garten. Sie haben Erfahrung mit Hunden, und die Kinder freuen sich schon. Wenn alles beim Kennenlernen passt, könnte Balu bald umziehen.“

Ich betrachtete seine breite Brust, die sich ruhig hob und senkte.

„Claudia? Bist du noch dran?“

„Ja.“

„Das ist doch schön, oder?“

Ich schluckte.

Natürlich war es schön.

Genau darauf hatten wir hingearbeitet.

Balu sollte ein dauerhaftes Zuhause bekommen.

Menschen, die ihn liebten.

Einen Platz, an dem er sich sicher fühlen konnte.

Aber während Monika weitersprach, merkte ich, dass ich kaum noch zuhörte.

Vor meinem inneren Auge sah ich den leeren Flur.

Den unbenutzten Futternapf.

Das runde Hundebett neben meinem Bett.

Ich stellte mir vor, nach einem anstrengenden Dienst nach Hause zu kommen und niemanden hinter der Tür zu hören.

Kein leises Schwanzklopfen.

Keine warmen Augen.

Keinen großen Kopf auf meinem Knie.

„Claudia?“

„Ich muss kurz nachdenken“, sagte ich.

Monika wurde still.

„Natürlich. Ruf mich einfach zurück.“

Ich legte auf.

Dann setzte ich mich auf den Teppich.

Balu öffnete die Augen.

„Es ist so weit“, sagte ich.

Er hob den Kopf.

„Du solltest doch nur zwei Wochen bleiben.“

Er stand auf und kam näher.

„Das war die Abmachung.“

Balu schob seine Nase unter meine Hand.

Ich begann zu weinen.

Nicht laut.

Mir liefen einfach die Tränen herunter, während ich sein Fell streichelte.

„Ich habe dir doch gesagt, dass du wieder gehen musst.“

Natürlich verstand er die Worte nicht.

Aber er blieb bei mir.

Und genau das machte es so schwer.

Ich hatte mein ganzes Leben damit verbracht, niemanden zu nah an mich heranzulassen.

Jetzt saß ich da und hatte Angst, ausgerechnet denjenigen zu verlieren, der mich nie nach meiner Vergangenheit gefragt hatte.

Der nichts von mir verlangte, außer Geduld, Futter und einem sicheren Platz.

Der mich jeden Abend empfing, als wäre meine Rückkehr das Wichtigste auf der Welt.

Ich nahm mein Telefon.

Meine Hände zitterten.

Monika meldete sich nach dem zweiten Klingeln.

„Claudia?“

„Ich kann ihn nicht zurückbringen.“

Es entstand eine Pause.

„Ist etwas passiert? Ist Balu krank?“

„Nein.“

„Hat er Probleme gemacht?“

„Nein. Überhaupt nicht.“

Ich holte tief Luft.

„Monika, er ist schon zu Hause.“

Am anderen Ende blieb es still.

Dann fragte sie vorsichtig: „Möchtest du ihn behalten?“

Ich sah Balu an.

Er hatte sich vor mich gesetzt und betrachtete mich mit seinen großen braunen Augen.

„Ja“, sagte ich.

Zum ersten Mal ohne zu zögern.

„Ich möchte, dass er bei mir bleibt.“

Monika lachte leise.

„Das habe ich mir fast gedacht.“

„Wirklich?“

„Claudia, du rufst mich seit Tagen an und erzählst mir, was er gefressen hat, wie er geschlafen hat und welches Spielzeug er am liebsten mag.“

Ich wischte mir über die Wangen.

„Ich habe sogar schon nach einer anderen Wohnung gesucht.“

„Dann machen wir alles in Ruhe fertig“, sagte sie. „Und ich sage der Familie Bescheid, dass Balu bereits sein Zuhause gefunden hat.“

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