Und trotzdem hatte ich mich noch nie so allein gefühlt.
Auf der Arbeit versuchte ich, normal zu wirken.
Ich kontrollierte Listen, telefonierte mit Fahrern und erklärte einem jungen Kollegen zum dritten Mal, warum bestimmte Waren nicht vor dem Notausgang stehen durften.
Doch innerlich war ich wie ausgehöhlt.
Mein Kollege Ralf bemerkte es.
Ralf war 61, Buchhalter, seit der Ausbildung im selben Betrieb und ein Mann, der selten mehr sagte als nötig.
Eines Mittags setzte er sich in der Kantine neben mich.
„Du siehst aus wie ein nasser Waschlappen.“
„Danke.“
„War nicht als Beleidigung gemeint.“
„Wie dann?“
Er schob mir wortlos einen Kaffee hin.
„Du musst nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.“
Ich starrte auf meine Suppe.
„Vielleicht hatte sie recht.“
„Womit?“
„Vielleicht habe ich mich zu früh zufriedengegeben.“
Ralf kaute langsam.
„Du hast dreißig Jahre gearbeitet, ein Haus bezahlt und dich um deine Familie gekümmert.“
„Für Sabine war das offenbar nicht genug.“
„Sabine verwechselt genug mit glänzend.“
Ich antwortete nicht.
Damals wusste ich noch nicht, wie recht er hatte.
Die schlimmsten Abende kamen, nachdem ich ihre Bilder gesehen hatte.
Zuerst nahm ich mir vor, nicht nachzuschauen.
Dann lag ich nachts im Bett, griff doch zum Handy und suchte ihr Profil.
Sabine saß in Restaurants mit weißen Tischdecken.
Sabine stand auf einer Dachterrasse neben Menschen, die ich nicht kannte.
Sabine trug neue Kleider, hielt Sektgläser in die Kamera und schrieb Sätze über Neuanfänge und Freiheit.
Unter den Bildern standen Kommentare.
„Endlich lebst du!“
„Du hast Besseres verdient.“
„Jetzt beginnt dein wahres Leben.“
Jeder dieser Sätze traf mich.
Nicht weil ich ihr kein Glück gönnte.
Sondern weil es aussah, als wäre ich das Hindernis gewesen, das sie endlich überwunden hatte.
Nach zwei Wochen löschte ich die App.
Doch ihre Worte blieben.
Du bist ein guter Mensch, aber das reicht mir nicht.
Meine finanzielle Lage wurde enger, als ich erwartet hatte.
Die Miete, die Kaution und die Kosten der Trennung fraßen meine Rücklagen auf.
Dann musste der Kombi in die Werkstatt.
Kurz darauf gab der Kühlschrank in meiner Wohnung den Geist auf.
Ich kaufte einen kleinen gebrauchten Ersatz und schleppte ihn mit Ralf drei Stockwerke hoch.
An einem Freitagabend saß ich am Küchentisch und öffnete mein Bankkonto.
Nach allen Abbuchungen waren noch 47 Euro übrig.
Siebenundvierzig Euro bis zum Monatsende.
Mit 56 Jahren rechnete ich wieder aus, ob ich mir Fleisch leisten konnte oder lieber Kartoffelsuppe kochen sollte.
Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen.
Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob Sabine mich vielleicht klarer gesehen hatte als ich selbst.
Vielleicht war ich wirklich stehen geblieben.
Vielleicht hatte ich mich hinter Pflichtbewusstsein versteckt, weil ich Angst vor Veränderungen hatte.
Vielleicht war mein ganzes Gerede über Sicherheit nur eine Entschuldigung.
Diese Gedanken fraßen sich in mich hinein.
Doch jeden Morgen klingelte der Wecker um 4.35 Uhr.
Und jeden Morgen stand ich auf.
Nicht aus Stärke.
Aus Gewohnheit.
Manchmal ist Gewohnheit das dünne Seil, an dem man sich festhält, bis die Kraft zurückkommt.
Eines Samstags öffnete ich einen Karton, den ich seit dem Umzug nicht angerührt hatte.
Darin lag das Fotoalbum.
Ich setzte mich auf den Boden und blätterte.
