Als die Polizei mich vor meiner Werkstatt in Handschellen legte, stand mein elfjähriger Sohn im Türrahmen. Erst später begriff ich, warum er so erleichtert aussah.
„Legen Sie den Schraubenschlüssel hin. Langsam.“
Ich sah erst auf meine rechte Hand, dann auf den Mann vor mir. Hinter ihm standen zwei weitere Beamte. Einer hielt den Blick auf die offene Werkstatttür gerichtet.
„Was ist denn passiert?“, fragte ich. „Ist meinem Jungen was passiert?“
„Ihr Sohn ist in Sicherheit. Legen Sie bitte das Werkzeug weg.“
Ich ließ den Schlüssel auf die Werkbank sinken. Auf der anderen Seite des Hofes stand Hannes neben einer Polizistin, die sich zu ihm herunterbeugte. Er trug noch seinen Schlafanzug.
„Hannes? Was ist los?“
Er zog die Ärmel über seine Hände und schaute an mir vorbei.
Ich heiße Hartmut Seidel, bin dreiundsechzig und habe zweiundvierzig Jahre als Betriebsschlosser gearbeitet. Meine Nase ist seit einem Arbeitsunfall schief, unter meinen Fingernägeln sitzt meistens irgendetwas, und freundlich sehe ich selbst dann nicht aus, wenn ich mich freue. Aber bis zu diesem Abend hatte mir noch nie jemand Handschellen angelegt.
„Wir müssen einen schweren Vorwurf prüfen“, sagte der Beamte. „Ihr Sohn hat den Notruf gewählt.“
Ich blickte wieder zu Hannes.
„Was für einen Vorwurf?“
Der Mann zögerte kurz.
„Er sagt, Sie hätten einen Menschen getötet und hinter Ihrem Haus vergraben.“
Ich hörte ein leises Klirren. Erst später merkte ich, dass ich mit der Hüfte gegen eine Schale voller Schrauben gestoßen war.
„Nein“, sagte ich. Mehr brachte ich zunächst nicht heraus.
Dann rief ich nach meinem Sohn. Die Polizistin führte ihn ins Haus, bevor er antwortete. Er ging mit ihr, ohne sich umzudrehen.
Unser Haus steht am Rand einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet. Ein schmales Grundstück, eine alte Doppelhaushälfte, hinten ein Apfelbaum und die Werkstatt, die früher eine Garage gewesen war. Seit dem Tod meiner Frau Anja lebten Hannes und ich dort allein.
Anja war kurz nach seiner Geburt gestorben. Ich war damals zweiundfünfzig gewesen und konnte ein Getriebe zerlegen, aber keinen Säugling baden, ohne Angst zu haben, ihm wehzutun. Meine Schwester Irmgard hatte mir die ersten Wochen gezeigt, wie man Fläschchen macht und einen schlafenden Jungen ins Bett legt.
Danach hatten wir unseren Alltag gefunden. Nicht immer ordentlich, nicht immer leicht, aber unseren.
Nun saß ich in einem Polizeiwagen vor meinem eigenen Gartentor. Meine Handgelenke schmerzten. Durch die Scheibe sah ich fremde Menschen mit Lampen über unseren Rasen gehen.
Einer blieb am Apfelbaum stehen.
Genau dort hatte ich vor einigen Tagen frische Erde gesehen. Mein jüngerer Bruder Uwe hatte gesagt, er habe einen alten Betonrest ausgegraben, an dem ich mir beim Mähen ständig das Messer ruinierte.
Ich hatte ihm noch dafür gedankt.
Als die Beamten anfingen zu graben, wurde mir übel. Ich wollte aussteigen, wollte ihnen sagen, dass unter diesem Baum nichts sein konnte. Stattdessen hörte ich mich immer wieder denselben Satz murmeln.
„Da muss ein Irrtum sein.“
Später wurde eine Lampe anders ausgerichtet. Jemand winkte die anderen zurück. Ich sah ein Stück dunkle Plane und dann einen Beamten, der sich langsam aufrichtete.
Danach durfte ich nicht mehr zusehen.
Auf der Wache nahm man mir die Handschellen ab. Ein Mann brachte Wasser. Ich stellte den Becher vor mich hin, ohne daraus zu trinken.
In meinem Kopf war nur Hannes. Wer saß jetzt bei ihm? Hatte er seine Brille dabei? Ohne sie bekam er Kopfschmerzen, wenn er müde war.
Eine Kriminalbeamtin namens Frau Behrens kam herein. Sie erklärte mir, weshalb gegen mich ermittelt wurde, und sagte, dass ich schweigen und einen Anwalt hinzuziehen könne.
