Hannes saß auf einem Sofa neben Irmgard. Seine Brille lag auf dem Tisch, und an seinen nackten Knöcheln sah ich, wie kurz die Schlafanzughose inzwischen geworden war. Ich hatte neue kaufen wollen, seit Wochen schon.
Er sah mich an und brach sofort in Tränen aus.
„Es tut mir leid, Papa.“
Ich ging vor ihm in die Hocke. Mein rechtes Knie knirschte so laut, dass er normalerweise darüber gelacht hätte.
„Du musst dich nicht entschuldigen, weil du Hilfe geholt hast.“
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Doch. Weil ich überhaupt da bin.“
Ich hielt mitten in der Bewegung inne.
Hannes presste die Hände zwischen seine Knie. Dann kamen die Worte stoßweise, als hätte er sie zu lange festhalten müssen.
„Ich dachte, wenn sie mich woanders hinbringen, musst du dich nicht mehr um mich kümmern. Dann musst du nicht mehr so tun.“
„So tun?“
„Dass du mich lieb hast.“
Hinter mir hörte ich Irmgard scharf einatmen.
Ich wollte sofort widersprechen, laut und entschieden. Aber mein Junge duckte sich schon bei dem Atemzug, den ich dafür holte. Also setzte ich mich neben ihn und sprach so ruhig, wie ich konnte.
„Hannes. Wann hast du angefangen, so etwas zu denken?“
Er rieb mit dem Ärmel über sein Gesicht.
„Im Winter. Als du mit Tante Irmgard telefoniert hast.“
Meine Schwester sah mich ratlos an.
„Du hast gesagt: Der ist nicht meiner. Das war Anjas Idee. Und jetzt bleibe ich darauf sitzen.“
Eine Weile verstand ich gar nichts. Dann erinnerte ich mich an unseren alten Kater, an seine Medikamente und an die zerkratzte Tür zum Schlafzimmer.
„Du warst im Flur“, sagte ich.
Hannes nickte.
Ich schloss kurz die Augen. Ich hatte damals über den Kater geschimpft, den Anja unbedingt hatte aufnehmen wollen. Ein müdes, liebloses Gemecker am Ende eines langen Tages.
Mein Sohn hatte es gehört und sich selbst darin wiedererkannt.
„Ich habe von Oskar gesprochen“, sagte ich. „Vom Kater. Nicht von dir.“
Er schaute zu Irmgard.
„Das stimmt“, sagte sie leise. „Hartmut hatte mich gefragt, ob ich ihn eine Woche nehmen kann, während seine Hand verheilt.“
Hannes’ Mund stand ein wenig offen. Er sah aus, als hätte jemand eine schwere Tür aufgestoßen, hinter der er seit Monaten eingeschlossen gewesen war.
„Und dann kam dieser Mann“, flüsterte er.
Vier Wochen zuvor hatte Mark Winter am Gartentor gestanden. Ich war einkaufen gewesen, Uwe noch nicht da. Hannes hatte gerade den Müll hinausgebracht.
Der Fremde hatte seinen Namen gekannt.
Er hatte gesagt, er sei sein richtiger Vater. Dass ich davon wisse. Dass ich ihn nicht ins Haus ließe, weil ich nicht wolle, dass Hannes die Wahrheit erfahre.
„Er sagte, ich soll dich nicht fragen. Sonst würdest du sehr böse.“
Ich spürte Wut aufsteigen und zwang mich, die Hände offen auf meinen Oberschenkeln liegen zu lassen.
„Und du hast ihm geglaubt?“
„Er sah aus wie ich.“
Auf diese Antwort wusste ich nichts zu erwidern.
Hannes erzählte, wie er den Mann später noch einmal vor dem Grundstück gesehen hatte. Und dann, an jenem Samstagabend, zwei Gestalten hinter der Werkstatt.
Die blaue Jacke. Ein Streit, den er durch das geschlossene Fenster kaum verstehen konnte. Einer fiel zu Boden und stand nicht wieder auf.
Mein Junge hatte sich unter seine Bettdecke verkrochen.
Später hatte er noch einmal hinausgeschaut und gesehen, wie jemand unter dem Apfelbaum grub.