Sabine und ich vor dem Brandenburger Tor, beide mit unmöglichen Frisuren.
Sabine im roten Wollpullover.
Ich mit Schnurrbart, den sie damals angeblich attraktiv fand.
Unser erstes Weihnachten im Reihenhaus.
Meine Eltern am Küchentisch.
Ihre Mutter unter dem Apfelbaum.
Bilder von Menschen, die inzwischen gestorben waren.
Bilder aus einer Zeit, in der niemand ein Essen fotografierte, bevor er es aß.
Ich blieb an einem Foto hängen.
Sabine schlief darin auf dem Beifahrersitz unseres ersten Autos. Ihr Mund stand leicht offen, und auf ihrem Schoß lag eine Straßenkarte.
Auf die Rückseite hatte sie geschrieben:
„Mit Martin würde ich mich überallhin verirren.“
Ich musste lachen.
Dann weinte ich.
Danach klappte ich das Album zu.
Nicht aus Wut.
Sondern weil ich begriff, dass auch schöne Erinnerungen einen Menschen gefangen halten können.
Am nächsten Morgen ging ich spazieren.
Nur zwanzig Minuten.
Zwei Tage später wieder.
Dann kaufte ich mir gebrauchte Wanderschuhe und lief am Wochenende durch den Habichtswald.
Ich begann, abends zu lesen, statt auf das Handy zu starren.
Ich kochte richtige Mahlzeiten.
Ich rasierte mich wieder regelmäßig.
Es waren kleine Dinge.
Aber kleine Dinge hatten schon einmal ein Leben aufgebaut.
Warum sollten sie es nicht noch einmal tun?
Drei Monate nach der Trennung fuhr ich an einem Samstag zu einem Discounter.
Der Tank war fast leer, also hielt ich an einer kleinen Tankstelle am Stadtrand.
Die Preistafel war ausgebleicht. Auf dem Hof zog sich ein Riss durch den Asphalt. Hinter der Kasse stand ein Mann mit grauem Bart und einer Lesebrille an einer Kordel.
Ich tankte für zwanzig Euro.
Mehr wollte ich nicht ausgeben.
Drinnen nahm ich eine Flasche Wasser und ein belegtes Brötchen.
Während der Kassierer die Sachen über den Scanner zog, fiel mein Blick auf eine kleine Anzeige neben dem Tresen.
Der Jackpot einer bundesweiten Zahlenlotterie lag bei 68 Millionen Euro.
Ich spielte nie.
Mein Vater hatte immer gesagt, Glücksspiel sei eine Steuer für Menschen, die schlecht rechnen könnten.
Der Kassierer bemerkte meinen Blick.
„Ganz schöner Topf.“
„Für jemanden bestimmt.“
„Vielleicht für Sie.“
Ich schnaubte.
„Ich habe in letzter Zeit nicht den Eindruck, dass das Glück mich kennt.“
Der Mann legte den Kopf schief.
„Manchmal braucht es länger, bis es die Adresse findet.“
Ich nahm mein Wechselgeld und ging zur Tür.
Meine Hand lag schon am Griff.
Dann hörte ich Sabines Stimme in meinem Kopf.
Mach endlich etwas aus deinem Leben.
Es war unsinnig.
Ein Lottoschein war kein Lebensplan.
Trotzdem drehte ich mich um.
„Was kostet ein Tipp?“
Der Kassierer nannte den Betrag.
Ich bezahlte, kreuzte Zahlen an, die mit Geburtstagen zu tun hatten, und steckte den Schein in mein Portemonnaie.
Auf dem Parkplatz schüttelte ich über mich selbst den Kopf.
„Jetzt wirst du wunderlich, Martin“, murmelte ich.
Drei Tage später klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Normalerweise nahm ich solche Anrufe nicht an.
An diesem Morgen tat ich es.
„Spreche ich mit Herrn Martin Keller?“
„Ja.“
Die Stimme einer Frau klang ruhig und professionell.
Sie erklärte, sie rufe wegen eines registrierten Spielscheins an.
Sofort dachte ich an Betrug.
„Ich gebe am Telefon keine Kontodaten heraus.“
„Das sollen Sie auch nicht.“
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