Mein Blind Date blieb leer, bis ein kleines Mädchen flüsterte: „Mama lässt dich nicht warten…“

Die Lichterketten im Café spiegelten sich in den Scheiben, draußen wurde der Himmel über der Stadt schon dunkel. Tobias Hartmann saß allein an einem kleinen Tisch am Fenster. Vor ihm stand eine Kerze, daneben ein Glas Wasser, das er längst nicht mehr angerührt hatte.

Er blickte zum dritten Mal in zehn Minuten auf seine Uhr.

Mit 36 hatte Tobias genug Verabredungen erlebt, um zu wissen, wie sich Warten anfühlt, wenn am Ende niemand kommt. Und nach zwanzig Minuten sah es leider genau danach aus: Der Stuhl gegenüber blieb leer, als wäre er nur für die Dekoration hingestellt worden.

Sein Geschäftspartner hatte ihn zu diesem Treffen überredet. „Du arbeitest dich kaputt“, hatte er gesagt. „Du brauchst mal einen Abend ohne E-Mails. Und ich kenne da jemanden. Nett, ehrlich, warmherzig. Genau dein Typ.“

Tobias hatte gelacht und trotzdem zugesagt – vielleicht, weil ihm selbst aufgefallen war, wie still seine Wohnung abends war. Wie sehr man sich an Erfolg gewöhnen konnte, ohne dass er einen wirklich wärmt.

Er wollte gerade nach der Bedienung sehen, um zu bezahlen, als er eine kleine Gestalt bemerkte, die zwischen den Tischen hindurchlief.

Ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, mit hellen Locken, die mit einer rosa Schleife zusammengehalten wurden. Sie trug ein Kleidchen in der gleichen Farbe und ging so zielstrebig, als hätte sie eine sehr wichtige Aufgabe.

Sie blieb direkt neben Tobias stehen, streckte das Kinn ein wenig vor und sagte mit erstaunlich deutlicher Stimme:

„Entschuldigung. Sind Sie Herr Tobias?“

Tobias blinzelte. „Äh… ja. Das bin ich. Und wer bist du?“

„Ich bin Mia“, sagte sie ernst. „Mama hat mich geschickt. Sie sagt, sie kommt gleich. Sie ist nur noch beim Parken. Und sie sagt, es tut ihr sehr, sehr leid, dass sie zu spät ist. Und sie hofft, Sie sind noch da.“

Tobias spürte, wie sein Ärger einfach wegflog, als hätte jemand ein Fenster geöffnet. Stattdessen musste er fast lachen, vor Überraschung und irgendwie auch vor Rührung.

„Deine Mama hat dich allein geschickt, um mich zu suchen?“, fragte er vorsichtig.

Mia schüttelte den Kopf, als wäre das eine dumme Frage. „Nein. Mama steht da vorne bei der Tür. Sie kann mich sehen. Sie hat gesagt, ich soll nur schnell fragen, ob Sie wirklich hier sind.“

Tobias drehte sich kurz um. Tatsächlich: In der Nähe des Eingangs stand eine Frau, eine Hand am Mantel, die andere am Handy. Ihr Blick war unruhig, suchend, und als sie Mia am Tisch entdeckte, wurde ihr Gesicht noch hektischer.

Mia merkte seinen Blick. „Mama hat mir Ihr Foto gezeigt. Damit ich Sie erkenne. Sie hat gesagt: Fensterplatz, Kerze, so ein dunkler Pulli.“

Tobias musste lächeln. „Dann hast du mich ja gefunden.“

Mia nickte zufrieden, als hätte sie gerade ein Rätsel gelöst. „Ja. Das war leicht.“

„Möchtest du dich kurz hinsetzen, bis deine Mama da ist?“, fragte Tobias.

Mia kletterte mit beiden Händen auf den Stuhl gegenüber. Sie wollte keine Hilfe, das sah man sofort. Tobias hielt still, bereit einzuspringen, aber sie schaffte es allein und saß dann ganz gerade da, die Hände sauber auf dem Tisch gefaltet.

Sie schaute ihn ernst an. „Mama sagt, ich soll nicht mit Fremden reden.“

„Das ist schlau“, sagte Tobias.

„Aber Mama sagt, Sie sind kein Fremder“, fuhr Mia fort. „Sie sagt, Sie sind… sozusagen ein Freund. Also darf ich kurz reden.“

Tobias atmete leise aus. „Wenn deine Mama dich geschickt hat, dann stimmt das wohl.“

Mia beugte sich ein Stück vor, als müsste sie jetzt etwas sehr Wichtiges prüfen. „Werden Sie meine Mama heiraten?“

Tobias verschluckte sich fast an seinem eigenen Atem. „Bitte… was?“

Mia wiederholte geduldig, als hätte er einfach nicht gut genug zugehört: „Werden Sie meine Mama heiraten?“

Tobias rieb sich kurz über die Stirn. „Das… weiß ich noch nicht. Ich kenne deine Mama ja noch gar nicht.“

„Aber Sie sind doch hier“, stellte Mia fest.

„Ja“, sagte Tobias und musste trotz allem lächeln. „Das stimmt.“

Mia nickte, als wäre das ein starkes Argument. „Frau Neumann aus dem Haus hat gesagt, Mama braucht einen Mann. Und Mama hat gesagt, sie versucht es, aber es ist schwer, wenn man ein Kind hat. Weil manche Männer Kinder nicht mögen. Mögen Sie Kinder?“

Tobias sah sie an – diese kleinen Hände, die ernsten Augen, die Art, wie sie alles direkt aussprach, ohne Umwege. Und er spürte plötzlich, wie sehr er sich in den letzten Jahren daran gewöhnt hatte, dass niemand ihn so ehrlich etwas fragte.

Er wollte gerade antworten, da kam eine Frau schnell an den Tisch. Sie war außer Atem, ihr Blick sprang zuerst zu Mia, dann zu Tobias. Ihre Wangen waren gerötet, nicht nur von der Kälte draußen.

„Mia!“, sagte sie leise, aber deutlich. „Ich habe gesagt, du sollst bei mir bleiben.“

Mia hob stolz den Kopf. „Ich bin doch nur schnell hin. Ich hab ihn gefunden.“

Die Frau schloss für einen Moment die Augen, als würde sie sich sammeln. Dann wandte sie sich Tobias zu.

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