„Ich dachte, du bist früher zurückgekommen“, sagte er. „Ich dachte, Onkel Uwe weiß vielleicht gar nicht, dass du da bist.“
Uwe hatte danach im Flur gestanden und gefragt, weshalb bei ihm noch Licht brannte. Hannes hatte gesagt, er könne nicht schlafen. Mehr nicht.
Drei Wochen lang hatte er auf Geräusche im Garten gelauscht. Dann hatte seine Klassenlehrerin im Unterricht darüber gesprochen, dass Kinder Hilfe holen dürfen, wenn zu Hause etwas geschieht, das ihnen Angst macht.
Am Abend hatte er die Nummer gewählt.
„Ich wollte, dass es aufhört“, sagte er.
Ich legte einen Arm auf die Sofalehne, ohne ihn anzufassen.
„Darf ich dich in den Arm nehmen?“
Er rückte so schnell zu mir, dass seine Brille vom Tisch fiel. Irmgard hob sie auf, während ich meinen Sohn festhielt.
„Du bist mein Kind“, sagte ich an seinen Haaren vorbei. „Ich habe nie so getan.“
Uwe wurde noch am selben Morgen gefunden. Er ging mit den Beamten und bat darum, aussagen zu dürfen.
Ich sah ihn erst Tage später. Bis dahin erfuhr ich nur, was man mir mitteilen konnte. Dass Mark Winter tatsächlich der Tote war. Dass Uwe eine Auseinandersetzung schilderte und sagte, er habe sich gegen einen Angriff gewehrt.
Und dass er danach weder Polizei noch Rettungsdienst gerufen hatte.
„Warum?“, fragte ich ihn bei unserem ersten Gespräch. „Warum hast du mich nicht angerufen?“
Mein Bruder hatte die Hände auf dem Tisch gefaltet. Ein Pflaster klebte noch an seinem Unterarm.
„Ich hatte Angst.“
„Vor mir?“
„Vor allem.“
Er sah plötzlich viel älter aus als ich.
Er habe Mark am Haus bemerkt und angesprochen. Der Mann habe meinen Namen genannt, Beschuldigungen ausgestoßen und versucht, an ihm vorbei zur Hintertür zu gelangen. Dann sei die Sache eskaliert.
Was genau geschehen war, mussten die Ermittler klären. Uwes Schilderung allein reichte dafür nicht, das sagte sogar er selbst.
„Danach habe ich nur noch Unsinn gemacht“, flüsterte er.
Ich dachte an Hannes unter seiner Bettdecke. An das Loch hinter dem Haus. An ein ganz gewöhnliches Frühstück, bei dem mein Bruder mir gegenübergesessen und gesagt hatte, mit dem Jungen sei alles in Ordnung.
„Du hast ihn damit allein gelassen“, sagte ich.
Uwe begann zu weinen. Ich konnte ihn an diesem Tag nicht trösten.
Aber das Schwerste kam erst noch.
Frau Behrens meldete sich wieder. Man hatte mit Marks Schwester gesprochen und Unterlagen gefunden, die eine Verbindung zu mir nahelegten.
„Kannten Sie eine Frau namens Rita Winter?“
Ich stand in der Küche und hielt ein Geschirrtuch in der Hand.
Rita.
Wir waren Ende zwanzig gewesen. Ich arbeitete Schicht, sie in einer Großküche. Ein halbes Jahr lang hatten wir Pläne gemacht, die wir beide nie besonders genau aussprachen.
Dann war sie gegangen. Ihre Wohnung war leer gewesen, ihre Telefonnummer nicht mehr vergeben. Eine Bekannte hatte gesagt, Rita wolle von vorn anfangen.
Ich war verletzt gewesen und stolz. Nach einigen erfolglosen Versuchen hatte ich aufgehört, nach ihr zu suchen.
„Ja“, sagte ich schließlich. „Vor vielen Jahren.“
Mark war vierunddreißig geworden.
Ich rechnete nicht. Ich wusste es sofort.
Die Gewissheit kam später durch die Untersuchungen. Davor gab es schon Briefe, alte Fotos und die Aussagen seiner Schwester.
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