Innen war ein Blatt, gefaltet, und eine Zeichnung: eine Bank, groß gemalt, mit vielen kleinen Figuren darauf. Darüber stand: „Hier ist weniger kalt.“ Darunter, in einer anderen Schrift, sauberer: „Liebe Hannelore, ich heiße Jana. Du hast vor fünf Jahren auf meinen Lukas aufgepasst. Er ist jetzt neun.“
Mein Herz machte dieses kleine, dumme Stolpern, das es immer macht, wenn Vergangenheit plötzlich wieder vor einem steht.
„Lukas“, flüsterte ich, obwohl niemand fragte.
Jana schrieb weiter, nicht lang, aber jede Zeile trug Gewicht. Sie schrieb, dass Lukas früher schon im Auto Bauchweh bekam, wenn sie hierher fuhren. Dass er irgendwann aufgehört hatte zu weinen, nicht weil es leicht wurde, sondern weil er wusste, dass draußen jemand sitzt, der bleibt. Dass er jetzt manchmal selber den kleineren Kindern die Stifte reicht und sagt: „Keine Angst, die Oma ist da.“
Am Ende stand: „Am nächsten Samstag haben wir Besuch. Diesmal findet er statt. Lukas möchte dir etwas geben. Wenn du da bist.“
Ich faltete den Brief wieder zusammen, sehr langsam. Nicht weil ich alt bin, sondern weil ich Angst hatte, eine Ecke zu knicken und damit etwas zu beschädigen, das man nicht ersetzen kann.
Am nächsten Samstag war die Luft klarer. Es war kalt, aber trocken, und der Himmel hatte dieses blasse Winterblau, das so tut, als wäre alles einfach. Ich war früh da, wie immer. Die Bank war noch feucht vom Tau, ich wischte sie mit einem Tuch ab, als wäre es ein Tisch in einer Küche.
Kurz nach halb neun sah ich sie. Jana erkannte ich zuerst an der Art, wie sie ging: gerade, aber mit diesem leichten Druck auf den Schultern, als trüge sie immer noch eine Tasche, auch wenn die Hände frei sind. Neben ihr ein Junge, groß geworden, schmal, mit einer Mütze tief ins Gesicht gezogen.
Und dann hob er den Kopf, und ich sah die Augen. Das ist das Unfaire an Augen: Sie vergessen nichts.
„Hannelore?“, fragte er, als müsste er sicher sein, dass ich echt bin.
„Lukas“, sagte ich. „Du bist gewachsen.“
Er grinste kurz, schief. „Du bist… noch da.“
„Ich sitze“, sagte ich. „Das kann ich gut.“
Jana trat näher und hielt kurz inne, als müsste sie sich erlauben, dankbar zu sein. „Ich wollte nicht… ich wollte nicht einfach so auftauchen“, sagte sie. „Aber er hat dich die ganze Woche…“
„Ich hab ihr gesagt, das ist wichtig“, sagte Lukas schnell. Und dann, fast trotzig: „Du warst wichtig.“
Er zog einen Umschlag aus seiner Jackentasche, ganz ordentlich, und gab ihn mir, als wäre es eine Übergabe mit beiden Händen, so ernst, dass mir die Kehle eng wurde.
„Darf ich?“, fragte er.
Ich nickte und öffnete ihn. Drinnen war ein Foto. Kein glänzendes, kein perfektes. Eher eins von einem Küchentisch, leicht schief, aber genau deshalb echt. Darauf war eine Bank zu sehen, und darauf saß ich, kleiner als ich mich selber sehe, mit einem Kind neben mir, das ein Keks in der Hand hielt.
„Das war damals“, sagte Jana leise. „Eine Freundin hat es gemacht. Ich hab’s nie gezeigt. Ich… ich wollte es nur behalten, falls ich irgendwann vergesse, dass es auch gute Menschen gibt.“
Lukas setzte sich neben mich, ohne zu fragen. Er war jetzt fast so groß wie ich im Sitzen, und plötzlich war da dieses Gefühl, als hätte die Zeit einen Kreis gemacht.
