Ich sah, wie Johanna die Lippen zusammenpresste.
„Dann ist sie bestimmt jeden Tag traurig.“
Frau Neumann ging in die Hocke.
„Wir kümmern uns gut um sie. Aber für viele Katzen ist ein richtiges Zuhause natürlich schöner.“
Im Besuchsraum setzte sich Johanna auf einen Stuhl.
Frau Neumann brachte Wilma vorsichtig herein und stellte sie auf eine weiche Decke.
Die Katze blieb zunächst ganz still.
Sie schnupperte am Stoff, schaute zur Tür und setzte sich dann wieder hin.
Johanna streckte langsam ihre Hand aus.
„Hallo, Wilma.“
Nichts geschah.
Ich dachte schon, dass die Katze gar keinen Kontakt wollte.
Doch nach einer Weile bewegte sie sich.
Ganz langsam kam sie näher.
Sie senkte ihren Kopf und berührte mit ihrer Wange Johannas Finger.
Nur für einen Augenblick.
Dann blieb sie stehen.
Johanna schaute mich an.
„Mama, hast du das gesehen?“
Ich nickte.
„Ja, mein Schatz.“
„Sie mag mich.“
Frau Neumann lächelte.
„Das könnte gut sein.“
Und dann geschah etwas, das mich endgültig weich werden ließ.
Wilma legte ihren Kopf ein zweites Mal gegen Johannas Hand.
Diesmal blieb sie dort.
Johanna streichelte sie vorsichtig hinter dem Ohr.
„Du bist gar nicht zu alt“, flüsterte sie. „Du bist genau richtig.“
Ich musste mich setzen.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Nur Johannas kleine Hand bewegte sich langsam über das graue Fell.
Schließlich fragte ich Frau Neumann nach Wilmas Gesundheitszustand.
Sie erklärte, dass die Katze tierärztlich untersucht worden sei. Die Zähne müssten im Blick behalten werden, und regelmäßige Kontrollen seien wegen ihres Alters wichtig.
Ansonsten sei sie derzeit in einem stabilen Zustand.
Auch über mögliche Kosten sprachen wir offen.
Ich hörte aufmerksam zu.
Natürlich hatte ich weiterhin Bedenken.
Elf Jahre waren elf Jahre.
Ich wusste, dass wir vielleicht nicht so viele gemeinsame Jahre bekommen würden wie mit einem Jungtier.
Und ich wusste auch, wie sehr Johanna leiden würde, wenn wir Wilma irgendwann verlieren müssten.
Doch als ich meine Tochter ansah, verstand ich plötzlich etwas.
Johanna hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie viele Jahre Wilma noch bleiben könnte.
Sie hatte nur gesehen, dass diese Katze jetzt jemanden brauchte.
„Mama?“, fragte sie vorsichtig.
„Ja?“
„Darf Wilma mit uns nach Hause?“
Ich schaute die alte Katze an.
Dann meine Tochter.
„Wenn wir sie nehmen, kümmern wir uns richtig um sie. Auch wenn sie krank wird oder viel Geduld braucht.“
Johanna nickte so heftig, dass ihre Haare ins Gesicht fielen.
„Versprochen.“
Ich atmete tief durch.
„Dann nehmen wir Wilma.“
Johanna sprang auf und umarmte mich.
So fest, dass ich beinahe vom Stuhl rutschte.
„Danke, Mama! Danke!“
Frau Neumann wirkte ebenfalls gerührt.
Wir besprachen alles Weitere, füllten die Unterlagen aus und vereinbarten die nächsten Schritte.
Nach der erfolgreichen Vermittlung fuhren wir mit Wilma nach Hause.
Während der Fahrt stand die Transportbox sicher befestigt auf der Rückbank.
Johanna redete die ganze Zeit mit ihr.
„Du bekommst ein eigenes Körbchen. Und wir haben ein Fenster, durch das du in den Hof schauen kannst.“
Wilma antwortete nicht.
„Ich zeige dir auch mein Zimmer. Aber du musst nicht bei mir schlafen, wenn du nicht möchtest.“
Dann wurde Johanna etwas leiser.
„Bei uns darfst du bleiben.“
Ich schaute kurz in den Rückspiegel.
Meine Tochter saß ganz ernst neben der Box.
„Auch wenn du manchmal Angst hast“, fügte sie hinzu. „Wir haben auch manchmal Angst.“
Ich musste mich wieder auf die Straße konzentrieren.
Zu Hause stellten wir die Transportbox im Wohnzimmer ab.
