Jeden Samstag vor der JVA: Eine Oma, eine Bank und Kinder, die niemand sieht

Eine Woche nach dem letzten Samstag, an dem fünfzehn Kinder bei mir Seifenblasen gejagt hatten, stand ich wieder mit meiner Kühltasche am gleichen Parkplatz.

Ich dachte, es wäre wie immer, bis ich auf meiner Bank einen Umschlag fand, festgeklemmt unter einem Stein, als hätte der Wind ihn sonst mitgenommen. Darauf stand in krakeligen Buchstaben: „Für Hannelore. Bitte erst lesen, wenn Besuch vorbei ist.“

Ich legte den Umschlag in meine Tasche, ganz nach unten, unter die Müsliriegel, als wäre es etwas Zerbrechliches.

Dann setzte ich mich hin, wie ich es immer tue, und schaute auf das graue Gebäude, das nie freundlich wirkt, egal wie viel Sonne davor steht. Der November hing in der Luft, feucht und kalt, und die ersten Atemwolken der Wartenden sahen aus wie kleine, unerzählte Sätze.

Die ersten kamen kurz nach acht. Eine Mutter mit zwei Kindern, eines im Buggy, das andere mit einer viel zu dünnen Jacke, die an den Schultern rutschte. Das größere Kind hielt sich an der Metallstange des Zauns fest, als würde es prüfen, ob die Welt noch stabil ist.

„Ist das die Hannelore-Bank?“, fragte die Mutter, halb lächelnd, halb mit diesem Gesicht, das man bekommt, wenn man schon zu viel geschluckt hat.

„Das ist einfach eine Bank“, sagte ich, „aber ja. Setzen Sie sich kurz, wenn Sie möchten.“

Sie tat es nicht, sie blieb stehen. „Meine Kleine will nicht durch die Kontrolle. Sie sagt, sie riecht da drinnen Angst.“

Das Mädchen neben ihr, vielleicht sechs, schaute mich an, großäugig, mit einem Mund, der viel zu ernst war. Sie drückte eine kleine Stoffkatze an sich, das Fell an einer Stelle schon abgewetzt. Ich klopfte auf die Bank, nicht drängend, eher wie ein Angebot.

„Wir können hier warten“, sagte ich. „Draußen riecht es nach nassem Laub. Das ist ein guter Geruch.“

Das Mädchen setzte sich, langsam. Die Mutter beugte sich zu ihr und flüsterte etwas, dann ging sie Richtung Eingang, als würde sie über Glas laufen. Das Mädchen blieb, hielt die Stoffkatze fest und schaute den Boden an, als wäre er eine Landkarte.

„Wie heißt deine Katze?“, fragte ich.

„Lilli“, sagte sie so leise, dass es fast der Wind war.

„Dann ist Lilli heute mit auf der Bank“, sagte ich. „Und wir machen Lilli ein bisschen Mut. Nicht dir, nur Lilli.“

Ein winziges Zucken in ihrem Mundwinkel, das war alles. Aber manchmal ist alles genau das.

Wir malten, nicht schön, nicht ordentlich, einfach. Herzen, ein Zaun, eine Sonne, die über allem hing, weil sie es darf. Neben uns kamen neue Kinder, schüchtern oder laut, mit Blicken, die ständig nach der Tür suchten, als müsste man sie festhalten, damit sie nicht verschwindet.

Ein kleiner Junge fragte: „Warum müssen die Erwachsenen immer so tun, als wäre alles normal?“

Ich atmete aus. „Weil sie es sich wünschen“, sagte ich. „Und weil Normalität wie ein Mantel ist. Man zieht ihn an, auch wenn es drinnen kalt ist.“

Gegen neun wurde es unruhig. Nicht laut, aber man spürt das, wie wenn sich ein Wetter ändert. Menschen am Eingang blieben stehen, ein paar drehten sich wieder um, ein Mann rieb sich die Stirn und sagte etwas, das ich nicht verstand.

Dann kam eine Frau auf mich zu, die ich schon kannte, Anfang dreißig, müde Augen, aber wacher Blick. Sie hielt ein Handy in der Hand, als wäre es ein Beweisstück gegen den Tag.