„Ich geh heute rein“, sagte er. „Aber ich hab… ich hab was für die Kleinen mitgebracht.“ Er zog aus seinem Rucksack eine Tüte, und darin waren Seifenblasen, mehrere, und ein Stapel Malblöcke. „Mama sagt, ich darf das abgeben. Für die Bank.“
Jana nickte. „Er hat gespart. Nicht viel, aber…“
„Es ist genug“, sagte ich, und meine Stimme war plötzlich nicht mehr ganz glatt.
Dann kamen andere Kinder dazu, wie immer. Und Lukas stand auf, ging zu einem kleineren Jungen, der am Bordstein saß und so atmete, als hätte er zu wenig Platz in der Brust.
„Hey“, sagte Lukas, nicht laut, aber klar. „Du musst nicht rein, wenn du nicht willst. Du kannst hier bleiben. Ich war auch mal klein.“
Der Junge schaute ihn an, misstrauisch, wie Kinder es dürfen. „Echt?“, fragte er.
Lukas nickte. „Und weißt du was? Die Seifenblasen hier platzen immer auf Nasen. Immer.“
Der kleine Junge machte ein Gesicht, das fast ein Lachen war, obwohl noch Tränen drauf lagen. Und ich sah Jana an, und sie sah mich an, und in diesem Blick lag nichts Großes. Nur dieses stille: Wir haben es bis hierher geschafft.
Als Jana später Richtung Eingang ging, blieb Lukas einen Moment stehen und drehte sich noch einmal um.
„Hannelore“, sagte er.
„Ja?“
Er schluckte. „Wenn ich irgendwann… wenn das alles vorbei ist… darf ich dich dann trotzdem mal besuchen? Einfach so. Ohne… ohne Glas.“
Jana machte einen kleinen Schritt zu ihm, aber sie sagte nichts. Sie ließ ihn fragen, weil Fragen manchmal auch Mut sind.
Ich legte meine Hand kurz auf Lukas’ Ärmel, nicht auf die Haut, nicht zu nah. „Wenn du möchtest“, sagte ich. „Dann trinkst du Apfelschorle auf einer Bank, die nicht nach Kontrolle riecht.“
Er nickte, und dann ging er. Nicht rennend, nicht zögernd. Einfach gehend.
An diesem Samstag, als die Uhr auf zwölf zuging, war mein Platz auf der Bank derselbe. Aber etwas war anders. Es war nicht mehr nur mein Warten, das hier saß. Es war ein bisschen Hoffnung, die mit Stiften und Seifenblasen in einer Tüte steckte und von einem Jungen gebracht worden war, der einmal gezittert hatte.
Als die letzten Kinder abgeholt wurden, blieb der ältere Herr von neulich noch kurz stehen. Er hielt eine Thermoskanne hoch.
„Nächsten Samstag bring ich Tee“, sagte er. „Wenn Sie erlauben. Dann sind Sie nicht allein.“
Ich lächelte. „Allein war ich hier selten“, sagte ich. „Aber Tee ist immer erlaubt.“
Ich ging später nach Hause, langsam, mit der leichten Müdigkeit, die nicht weh tut. In meiner Tasche lag das Foto, und die Zeichnung, und die neuen Seifenblasen, als wären es kleine Beweise gegen die Härte der Welt.
Ich bin 76. Ich sitze auf einer Bank vor einer JVA mit Apfelschorle und Buntstiften. Und jetzt weiß ich noch etwas sicherer als vorher: Manchmal reicht es wirklich, zu bleiben, bis ein Kind wieder atmen kann.
Mehr verspreche ich nicht. Aber an manchen Samstagen kommt sogar noch etwas dazu: Dass ein Kind, das einmal nicht rein wollte, später selbst die Stifte verteilt. Und dass aus einer Bank, die nur Holz war, ein Ort wird, an dem es für einen Moment weniger kalt ist.