„Mein Junge“, unterbrach ich sie. „Wo ist mein Junge?“
„Ihre Schwester ist inzwischen bei ihm. Wir kümmern uns darum, dass er nicht allein ist.“
Erst da konnte ich wieder richtig Luft holen.
Frau Behrens legte keinen dramatischen Ton an den Tag. Gerade das machte mir Angst. Sie fragte nach den vergangenen Wochen, nach Besuchern und nach einem Mann namens Mark Winter.
„Der Name sagt mir nichts.“
Sie zeigte mir ein Foto. Ein Mann mit dunklen Haaren, einer schmalen Stirn und einem ernsten Blick. Ich kannte ihn nicht.
Aber ich kannte diesen Blick.
Hannes sah so aus, wenn er über einer schwierigen Rechenaufgabe saß.
„Der Mann wird seit knapp drei Wochen vermisst“, sagte sie. „Es gibt Hinweise darauf, dass es sich bei dem Toten in Ihrem Garten um ihn handelt.“
Ich starrte auf das Foto.
„Ihr Sohn sagt, dieser Mann sei sein leiblicher Vater.“
„Was? Nein.“
„Er sagt außerdem, Sie hätten den Mann fortgeschickt. Später habe er vom Fenster aus einen Kampf beobachtet.“
Ich schob das Bild zurück, als könnte ich damit auch den Rest von mir wegschieben.
„Ich bin Hannes’ Vater.“
Frau Behrens ließ mir einen Moment. Dann fragte sie, wo ich an dem Samstag gewesen sei, den Hannes genannt hatte.
„In Thüringen. Mit drei ehemaligen Kollegen.“
Seit meiner Rente halfen wir gelegentlich einer kleinen Museumswerkstatt. An jenem Wochenende hatten wir vier Tage lang an einer alten Maschine gearbeitet. Ich nannte das Gästehaus, die Namen meiner Kollegen und die Frau, die uns jeden Morgen die Werkstatt aufgeschlossen hatte.
„Rufen Sie Erwin an“, sagte ich. „Der hat mich nachts schnarchen hören. Der beschwert sich heute noch.“
Zum ersten Mal sah sie mich etwas länger an.
„Ihr Bruder hat in dieser Zeit auf Hannes aufgepasst?“
Ich nickte. Uwe war neunundfünfzig, geschieden und wohnte zehn Minuten entfernt. Er hatte einen Schlüssel, kannte den Stundenplan und wusste, welche Nudeln mein Sohn aß und welche angeblich völlig anders schmeckten.
Frau Behrens schrieb etwas auf.
Da fiel mir die Erde unter dem Apfelbaum wieder ein.
Und Uwes Satz, als ich nach meiner Rückkehr gefragt hatte, warum mein Junge so still sei.
„Hat schlecht geschlafen. Ist wohl gerade so eine Phase.“
Ich beugte mich über den Tisch.
„Mein Bruder trägt manchmal meine alte Arbeitsjacke“, sagte ich. „Die blaue. Mit dem hellen Fleck an der Schulter.“
Sie sah auf.
„Wir sind ungefähr gleich groß. Von hinten verwechselt uns selbst meine Schwester.“
Ich bekam die nächsten Worte kaum heraus.
„Bitte finden Sie ihn.“
Die Nacht wurde lang. Meine Kollegen waren erreichbar, das Gästehaus bestätigte meinen Aufenthalt. Stück für Stück ließ sich nachvollziehen, dass ich an jenem Wochenende nicht zu Hause gewesen war.
Als der Verdacht gegen mich sich auflöste, kam keine Erleichterung. Dafür war etwas anderes an seine Stelle getreten.
Mein Sohn hatte einen Menschen sterben sehen.
Und er hatte drei Wochen mit mir gefrühstückt, seine Hausaufgaben gemacht und sich von mir die Bettdecke hochziehen lassen, während er glaubte, ich hätte es getan.
Am frühen Morgen durfte ich ihn sehen. Vorher sprach eine Frau mit mir, die Erfahrung mit Kindern in solchen Situationen hatte.
„Hannes macht sich große Sorgen darüber, was nun mit ihm geschieht“, sagte sie. „Er braucht heute keine vielen Fragen. Er braucht Sicherheit.“
„Glaubt er noch, dass ich das war?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wir haben ihm erklärt, dass Sie nachweislich nicht dort waren.“
Ich setzte mich wieder hin, obwohl ich gerade aufgestanden war.
„Warum hat er mir denn nichts gesagt?“
Sie antwortete vorsichtig.
„Er hatte Angst vor Ihrer Antwort.“
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