Meine alte Hündin adoptierte drei Kätzchen und machte aus Stille wieder Familie

Ich dachte, Lotte hätte drei Kätzchen adoptiert. Aber dann merkte ich, dass sie nicht nur deren Mutter geworden war. Sie war wieder gebraucht worden.

Am nächsten Morgen wachte ich nicht von meinem Wecker auf.

Ich wachte auf, weil irgendetwas Kleines über mein Gesicht lief.

Es war das mutigste der drei Kätzchen.

Oder das dümmste.

Bei Katzen ist das in dem Alter schwer zu unterscheiden.

Es stand auf meiner Brust, sah mir direkt in die Augen und machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen „Miau“ und „kaputter Fahrradklingel“ lag.

Neben meinem Bett lag Lotte.

Nicht in ihrem Körbchen.

Nicht auf ihrer Decke.

Direkt neben der Tür, wie eine müde Nachtwächterin mit grauer Schnauze.

Sie hob den Kopf, sah das Kätzchen auf mir und seufzte.

Dieser Blick sagte:

„Du hast eins verloren. Schon wieder.“

Ich hob das kleine graue Fellknäuel hoch.

„Guten Morgen auch dir.“

Es biss mir in den Finger.

Nicht böse.

Nur sehr überzeugt.

In der Waschküche fand ich die anderen beiden.

Eines schlief in Lottes Futternapf.

Das andere hatte es geschafft, eine Rolle Küchenpapier zu besiegen.

Überall lagen weiße Fetzen.

Lotte stand mitten im Chaos und sah mich an, als hätte sie mit der Sache nichts zu tun.

Ich sagte: „Das warst du nicht, ich weiß.“

Sie wedelte einmal mit dem Schwanz.

Sehr langsam.

Sehr würdevoll.

So begann unser neues Leben.

Nicht ordentlich.

Nicht leise.

Nicht vernünftig.

Aber irgendwie lebendiger als alles, was ich in den letzten Jahren gehabt hatte.

Ich gab den Kätzchen Namen.

Eigentlich wollte ich das nicht.

Namen machen alles schwerer.

Man kann „das kleine graue Kätzchen“ leichter abgeben als „Mücke“.

Aber nach drei Tagen war es vorbei.

Das kleinste hieß Mücke, weil es dünn war, laut war und immer genau da auftauchte, wo man es nicht brauchte.

Das frechste hieß Knopf, weil es runde Augen hatte und ständig an irgendetwas hing.

An der Gardine.

An meinem Bademantel.

An Lottes Ohr.

Das dritte hieß Frieda.

Nicht wegen eines besonderen Grundes.

Sie sah einfach aus wie eine Frieda.

Ruhig.

Weise.

Und mit der festen Überzeugung, dass mein Sessel eigentlich ihr Sessel war.

Lotte nahm die Namen zur Kenntnis.

Ich sagte: „Mücke.“

Sie schaute nicht.

Ich sagte: „Knopf.“

Sie schaute nicht.

Ich sagte: „Frieda.“

Sie schaute nicht.

Dann sagte ich: „Lottes Babys.“

Alle drei kamen angerannt.

Lotte wirkte zufrieden.

Damit war auch das geklärt.

Eine Woche später fuhr ich mit allen vier zum Tierarzt.

Das war eine Entscheidung, die ich schon bereute, bevor ich die Haustür abgeschlossen hatte.

Drei Kätzchen in einer Transportbox.

Lotte auf der Rückbank.

Ich vorne mit einer Tasche voller Unterlagen, Leckerlis und dem Gefühl, dass ich die Kontrolle über mein Leben endgültig verloren hatte.

Im Wartezimmer saß ein Mann mit einem Dackel.

Der Dackel sah die Box.

Dann sah er Lotte.

Dann sah er mich.

Sein Blick sagte:

„Das ist nicht normal.“

Ich nickte ihm zu.

„Wir wissen es.“

Die Tierärztin war eine ruhige Frau mit silbernen Haaren und einer Art, bei der sogar Menschen freiwillig still sitzen wollten.

Sie untersuchte die Kätzchen.

Alle drei waren gesund.

Etwas dünn.

Etwas dreckig.

Sehr laut.

Dann untersuchte sie Lotte.

Da wurde ich still.

Lotte mochte Tierärzte nicht besonders.

Sie tat dann immer so, als wäre sie eine sehr alte, sehr beleidigte Herzogin.

Aber diesmal blieb sie ruhig.