„Hannelore“, sagte sie, und in ihrer Stimme lag etwas, das mir nicht gefiel. „Heute ist… heute ist Besuch kurzfristig abgesagt. Irgendwas intern. Sie sagen, wir sollen später wiederkommen.“

Die Kinder merkten es sofort. Sie merkten alles sofort. Ein Kind fragte nicht „Warum“, es fragte: „Heißt das, Papa ist weg?“

Das Mädchen mit der Stoffkatze klammerte sich an Lilli, als hätte jemand die Luft dünner gemacht. Ein anderer, größer, vielleicht zehn, stand auf und trat gegen einen Stein, nicht hart, aber genau so, wie man tritt, wenn man nicht weiß, wohin mit der Wut.

„Kommt“, sagte ich, und ich hörte, dass meine eigene Stimme ein bisschen fester wurde. „Wir machen heute keine Seifenblasen. Heute machen wir etwas anderes.“

„Was denn?“, fragte der Zehnjährige.

„Wir machen Briefe“, sagte ich. „Keine großen, keine perfekten. Nur kleine. Damit der Tag nicht so leer bleibt.“

Ein paar Mütter standen noch unschlüssig, manche weinten schon, schnell und still, weil dafür wenigstens niemand eine Erklärung verlangt. Ich zeigte auf meine Tasche, auf die Blöcke und Stifte, auf die Kekse, die immer gleich schmecken, egal wie der Tag ist.

„Nur hier“, sagte ich. „Nur auf der Bank. Wer möchte.“

Sie kamen. Nicht alle, aber genug. Und die Kinder, die eben noch gezittert hatten, begannen plötzlich zu schreiben, zu malen, zu krakeln. Ein Junge schrieb nur ein Wort, ganz groß: „WARTEN“, und malte daneben ein kleines Männchen hinter Glas, das winkte.

Das Mädchen mit Lilli malte eine Katze mit Flügeln. „Die kann da durch“, sagte sie. „Die fliegt bis zu Papa.“

„Dann fliegt sie heute“, sagte ich.

Ein älterer Herr, der am Rand stand und bisher immer nur geschwiegen hatte, trat näher. Er schaute in die Runde, in die kleinen Blätter, in die Hände, die endlich etwas tun durften. Dann räusperte er sich.

„Darf ich…“, begann er, „darf ich mich auch setzen? Ich hab keine Kinder, aber ich… ich kenn dieses Warten.“

„Setzen Sie sich“, sagte ich. „Warten ist kein Besitz. Warten ist etwas, das man teilen kann.“

So saßen wir da, eine Bank voll Leben vor einem Gebäude, das Leben sonst eher an die Leine nimmt. Die Erwachsenen gingen nach und nach, weil man irgendwann nach Hause muss, weil Suppe gekocht werden muss, weil irgendein Alltag verlangt, dass man weiter funktioniert.

Die Kinder blieben länger als sonst. Nicht, weil es ihnen plötzlich gut ging, sondern weil niemand wusste, wie man den Tag sonst beendet.

Kurz vor zwölf kam ein Mann in Uniform aus dem Eingang, aber nicht mit der Haltung, die Angst macht. Er blieb ein paar Meter entfernt stehen, die Hände sichtbar, als hätte er meine Regel verstanden, ohne dass ich sie ihm erklärt hatte.

„Frau… Hannelore, richtig?“, fragte er.

Ich nickte, vorsichtig. „Ja.“

„Ich habe Sie hier schon oft gesehen“, sagte er. „Wir… also, am Eingang kennt man Sie. Das ist gut. Heute war das für viele schwer, und…“ Er suchte nach Worten, als hätte er sie sonst nur für Dienstliches. „Danke, dass Sie ruhig bleiben.“

„Die Kinder können nichts dafür“, sagte ich. Mehr sagte ich nicht, weil es für den Rest sowieso keine Sätze gibt, die alles richtig machen.

Er nickte, einmal, und ging wieder rein. Als er weg war, atmete ich erst richtig aus. Es ist seltsam: Man sitzt jede Woche am selben Ort, und trotzdem bleibt es ein Ort, an dem man nie ganz entspannt.

Als die Bank leerer wurde, griff ich in meine Tasche und fühlte den Umschlag. Ich wartete, bis nur noch zwei Kinder da waren, die auf ihre Mütter warteten, die noch telefonierten und Pläne verschoben, wie man Steine in der Hand verschiebt, damit sie weniger schneiden.

Dann öffnete ich ihn.

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