Wir hatten bereits einen ruhigen Platz vorbereitet, mit Katzenklo, Wasser, Futter und einer weichen Decke.
Doch kaum öffnete ich die Box, schlich Wilma hinter das Sofa.
Und dort blieb sie.
Eine Stunde.
Zwei Stunden.
Den ganzen Nachmittag.
Johanna setzte sich immer wieder auf den Teppich und sprach mit ihr.
„Wilma, möchtest du etwas essen?“
Keine Reaktion.
„Ich habe dir Wasser hingestellt.“
Nichts.
Abends war das Futter noch unberührt.
Langsam wurde ich nervös.
Ich fragte mich, ob ich einen Fehler gemacht hatte.
Vielleicht war die Umstellung für Wilma zu groß.
Vielleicht hätte sie sich in einer ruhigeren Wohnung wohler gefühlt.
Vielleicht hatte ich mich von Johannas Mitgefühl zu einer Entscheidung hinreißen lassen, die uns alle überforderte.
Ich stand in der Küche und betrachtete die Rechnungen auf dem Tisch.
Die Miete.
Der Strom.
Die Ausgaben für den nächsten Monat.
Und jetzt eine alte Katze, die sich nicht einmal hinter dem Sofa hervortraute.
Ich schämte mich für den Gedanken, aber für einen Moment bereute ich unsere Entscheidung.
Später brachte ich Johanna ins Bett.
„Mama, kommt Wilma irgendwann raus?“
„Bestimmt. Sie braucht einfach Zeit.“
„Ist sie böse auf uns?“
„Nein, Schatz. Sie kennt uns nur noch nicht.“
Johanna dachte kurz nach.
„Dann warten wir eben.“
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und löschte das Licht.
Gegen halb elf wollte ich auch schlafen gehen.
Im Wohnzimmer brannte noch die kleine Stehlampe.
Als ich hineinkam, blieb ich stehen.
Johanna lag auf dem Teppich.
Sie hatte ihre Bettdecke mitgebracht und sich direkt neben das Sofa gelegt.
Ihr Kopf ruhte auf einem kleinen Kissen.
Ein Arm lag ausgestreckt in Richtung des schmalen Spalts unter dem Möbelstück.
Ich wollte sie gerade wecken, als ich ihre Stimme hörte.
„Du musst heute noch nicht rauskommen, Wilma.“
Ich hielt inne.
Johanna war wach.
Sie sprach ganz leise, als wollte sie niemanden erschrecken.
„Ich weiß nicht, ob du deine alte Frau vermisst.“
Eine kleine Pause.
„Ich vermisse meinen Papa auch manchmal.“
Mir wurde heiß und kalt zugleich.
Johanna fuhr fort.
„Manchmal denke ich, dass er am Sonntag kommt. Aber dann kommt er doch nicht.“
Ich stand wie angewurzelt.
„Mama sagt, dass ich nichts falsch gemacht habe. Aber manchmal frage ich mich trotzdem, warum er nicht mehr so oft hier ist.“
Ich presste meine Hand gegen den Mund.
Dann hörte ich Johanna wieder flüstern.
„Du musst nicht sofort lieb zu mir sein, Wilma. Ich möchte nur nicht, dass du dich allein fühlst.“
In diesem Moment konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Ich hatte gedacht, meine Tochter wollte einfach ein Haustier.
Etwas zum Spielen.
Etwas zum Kuscheln.
Doch nun begriff ich, dass sie in dieser alten Katze etwas erkannt hatte, das ich lange übersehen hatte.
Dieses stille Warten.
Die Hoffnung, dass jemand zurückkommt.
Die Angst, vergessen worden zu sein.
Ich setzte mich vorsichtig neben Johanna.
Sie erschrak ein wenig.
„Mama?“
„Ja, mein Schatz.“
„Bist du böse, weil ich nicht im Bett bin?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Ich wollte nur, dass Wilma merkt, dass jemand da ist.“
Ich nahm sie in den Arm.
„Das merkt sie bestimmt.“
Johanna legte ihren Kopf an meine Schulter.
„Mama, glaubst du, sie wird uns irgendwann vertrauen?“
Ich schaute zum Sofa.
Unter dem Rand konnte ich zwei graue Pfoten erkennen.
„Ich glaube, wir müssen ihr einfach Zeit geben.“
Johanna nickte.
„Dann bleibe ich noch ein bisschen hier.“
Normalerweise hätte ich sie sofort zurück ins Bett geschickt.
Aber an diesem Abend konnte ich es nicht.
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