Die Tierärztin hörte ihr Herz ab.

Lange.

Zu lange für meinen Geschmack.

Dann strich sie Lotte über den Kopf.

„Sie ist alt“, sagte sie leise.

Ich lachte kurz.

So ein falsches Lachen, das man macht, wenn man nicht hören will, was als Nächstes kommt.

„Das weiß sie selbst nicht so genau.“

Die Tierärztin lächelte.

„Doch. Aber sie hat offenbar gerade eine neue Aufgabe gefunden.“

Ich sah zu Lotte.

Sie hatte die Nase an die Transportbox gedrückt.

Mücke drückte von innen ihre winzige Pfote gegen Lottes Schnauze.

„Ist das zu viel für sie?“, fragte ich.

Das war die Frage, die mir seit Tagen im Bauch lag.

Ich hatte Angst, dass die Kätzchen Lotte überfordern.

Dass ich aus Rührung etwas Falsches tat.

Dass ich ihre letzten Jahre nicht leichter, sondern schwerer machte.

Die Tierärztin schwieg kurz.

Dann sagte sie: „Achten Sie auf Pausen. Achten Sie darauf, dass sie genug schläft. Aber manchmal ist Freude nicht das Gegenteil von Ruhe.“

Ich habe diesen Satz mit nach Hause genommen.

Und ich habe ihn nicht vergessen.

Manchmal ist Freude nicht das Gegenteil von Ruhe.

Manchmal ist Freude der Grund, morgens überhaupt aufzustehen.

In den nächsten Wochen lernte ich, wie man mit drei Kätzchen und einer alten Hündin lebt.

Oder besser gesagt:

Ich lernte, dass man es nicht lernt.

Man ergibt sich.

Ich kaufte ein kleines Kratzbrett.

Sie kratzten am Sofa.

Ich kaufte Spielmäuse.

Sie spielten mit meinen Socken.

Ich kaufte einen hübschen Schlafkorb.

Sie schliefen in einem leeren Getränkekarton.

Lotte lag daneben und bewachte sie, als hätten sie dort eine sehr wichtige Konferenz.

Meine Küche sah aus, als hätte ein kleiner Sturm beschlossen, bei mir einzuziehen.

Meine Waschküche war nicht mehr meine Waschküche.

Sie war ein Kinderzimmer.

Mit Fell.

Und Streu.

Und winzigen Pfotenabdrücken auf frisch gewischten Fliesen.

Ich schimpfte oft.

Meistens ohne Erfolg.

„Runter da.“

Knopf blieb oben.

„Nicht in die Pflanze.“

Mücke ging tiefer in die Pflanze.

„Frieda, das ist mein Brot.“

Frieda legte eine Pfote auf mein Brot und sah mich an, als wäre die Sache verhandelbar.

Lotte beobachtete alles.

Wenn eines der Kätzchen zu wild wurde, hob sie den Kopf.

Ein tiefes, kurzes „Wuff“.

Sofort war Ruhe.

Für ungefähr sechs Sekunden.

Dann ging es weiter.

Aber sechs Sekunden sind mit Kätzchen schon ein kleines Wunder.

An einem Dienstag klingelte es.

Vor der Tür stand meine Nachbarin Frau Berger.

Sie wohnte zwei Häuser weiter und war eine von diesen Frauen, die immer wussten, wann die Mülltonnen raus mussten.

Ich wusste das meistens erst, wenn der Wagen schon weg war.

Sie hatte eine kleine Dose in der Hand.

„Ich habe Hühnerfleisch gekocht“, sagte sie. „Ohne Gewürze. Für die Katzen.“

Ich sah sie an.

Frau Berger mochte Katzen nie besonders.

Zumindest hatte sie das immer behauptet.

Sie hatte auch immer behauptet, sie möge keine Kinder.

Trotzdem hatte sie früher jedem Kind in der Straße Bonbons gegeben.

Menschen sind manchmal komplizierter als Tiere.

„Woher wissen Sie von den Katzen?“, fragte ich.

Sie hob die Augenbrauen.

„Man hört sie.“

In diesem Moment fiel hinter mir etwas um.

Dann rannte Mücke mit einem Topflappen im Maul durch den Flur.

Frau Berger sah an mir vorbei.

„Aha“, sagte sie. „Der kleine ist also der Anführer.“

„Leider ja.“

Sie trat nicht ein.

Sie gab mir nur die Dose.

Dann sah sie zu Lotte, die langsam zur Tür gekommen war.

„Na, alte Dame“, sagte Frau Berger.

Lotte ließ sich streicheln.

Das war ungewöhnlich.

Lotte entschied normalerweise selbst, wer ihre königliche Stirn berühren durfte.

Frau Berger kniete sich vorsichtig hin.

Ihre Hand blieb lange auf Lottes Kopf.

Ein bisschen zu lange.

Dann sagte sie leise: „Mein Mann hätte das lustig gefunden.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Ihr Mann war im letzten Winter gestorben.

Seitdem hatte ich sie nur noch mit Einkaufstaschen gesehen.

Nie mit Besuch.

Nie lachend.

Knopf kam angetapst.

Er setzte sich auf ihren Schuh.

Einfach so.

Als hätte er sie ausgesucht.

Frau Berger schaute nach unten.

Knopf schaute nach oben.

Dann kletterte er an ihrem Hosenbein hoch.

„Oh nein“, sagte ich.

„Lassen Sie“, sagte sie.

Und zum ersten Mal seit Monaten hörte ich Frau Berger lachen.

Es war kein großes Lachen.

Nicht laut.

Eher ein kleines, eingerostetes Geräusch.

Aber es war da.

Von da an kam sie öfter.

Erst mit Futter.

Dann mit alten Handtüchern.

Dann mit einer kleinen Decke, die sie angeblich übrig hatte.

Ich sagte nichts.

Die Decke war frisch gewaschen.

Und sie roch nach Lavendel.

Niemand hat so etwas einfach übrig.

Manchmal blieb sie nur zehn Minuten.

Manchmal eine Stunde.

Sie saß am Küchentisch, trank Kaffee und ließ Knopf auf ihrem Schoß schlafen.

Lotte lag daneben.

Als hätte sie auch Frau Berger adoptiert.

Vielleicht hatte sie das.

Lotte war in diesen Dingen schneller als ich.

Im zweiten Monat wurden die Kätzchen größer.

Nicht vernünftiger.

Nur größer.

Mücke entdeckte, dass man auf den Esstisch springen konnte.

Knopf entdeckte, dass Gardinen nicht für immer halten.

Frieda entdeckte, dass man Menschen erziehen kann, wenn man sie lange genug anstarrt.

Ich wurde weicher.

Das merkte ich daran, dass ich Dinge sagte wie:

„Nein, du bekommst nichts von meinem Käsebrot.“

Und dann bekam Frieda ein winziges Stück.

Ich merkte es auch daran, dass ich wieder Besuch bekam.

Meine Tochter kam an einem Sonntag vorbei.

Eigentlich nur kurz.

Sie blieb drei Stunden.

Sie saß auf dem Boden, im guten Mantel, und ließ Mücke an ihrem Schal ziehen.

„Mama“, sagte sie irgendwann, „du klingst am Telefon anders.“

„Wie anders?“

Sie sah sich um.

Auf den umgekippten Wäschekorb.

Auf Lotte, die mit geschlossenen Augen zwischen drei Katzen lag.

Auf mich, die mit Katzenstreu an der Socke Kaffee einschenkte.

„Weniger müde“, sagte sie.

Ich tat so, als müsste ich in den Schrank schauen.

Manchmal muss man nicht zeigen, dass einen ein Satz trifft.

Manchmal reicht es, wenn man ihn behält.

Abends, nachdem meine Tochter gegangen war, saß ich mit Lotte auf dem Teppich.

Die Kätzchen jagten einen alten Schnürsenkel.

Lotte legte ihren Kopf auf mein Knie.

Ich kraulte die Stelle hinter ihrem Ohr.

„Du hast das gut gemacht“, sagte ich.

Sie schloss die Augen.

Ich weiß, Hunde verstehen nicht jedes Wort.

Aber sie verstehen, wenn man es ernst meint.

Im dritten Monat passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Die Frau von der Pflegestelle rief wieder an.

Ich erschrak, als ich ihre Nummer sah.

Nicht, weil ich etwas falsch gemacht hatte.

Sondern weil ein kleiner Teil von mir immer noch dachte, jemand könnte sagen:

„So, jetzt geben Sie die Katzen bitte ab.“

Sie sagte aber etwas anderes.

„Ich wollte nur hören, wie es Ihnen geht.“

Ich schaute ins Wohnzimmer.

Mücke hing halb im Bücherregal.

Knopf schlief in Frau Bergers mitgebrachter Decke.

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